Stand: 30.01.2019 20:00 Uhr

Diesel: Lungenärzte machen Medienkarriere

von Kathrin Drehkopf und Sophia Münder

Die Diesel-Debatte bewegt Deutschland: Tempolimits und Feinstaub-Grenzwerte werden diskutiert, Bürger gehen auf die Straße und demonstrieren in Gelbwesten gegen Fahrverbote für Diesel-Fahrer. Die Debatte hatte zuvor Fahrt aufgenommen, weil der Lungenfacharzt Dieter Köhler, ehemals Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, in einer Stellungnahme die Grenzwerte für Stickoxide in Frage gestellt hatte. Mehr als 100 Fachkollegen unterstützten seine Aktion. In dem Papier heißt es, die Unterzeichner sehen derzeit "keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und NOx".

Autoabgase aus einem Auspuff © Fotolia.com Foto: fotohansel

Diesel: Lungenärzte machen Medienkarriere

ZAPP -

Rund 100 Lungenärzte stellen sich gegen die allgemeine Beurteilung von Gefahren durch den Diesel - und alle Medien springen auf. Inhaltliche Recherche findet dabei kaum statt.

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Die "Welt" hatte die Stellungnahme exklusiv veröffentlicht. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nannte das Papier einen "wichtigen und überfälligen Schritt, um Sachlichkeit und Fakten" in die Debatte zu bringen und viele Medien sprangen auf die Berichterstattung auf. "Welt"-Chef Ulf Poschardt kann den Medien-Hype nachvollziehen: "Ich glaube, dass die erhitzte Diskussion auch damit zu tun hat, dass es hier nicht nur um Tempolimit und Fahrverbote geht, sondern generell das Gefühl, dass ein politisch und lebensweltlich privilegierter Bereich der Öffentlichkeit einer großen Mehrheit von Menschen vorschreiben will, was okay ist und was nicht."

"Debatte gehört in den wissenschaftlichen Diskurs - und nicht in Talk-Shows"

Der Lungenarzt Kai-Michael Beeh, Leiter des Instituts für Atemwegsforschung in Wiesbaden, kritisiert die Berichterstattung: "Weil ich glaube, dass es eine Debatte ist, die zunächst mal in die Gremien und den wissenschaftlichen Diskurs gehört - und nicht in Talk-Shows."

Doch zur Zeit ist Lungenarzt Köhler, offiziell im Ruhestand, ein viel geladener Gast und Interviewpartner in Talk-Shows. Der "tageszeitung" (taz)-Journalist Malte Kreutzfeldt hinterfragt seine Rolle: "Herr Professor Köhler gibt sich als Underdog, der sich jetzt traut unbequeme Wahrheiten auszusprechen." Journalisten hätten aber die Pflicht, die Meinung auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Köhler habe außerdem nie zu Feinstaub geforscht und würde mit seiner Stellungnahme eine Minderheit der Lungenärzte vertreten: Denn nur rund drei Prozent der 3.800 angefragten Mitglieder der Gesellschaft für Pneumologie haben seine Stellungnahme unterschrieben.

Lungenarzt Kai-Michael Beeh, Leiter des Instituts für Atemwegsforschung in Wiesbaden © NDR

Beeh: "Die Debatte verrennt und polarisiert sich immer mehr"

Lungenarzt Kai-Michael Beeh kritisiert die Berichterstattung über die allgemeine Beurteilung von Gefahren durch den Diesel: "Weil ich glaube, dass es eine Debatte ist, die zunächst mal in die Gremien und den wissenschaftlichen Diskurs gehört - und nicht in Talk-Shows."

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Dieter Köhler vergleicht die Gesundheitsgefahr des Feinstaubs auf der Straße mit dem Anzünden von Kerzen auf einem Adventskranz. Da würde man den doppelten bis vierfachen Grenzwert messen. Gern zieht er auch den Vergleich mit Rauchern. Lungenarzt-Kollege Beeh kritisiert diese Thesen. Die Vergleiche seinen zwei verschiedene paar Schuhe. "Das löst das Problem nicht, ob aktuelle gemessene Werte auf Straßen für die Allgemeinbevölkerung eine Gefahr darstellen oder nicht."

Kritik an der Berichterstattung

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Hatte in einer Stellungnahme die Grenzwerte für Stickoxide in Frage gestellt: Lungenfacharzt Prof. Dr. Dieter Köhler.

Dieter Köhler fungiert als Gesicht der Stellungnahme, die allerdings von vier Personen verfasst wurde. Christina Deckwirth von Lobbycontrol, einer Organisation, die den Einfluss von Lobbyisten aufdeckt, findet das bemerkenswert: "Es ist schon sehr auffällig, dass dort zwei Personen dabei sind, die eine gewisse Nähe zur Autoindustrie haben." Es sei sehr wichtig, dass das auch in der Medienberichterstattung benannt werde.

Über die "Bild"-Berichterstattung, die "Alles Lüge mit dem Diesel-Feinstaub" titelte, hat sich der Lungenarzt Kai-Michael Beeh besonders geärgert. Seriöse Wissenschaftler, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigen, würden dadurch diskreditiert. taz-Journalist Malte Kreuzfeldt kritisiert die "Welt", die die Stellungnahme exklusiv veröffentlicht hatte: Sie hätte die Geschichte nicht eingeordnet und die Lungenärzte zu Wissenschaftlern geadelt. "Welt"- Chef Poschardt weist die Vorwürfe zurück: "Wir haben denen den Raum gegeben, den sie, wie man an allen anderen sieht, eben auch anderswo bekommen haben".

Lungenfacharzt Beeh fürchtet, dass viele Leute jetzt den Eindruck hätten, sie würden belogen und manipuliert. "Das wird durch eine Berichterstattung, die das eins zu eins für bare Münze nimmt und als Expertenmeinung unwidersprochen verbreitet wird, natürlich den Effekt haben, dass die Diesel-Fahrerinnen und Fahrer sich noch mehr im Recht sehen werden und sagen: 'Es ist doch alles nur Schikane'."

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NDR Info

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NDR Info

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ZAPP | 30.01.2019 | 23:20 Uhr