Christoph Metzelder auf dem Weg zum Gerichtssaal © picture alliance/dpa Foto: Rolf Vennenbernd

Die Medien und der Fall Metzelder

Sendedatum: 11.09.2019 23:20 Uhr

Zehn Monate auf Bewährung, so lautet das Urteil des Amtsgerichts Düsseldorf gegen den Ex-Fußballprofi Christoph Metzelder. Während der Ermittlungen, im Prozess und beim Urteil haben die Medien eine besondere Rolle gespielt.

von Nils Altland

"Ich akzeptiere die Strafe und bitte die Anwesenden stellvertretend für alle Opfer sexueller Gewalt um Entschuldigung. Ich hinterlasse eine Wunde, die niemals verheilen wird." Mit diesen Worten gab Christoph Metzelder vor dem Amtsgericht Düsseldorf ein Teilgeständnis ab. Es war der erste und letzte Prozesstag in einem Verfahren, das seit Monaten mit großer Spannung erwartet wurde. Die Anklage: Besitz von 297 kinderpornografischen Bildern, Weitergabe von 29 solcher Bilder. Christoph Metzelder, der ehemalige Spitzenfußballer, ehrenamtlich engagiert für Kinder und Jugendliche. Ausgerechnet er soll im August 2019 in Chats an drei Frauen solche Bilder verschickt haben. Die Fallhöhe könnte nicht größer sein. Das Medieninteresse war dementsprechend.

Großes Medieninteresse vor Gericht

Am Morgen hatte Metzelder das Gerichtsgebäude unter den Augen der Presse betreten. Für viele Reporter ein lang erwarteter Moment, denn seit Beginn der Ermittlungen vor anderthalb Jahren war der ehemalige Fußballprofi nicht mehr öffentlich zu sehen. Thorsten Lenze war als Reporter für das WDR Fernsehen vor Ort: "Das Gericht hat uns vorher Bereiche zugeteilt, in denen wir stehen dürfen, sowohl drinnen als auch draußen. Es gab eine klare Ansage: Keine Schalten, keine Fotos, keine Filmaufnahmen außerhalb dieser abgegrenzten Flächen. Daran haben sich meines Erachtens nach auch alle gehalten." 

VIDEO: Wurde Christoph Metzelder medial vorgeführt? (1 Min)

Dabei hätte es auch anders kommen können, denn in der Berichterstattung über diesen Fall haben einige Medien Grenzen überschritten. 

Die BILD-Zeitung als Akteur

Von Beginn an spielte die BILD-Zeitung eine entscheidende Rolle in dem Ermittlungsverfahren. Die wichtigste Zeugin, eine Frau aus Hamburg, hatte offenbar im Spätsommer 2019 nicht zuerst der Polizei, sondern BILD von den belastenden Chats erzählt. BILD-Reporter waren dann auch live dabei, als Ermittler die Düsseldorfer Wohnung von Metzelder durchsuchten. Damit war der vernichtende Vorwurf der Kinderpornografie in der Welt. Heute sendete BILD live während des Prozesses mit Schalten vor das Düsseldorfer Landgericht und mit zahlreichen Interviews. BILD-Textchefin Linna Nickel beurteilte noch vor dem Urteil die Vorwürfe so: "Da wird mir einfach nur schlecht."

Berichterstattung mit Hindernissen

Metzelders Medienanwalt Heiko Klatt verschickte seit 2019 presserechtliche Informationsschreiben an zahlreiche Medien, die über den Fall berichteten. Darin beklagte er, dass "in weiten Teilen der bisherigen Berichterstattung die Grenzen einer zulässigen Verdachtsberichterstattung bezüglich nahezu aller hierfür erforderlichen Voraussetzungen in signifikantem Umfang nicht eingehalten worden" seien. Danach wurde es in der Berichterstattung über den Fall eher ruhig. Das könnte auch daran liegen , dass Klatt gegen viele Medienberichte vorging. Auch ein ZAPP-Bericht vom September 2019, der  die Vorverurteilung von Metzelder durch die Medien kritisch hinterfragte, wurde in Bezug auf ein Zitat von Bild-Chef Julian Reichelt mit einer einstweiligen Verfügung belegt.

VIDEO: Die Medienarbeit der Verteidigung von Christoph Metzelder (1 Min)

Sogar dem Gericht selbst warfen Metzelders Anwälte vor, seine Persönlichkeitsrechte verletzt zu haben. Im September 2020 hatte das Amtsgericht Düsseldorf Metzelder in einer Pressemitteilung namentlich genannt und weitere Details aus der Anklageschrift öffentlich gemacht. Dagegen gingen seine Anwälte vor und bekamen vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster teilweise Recht.

Im Februar dieses Jahres erschien ein langer Artikel in der ZEIT, der ausführlich beschreibt, wie Metzelder die kinderpornografischen Bilder an eine Frau versendete, mit der er zu der Zeit ein Verhältnis hatte. Es war eine Art Wendepunkt in der Berichterstattung über den Fall: Die Details in dem Text waren für Metzelder erdrückend, viele Medien berichteten darüber. Heute sucht man allerdings im Netz vergeblich nach dem ZEIT-Artikel, auch in der Digitalausgabe ist er komplett geschwärzt. Auf ZAPP-Anfrage teilt die ZEIT mit, zu dem Artikel gebe es "eine rechtliche Auseinandersetzung, die noch andauert". Daher wolle man keine weiteren Angabe machen. 

Strafverteidiger gibt denkwürdiges RTL-Interview

Eine gute Woche vor Beginn des Verfahrens meldete sich Metzelders Verteidiger Ulrich Sommer zu Wort, in einem exklusiven Interview mit RTL. Das Interview wirkt, als wolle er der schweren Beweislast, von der zu diesem Zeitpunkt einiges öffentlich ist, etwas entgegensetzen. Sein Mandant sei "natürlich nicht pädophil". Die kinderpornografischen Bilder hätten Metzelder nur dazu gedient, "einen besonderen Kick" zu suchen. "Herr Metzelder war über sich selbst erschrocken, dass es so ein Doppelleben gibt", so Rechtsanwalt Sommer in dem RTL-Interview. 

Für WDR-Reporter Thorsten Lenze war das Interview "nicht stringent". Ihm zufolge ließe sich daraus keine eindeutige Strategie ablesen: "Zum einen ging es ja darum zu sagen, möglicherweise sei das Handy beschafft worden auf einem Weg, der nicht rechtens sei durch die Polizei. Dann wurde ein bisschen versucht, die Hauptbelastungszeugin zu diskreditieren. Möglicherweise sei sie sogar durch Hintermänner gelenkt worden. Zum anderen gab es dann diese Aussagen wie: Christoph Metzelder wolle sich seiner Verantwortung stellen und er habe etwas falsch gemacht." Welche Strategie auch dahinter gesteckt haben mag - mit dem schnellen Urteil nach nur einem Prozesstag wurde jedenfalls verhindert, dass in dem Verfahren noch weitere Details zur Sprache kommen.

Die BILD und das Urteil

Die BILD-Zeitung, die dieses Verfahren mit ausgelöst hatte, scheint mit dem Urteil nicht einverstanden zu sein. Im Titel des aktuellen Online-Berichts deutet sie an, dass die Strafe zu gering sei: "Metzelder kommt mit Bewährung davon". Im Artikel selbst verweist auch BILD auf die Begründung der Richterin und zitiert indirekt, auch die öffentliche Vorverurteilung habe bei dem Urteil für den Angeklagten gesprochen. Damit dürfte sie nicht zuletzt die Berichterstattung von BILD gemeint haben.

Weitere Informationen

Metzelder: Wann berichten über einen Verdacht?

Medien haben aus Fällen wie Jörg Kachelmann gelernt. Sie berichten heute anders über Ermittlungen gegen Prominente. Fragwürdig ist ihre Berichterstattung aber weiterhin. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 11.09.2019 | 23:20 Uhr

JETZT IM NDR FERNSEHEN

Tatort 23:15 bis 00:45 Uhr