Stand: 23.09.2020 16:24 Uhr

Deutlich weniger Bewerber für Journalistenausbildung

von S. Asmus, M. Milatz, K. Nastarowitz
Vor dem Aus: die Evangelische Journalistenschule EJS in Berlin. © NDR
Vor dem Aus: die Evangelische Journalistenschule EJS in Berlin.

Die Evangelische Kirche will ihre Journalistenschule EJS schließen. Der Leiter der Schule, Oskar Tiefenthal, versteht weder das Ansinnen, noch den Zeitpunkt: "Wichtig für die Zukunft ist, dass wir Leute ausbilden, die eine Haltung entwickeln zum Beruf, eine Haltung zur Gesellschaft. Leute, die im Prinzip auch für die Werte einstehen, die unsere Gesellschaft ausmachen. Das finde ich ganz entscheidend. Es ist eben kein Beruf wie jeder andere."

Widerstand gegen Schließung

In den Garten der evangelischen Akademie Schwanenwerder in Berlin sind auch viele Ehemalige der Schule gekommen: Volontäre, Ehemalige und Dozenten der EJS. Sie appellieren an die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche. Die Aufgabe, Fakten zu prüfen und einzuordnen sei heute in Zeiten von sozialen Medien wichtiger denn je. Dafür bräuchte es Journalistinnen und Journalisten, die sich in die Gesellschaft einmischen, die kritisch sind und eine Haltung haben, so die einhellige Meinung der Runde.

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Über 1.500 Unterschriften haben Volontär Daniel Donath und andere gesammelt, um ihre Schule zu erhalten. "Wenn man sich die Liste der Unterzeichner anguckt, die ist ja wirklich gigantisch", findet er. "Das sind wirklich von A bis Z die besten und berühmtesten Journalisten in Deutschland, die sich für diese Schule eingesetzt haben."

Medienkrise macht Schulen zu schaffen

Aber die Herausforderung ist groß. Die Medienkrise hat auch die großen Journalistenschulen erreicht. Dabei geht es um mehr als nur ums Geld. Zapp hat 26 Sender und Journalistenschulen befragt. 14 haben geantwortet. Signifikantes Ergebnis: Die Zahl der Bewerber geht deutlich zurück: In den letzten zehn Jahren um fast 26 Prozent.

Der Bewerber-Rückgang ist offenbar ein höchst sensibles Thema, denn die Befragten antworteten auffallend widersprüchlich. Denn die ZAPP-Umfrage ergibt mehrheitlich einen Bewerberrückgang. Doch bei der Nachfrage, ob deswegen Ausbildungsjahrgänge ausgesetzt werden, zeichneten viele Einrichtungen ein anderes Bild.

Dramatischer Rückgang

Vor dem Aus: die Evangelische Journalistenschule EJS in Berlin. © NDR
Jörg Sadrozinski überrascht die Entwicklung nicht.

Jörg Sadrozinski kennt die Branche. Er leitete die Deutsche Journalistenschule, heute unterrichtet er angehende Journalisten in der Schweiz und er spricht aus, was viele ungern eingestehen: "Als ich meine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule gemacht habe, gab es mehr als 2.000 Bewerberinnen und Bewerber. Als ich die Schule geleitet habe, von 2011 bis 2017, waren es zehn Mal so viele, wie wir Plätze hatten. Also rund 450 im Schnitt würde ich sagen. Das heißt, die Zahlen sind schon dramatisch nach unten gegangen."

Die ZAPP-Umfrage liefert auch die Gründe dafür: Danach sehen viele der befragten Schulen das immer schlechtere Ansehen des Berufes als Grund für den Bewerberrückgang. Die Zahl der Bewerber geht auch zurück, weil Medienhäuser kaum noch sichere Arbeitsplätze bieten - und die Honorare sinken. Das sieht auch Sadrozinski so: "Journalismus zahlt nicht mehr so gut, wie es früher noch üblich war. Natürlich kann man ganz gut davon leben, aber eben auch nicht alle. Und das spricht sich natürlich dann auch in der Branche herum."

Qualität kostet Geld - auch in der Ausbildung

Vor dem Aus: die Evangelische Journalistenschule EJS in Berlin. © NDR
EJS-Leiter Tiefenthal ist beunruhigt.

Wer in diesem Jahr dennoch "irgendwas mit Medien" machen will, steht eventuell vor verschlossenen Türen. Einige Medienhäuser haben den aktuellen Ausbildungsjahrgang gestrichen - Corona-bedingt wie es heißt. Für EJS-Schulleiter Tiefenthal eine bedrohliche Entwicklung: "Wer Qualitätsjournalismus will und wer das im Munde führt, der muss auch Geld für Ausbildung ausgeben. Und es ist nicht glaubwürdig, immer wieder zu betonen, wie wichtig uns in der Medienwelt der Qualitätsjournalismus ist, wenn man nicht bereit ist, Menschen auszubilden, die in der Lage sind, das umzusetzen."

Welchen Wert hat eine professionelle Journalistenausbildung? Nicht nur die Kirche muss darauf eine Antwort finden - auch die Verlage und die Sender tragen dafür gesellschaftliche Verantwortung.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 23.09.2020 | 23:20 Uhr