Stand: 20.06.2018 19:16 Uhr

Der blinde Reisejournalist

von Timo Robben
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Journalist Christoph Ammann (60) riecht an einem Rum. Der blinde Journalist erkundet die Welt nun stärker mit seinen anderen Sinnen - und der Hilfe von Stadtführern.

In dem engen Rum-Museum stehen riesige Destillieranlagen aus frisch poliertem Kupfer. An den Wänden hängen Bilder von früher: als Flensburg noch als die Rum-Hauptstadt galt. Bilder von großen Schiffen, die den Zucker von den Karibischen Inseln herschafften. Die Geschichte steht auf großen Tafeln an den Wänden geschrieben. All das kann der Reisejournalist Christoph Ammann nicht wahrnehmen. Denn er ist blind. Stattdessen riecht er den Rum, hört die karibischen Klänge aus den Lautsprechern. "Ich kann mich nicht mehr auf meine Optik verlassen, deswegen muss ich jetzt auf jedes andere Detail achten", sagt der 60-Jährige.

Christoph Ammann bei seiner Arbeit als blinder Reisejournalist.

Der blinde Reisejournalist

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"Ich kann mich nicht mehr auf meine Optik verlassen, deswegen muss ich jetzt auf jedes andere Detail achten", sagt Christoph Ammann. Der Journalist ist erblindet, aber weiter voll im Einsatz.

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Erbkrankheit führte zur Erblindung

Seit 2010 kann der gebürtige Schweizer nichts mehr sehen - eine Erbkrankheit lässt ihn erblinden. Das hält ihn jedoch nicht von seiner Arbeit ab. Ammann arbeitet seit über 30 Jahren als Reisejournalist. Ist Leiter der Reiseredaktion der Tamedia AG, damit ist er für die Reiseressorts mehrerer Zeitungen zuständig. "Ich bin damals auf meinen Chefredakteur zugegangen und habe ihm gesagt, dass ich blind werde. Der hat gesagt: 'Christoph, du machst hier gute Arbeit und wenn das so weiter geht, ist es mir egal, ob du sehen kannst, oder nicht.'" Ammann leistet nach wie vor gute Arbeit. Kümmert sich nicht nur um die Organisation der Redaktion, sondern schreibt auch selbst noch rund 50 Texte pro Jahr. Dafür hat er extra eine Software, die ihn über seine Kopfhörer durch den Computer leitet. Das Schreiben selbst erledigt er auf einer normalen Tastatur, die Reihenfolge der Buchstaben kennt er noch auswendig.

Weiter für Reportagen unterwegs

Heute ist er in Flensburg unterwegs, zusammen mit dem Stadtführer Johannes Hoppe. Da er selbst nichts sehen kann, muss er sich auf die genaue Beschreibungen des Flensburgers verlassen. Um genug Material für seine Reportage zu sammeln, muss er viel mehr Aufwand betreiben als seine sehenden Kollegen: So ertastet Ammann zum Beispiel die große Säule in der Nikolaikirche, erfühlt das sogenannte "Flensburger Format" - eine bestimmte Form von Ziegelstein. Er riecht an dem ungenießbaren puren Rum, der damals auf den karibischen Inseln an die Sklaven vergeben wurde und probiert natürlich den originalen Flensburger Rum. So erschließt er sich nach und nach die Stadt. "Seitdem ich blind geworden bin, sage ich mir: 'Ich darf mir keine Fehler erlauben.' Ich bin in mancher Hinsicht dadurch gewissenhafter geworden", sagt Ammann.

Stadtführer helfen beim Entdecken

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Die sogenannte Flensburger Welle, eine in die Straße eingelassene Regenrinne mit besonderer Form, dient auch Blinden zur Orientierung.

"Das ist für mich schon was Besonderes", sagt der Stadtführer Hoppe. "Normalerweise bringe ich ja immer Schaubilder mit, anhand derer ich dann erklären kann, wie Flensburg früher ausgesehen hat. Jetzt muss ich das alles selbst erklären." Aber auch der Flensburg-Kenner hat noch was dazu gelernt. Auf jeder Tour erklärt er seinen Zuhörern, was es mit der sogenannten "Flensburger Welle" auf sich hat. Das ist eine Regenrinne in der Innenstadt Flensburgs, die in den Boden eingelassen ist. Mit dem wellenförmigen Muster auf der Rinne hat der Architekt auch gleich Blinden eine Orientierung geschaffen. "Die funktioniert hervorragend", so Ammann. "Das ist natürlich toll, diese Bestätigung. Sozusagen aus erster Hand von einem blinden Gast", sagt Hoppe.

Die Leser müssen sich ja auch die Städte vorstellen

Christoph Ammann kann fremde Städte nicht mehr allein entdecken. Dafür braucht er eine Assistenz. Heute macht das ausnahmsweise seine Frau. "Normalerweise habe ich eine Assistentin, die mich begleitet", sagt Ammann. Die Tour führt die drei durch die Flensburger Nikolaikirche, durch das Rum-Museum, durch verwachsene Innenhöfe und endet natürlich am Flensburger Hafen. "Ich habe wirklich viel gelernt über die Stadt", sagt Ammann. Durch die Eindrücke, die er gesammelt hat und die Erklärungen vom Stadtführer ergibt sich für Ammann ein Bild der Stadt. "Ich stelle mir das dann genau vor", so Ammann. "Mein Vorteil ist ja, dass ich bis vor sieben Jahren noch sehen konnte." Einen Nachteil habe er durch die Sehbehinderung allerdings nicht. Im Gegenteil: Seine Leser müssen sich die Stadt ja auch vorstellen.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 20.06.2018 | 23:40 Uhr