Stand: 24.10.2018 15:40 Uhr

Der Nordkurier und das Doping

von Frank Breuner

Neubrandenburg und der Sport - das ist eine Erfolgsgeschichte. Astrid Kumbernuss, Katrin Krabbe und Franka Dietzsch, Namen, die man weit über die Sportwelt hinaus kennt. Sie machten hier Karriere und holten Goldmedaillen und Weltmeistertitel in die mecklenburgische Stadt. Noch heute hat der Sportclub Neubrandenburg eine immense Bedeutung, im Jahnsportpark ist ein Bundesstützpunkt für Leichtathletik, Kanurennsport und Triathlon angesiedelt.

Eine Erfolgsgeschichte, die zu DDR-Zeiten begann und deshalb auch mit dem systematischen Staatsdoping im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat verbunden ist. Und heute holt die Geschichte manche Akteure noch ein. Dieter Kollark etwa, einer der erfolgreichsten deutschen Leichtathletiktrainer der vergangenen Jahrzehnte - bis heute: Im vergangenen Jahr führte er die Chinesin Gong zum Kugelstoß-Weltmeistertitel, in diesem Jahr belegte die von ihm trainierte Diskuswerferin Claudine Vita Platz vier bei der Europameisterschaft.

Nordkurier © NDR

Der Nordkurier und das Doping

ZAPP -

Über Dieter Kollarks Verstrickungen im DDR-Dopingsystem schreibt man beim Nordkurier nicht so gerne. Stattdessen versucht man mit Boulevard-Berichterstattung zu punkten.

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Verdacht des systematischen Dopings

Vor gut zehn Jahren tauchten Unterlagen der Staatssicherheit auf, die seine Rolle im DDR-Sport aufdeckten. Kollark arbeitete als IM, als "Inoffizieller Mitarbeiter", und steht im Verdacht des systematischen Dopings. Kollark hat sich dazu nie detailliert geäußert.

Zur Leichtathletik-Europameisterschaft beleuchteten "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) und "Berliner Tagesspiegel" Kollarks Vergangenheit im DDR-Leistungssport. Kollark ging dagegen juristisch vor und erwirkte in beiden Fällen eine Gegendarstellung. Eine inhaltliche Prüfung der Argumente Kollarks durch das Gericht fand dabei nicht statt.

Wohlwollende Berichte trotz aller Vorwürfe

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Vor gut zehn Jahren tauchten Unterlagen der Stasi auf, die Dieter Kollarks Rolle im DDR-Sport aufdeckten. Er steht im Verdacht des systematischen Dopings.

In seiner sportlichen Heimatstadt Neubrandenburg hingegen hat er Kritik nicht zu fürchten. Der Nordkurier, die einzige in der Stadt erscheinende Tageszeitung, berichtet seit Jahren wohlwollend über den Erfolgstrainer. Trotz aller Vorwürfe gegen Kollark sah die Redaktion bis vor einigen Wochen keinen Anlass, dessen Stasi-Täter-Akte einzusehen. Erst dann forderte man die Akten an, zehn Jahre nachdem die Vorwürfe öffentlich wurden. Über die Gründe für die Art der Berichterstattung über den Trainer wollte sich der Nordkurier dem NDR gegenüber nicht äußern. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Nordkuriers vermutet dahinter eine Strategie der Zeitung: "Wenn man jetzt dieses letzte Bollwerk der Neubrandenburger Identität den Lesern des Nordkurier madig machen würde mit Berichten über Doping und Stasi, könnte der eine oder andere wohl auch mit der Abbestellung der Zeitung reagieren."

Boulevard-Berichterstattung gegen Abonnenten-Schwund

Der Nordkurier hat, wie alle Tageszeitungen in Mecklenburg-Vorpommern, mit sinkenden Auflagezahlen zu kämpfen. Die Auflage ist in den vergangenen 20 Jahren um fast die Hälfte zurück gegangen. Fast 90 Prozent wird über Abonnements verkauft, die Leser sind älter, oftmals noch in der DDR sozialisiert. Und stolz auf ihre Stadt.

Um den Abonnenten-Schwund zu stoppen, versuche die Redaktion mit Boulevard-Berichterstattung zu punkten, wie der ehemalige Mitarbeiter ZAPP erzählt: "Die Journalisten machen das, was die Reichweite maximiert. Bunter und schriller als früher. Sie vereinfachen, sie übertreiben, sie spitzen zu."

"Unverantwortliches Vorgehen"

Inzwischen fokussiert sich der Nordkurier auf die "Doping-Opfer-Hilfe" und deren Vorsitzende Ines Geipel, die Kollark u.a. Doping von Minderjährigen vorwirft. Der Verein sitzt in Berlin und vertritt nach eigenen Angaben Hunderte betroffener Sportler. In einem Artikel Ende September zitiert die Zeitung Marie K. (der Nordkurier nennt sie mit Klarnamen, ZAPP hat ihr ein Pseudonym gegeben), die selbst bei der "Doping-Opfer-Hilfe" mitgearbeitet hat. Die Zahlen des Vereins seien falsch, Ines Geipel sage die Unwahrheit, so Marie K.. Behauptungen, gegen die sich die "Doping-Opfer-Hilfe" juristisch zur Wehr setzt.

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Der Nordkurier erhebt schwerwiegende Vorwürfe gegen die "Doping-Opfer-Hilfe".

Marie K. ist selbst Doping-Opfer, leidet unter psychischen Problemen, das schreibt auch der Nordkurier. Tatsächlich leidet sie unter psychotischen Schüben, auf ihrer Facebook-Seite wirft sie der Bundesrepublik Deutschland Euthanasie vor und erklärt, dass sie sich an den Schauspieler Tom Hanks gewendet und um Unterstützung gebeten habe. Die Eltern von Marie K. wenden sich nach dem Erscheinen des Artikels an den Chefredakteur, sprechen von "unverantwortlichen Vorgehen". Marie K. habe durch ihre psychotischen Schübe sich selbst und anderen Personen bereits mehrmals schwer geschadet. Für den Anwalt der Doping-Opfer-Hilfe ist das Vorgehen der Zeitung unverantwortlich.

"Keine taugliche Quelle für so schwerwiegende Vorwürfe"

"Der Nordkurier weiß, dass es sich bei Frau K. um eine psychisch kranke Frau handelt. Wenn man ihr Facebook-Profil oder auch ihre privaten Emails liest, dann weiß man, dass sie die Wirklichkeit nicht so wahrnimmt, wie sie tatsächlich ist. Das ist keine taugliche Quelle für so schwerwiegende Vorwürfe, wie der Nordkurier sie erhoben hat. In so einem Fall hätte man die Aussagen sehr, sehr gründlich prüfen müssen, das ist hier nicht geschehen", erklärt Anwalt Jan Hegemann gegenüber ZAPP.

Kampagne gefahren?

Auf Nachfrage beim Nordkurier, warum Marie K. trotz ihrer schweren psychischen Erkrankung befragt wurde, antwortet die Zeitung, dass "man auch psychisch Erkrankten eine Möglichkeit geben wolle, ihre verfassungsmäßigen Grundrechte wahrzunehmen". ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt sieht das anders. "Was für mich dahintersteckt, ist eine ganz klare Strategie, eine Kampagne, die hier gefahren wird, und dann noch den Doping-Hilfe-Verein anzugreifen, der über Jahrzehnte wichtige Aufklärungsarbeit für den Sport betrieben hat, das finde ich sehr sehr bedenklich."

Inzwischen laufen verschiedene juristische Verfahren rund um die Berichterstattung zu Dieter Kollark und der "Doping-Opfer-Hilfe". Fehler kann der Nordkurier bei seiner Arbeitsweise nicht sehen.


25.10.2018 14:35 Uhr

Hinweis: In einer vorherigen Version hatten wir geschrieben, der Nordkurier würde nicht über Kollarks Verstrickungen im DDR-Dopingsystem schreiben. Das ist so nicht richtig.

 

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 24.10.2018 | 23:20 Uhr