ZAPP

Das Medienmagazin

Mittwoch, 05. Dezember 2018, 23:20 bis 23:50 Uhr
Freitag, 07. Dezember 2018, 01:30 bis 02:00 Uhr

Anja Reschke moderiert Zapp.

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Die Themen im Überblick

Angesichts aufgeregter Debatten um Migration und Asyl sind Journalisten mit vielstimmiger Kritik bis hin zu handfesten Drohungen konfrontiert. Immer stärker müssen sie sich in diesen Monaten fragen und fragen lassen, wie sie mit diesen Themen umgehen. ZAPP geht der Kampagne gegen den Migrationspakt nach, fragt, wie eine Journalistin in Cottbus ihre Arbeit versteht und spricht mit der Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling über die Macht der Lügen und den Zusammenhang von aggressiver Sprache und aggressivem Verhalten.

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42:45

Sprache und Ressentiment hängen zusammen

05.12.2018 23:20 Uhr

Die Forscherin Elisabeth Wehling erklärt, wie Sprache das Bewusstsein prägt und verändert - zum Beispiel wenn Flüchtlinge immer zusammen mit Kriminalität genannt werden. Video (42:45 min)

Eine hitzige Debatte

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Aufgehetzte Öffentlichkeit: AfD-Demo gegen den UN-Migrationspakt.

Es scheint, als habe eine Verschiebung in Deutschland stattgefunden: Nicht zuletzt durch die AfD-Präsenz im Bundestag ertönen im Parlament lange nicht mehr für möglich gehaltene Töne, das Sommertheater der Bundesregierung hat die Themen trotz massiv gesunkener Flüchtlingszahlen weiter hochgejazzt - begleitet von Lügen und Hetze im Netz. Zudem scheint es, dass man sich bei manch heißer Diskussion nicht einmal mehr auf das Grundgesetz als verbindende Kraft einigen kann.

Das jüngste Beispiel: Die Diskussion um den UN-Migrationspakt. Erarbeitet als Kompromisspapier von über 190 Staaten, um sich der weltweiten Migration erstmals gemeinsam zu stellen, sie zu strukturieren und zu kanalisieren. In nur wenigen Wochen wurde der Pakt dämonisiert und gebrandmarkt als Anfang vom Ende der Nationalstaaten, gar als großes Umsiedlungsprogramm, um die einheimische Bevölkerung zu marginalisieren und zu entmachten.

Agendasetting von rechts

Während in den großen Medien kaum jemand über den Pakt berichtete - er ist rechtlich nicht bindend und solche UN-Papiere entstehen laufend - formierte sich vor allem in den rechten Netzwerken massiver Widerstand. Es wird verzerrt, gelogen, gehetzt. Vor allem die AfD startet eine massive Kampagne, in der sie in martialischen Bildern vor dem Untergang warnt. Die Presse wird erst aufmerksam, als Österreich Ende Oktober vom Pakt zurücktritt. Erst jetzt beginnt eine breite Diskussion - nachdem im Netz der Pakt längst gekapert ist.

Doch Journalisten stehen vor einer schweren Entscheidung: Inwieweit lässt man sich von Rechten die Agenda diktieren? Macht man rechte Trolldiskussionen hoffähig - oder aber muss man berichten, um der Propaganda Fakten entgegenzustellen - und damit eine breite Diskussion zu ermöglichen?

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05:01

Migrationspakt: Karriere einer Hetzkampagne

05.12.2018 23:20 Uhr

Der UN-Migrationspakt: ein Kompromiss von über 190 Staaten, um sich weltweiter Migration zu stellen. Mittlerweile: dämonisiert als Anfang vom Ende der Nationalstaaten. Video (05:01 min)

Faktenfinder contra Falschmeldungen

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Im Kreuzfeuer der Kritik: Faktenchecker Patrick Gensing.

Auch die Fact-Checker treten auf den Plan. Patrick Gensing und seine Kollegen der Faktenfinder bei ARD-Aktuell versuchen zu erklären, dass die Verhandlungen des Paktes keineswegs im Geheimen stattgefunden haben, sondern Dokumente frei im Netz einsehbar waren. Auch Bundestagsabgeordnete wurden eingeladen an Diskussionen teilzunehmen, aber kaum jemand ging darauf ein - auch die AfD nicht.

Fact-Checking ist mühsam, und oft undankbar. Denn gerade die Berichtigten bezichtigen die Faktensucher oft ihrerseits der Lüge. So wird Patrick Gensing ebenso mit Schmähungen und Drohungen überzogen wie Buzzfeed- Redakteur Karsten Schmehl. Er erzählt, dass sogar seine Adresse im Netz auftauchte: "Das war dann schon so ein Moment, wenn das von Online-Bedrohung zur Offline-Bedrohung wird, dann nimmt das noch einmal eine ganz andere Qualität an."

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05:10

Faktencheck: Die Macht der Lüge

05.12.2018 23:20 Uhr

Für ihre Arbeit bekommen Faktenchecker viel Zuspruch - aber auch jede Menge Anfeindungen und Hass. Vor allem von denjenigen, deren Desinformationen richtig gestellt werden. Video (05:10 min)

"Läuft hier irgendwas falsch?"

Doch es zählen die "Erfolge" der Arbeit. Buzzfeed konnte einen sehr einflussreichen Blogger aus der rechten Szene im Interview stellen und zeigen, dass dieser sich seine Behauptung, bei einer Gewalttat handle es sich um "die größte Gruppenvergewaltigung des Jahrzehnts" offensichtlich keinerlei Belege hatte. Anschließend posteten Facebook-Nutzer dieses Interview auf der Seite des Bloggers. Ganz nach dem Wunsch Schmehls, denn das sorge dafür, "dass Leute ins Gespräch kommen und darüber diskutieren: Läuft hier eigentlich irgendwas falsch?"

Auch im Journalismus selbst sind diese Verschiebungen zu beobachten. War die Berichterstattung 2015 noch geprägt von Empathie bis hin zu Gefühlsduselei angesichts der vielen Helfer für die ankommenden Flüchtlinge, so ist der Fokus in den vergangenen Jahren massiv verrückt worden. Die Kölner Silvesternacht, Freiburg, Kandel - aufwühlende Ereignisse und Verbrechen verunsichern und die Berichterstattung verändert sich. Statt "Wir helfen" prangen auf der "Bild" inzwischen Schlagzeilen wie "Die große Abschiebe-Lüge", "Das hat der Islam mit Terror zu tun" und "So leicht ist es Deutschland abzukassieren". Aber auch liberale Medien wie die "Zeit" fragen im Hinblick auf private Rettungsaktionen im Mittelmeer: "Oder soll man es lassen?" Und der "Stern" schreibt vom "zerrissenen Land" und verbindet auf dem Cover Angela Merkel, die Flüchtlinge und den Mord an einem jungen Mädchen, begangen von einem jungen Asylbewerber.

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04:08

Rechtsruck: Stimmungsmacher in den Medien

05.12.2018 23:20 Uhr

Journalisten schlägt immer mehr Misstrauen entgegen. Anstelle von Fakten treten immer häufiger emotional aufgeladen Debatten - auch bei den Öffentlich-Rechtlichen. Video (04:08 min)

Sprache und Ressentiment hängen zusammen

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Untersucht die Wirkmächtigkeit von Sprache: Elisabeth Wehling.

Für Elisabeth Wehling, Sprach- und Kognitionsforscherin in Berkley in den USA, ist das eine durchaus gefährliche Entwicklung: "So ein Titel, so eine Formulierung macht Angst und definiert aber auch eine Erlösung aus der Angst, nämlich das Abschaffen in diesem Fall einer politischen Figur". Merkel persönlich werde für den Mord haftbar gemacht. Wehling untersucht seit Jahren die Verbindung zwischen Sprache und Bewusstsein, untersucht, wie die Sprache auf das menschliche Gehirn wirkt.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Nutzung der Sprache und dem Anwachsen beispielsweise der fremdenfeindlichen Ressentiments. Bei Wiederholung immer derselben Stereotypen, schleifen sich diese ein: Wenn immer wieder Vergewaltigungen in Zusammenhang mit Migration thematisiert werden, entwickele sich ein Automatismus im Gehirn, der diese beiden Begriffe immer zusammen denkt.

Zuhören - aber nicht nach dem Mund reden

In Cottbus hat sich die Journalistin Simone Wendler von der Lausitzer Rundschau vor allem in den vergangenen Monaten mit solchen Ängsten, aber auch massiver Fremdenfeindlichkeit und Pressefeindlichkeit auseinandersetzen müssen. Jetzt ist sie in Rente gegangen. Ihr Credo: Fakten berichten, zuhören, aber den Menschen nicht nach dem Mund reden. Sie würde sich sehr wünschen, wenn das Asyl-und Flüchtlingsthema sich beruhigen würde - denn die Menschen betreffen andere Entwicklungen in der Region viel mehr, zum Beispiel der Braunkohleabbau.

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04:40

"Den Menschen nicht nach dem Mund reden"

05.12.2018 23:20 Uhr

In Cottbus hat sich die Journalistin Simone Wendler von der "Lausitzer Rundschau" mit massiver Fremdenfeindlichkeit und Pressefeindlichkeit auseinandersetzen müssen. Video (04:40 min)

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Klare Linien ziehen: "Welt"-Chef Ulf Poschardt.

Den Lügen Fakten entgegensetzen, sich keine Themen aufdrängen lassen, den Hetzern auch nicht das Feld überlassen - das sind die Aufgaben von Journalisten in aufgeheizten Wochen wie diesen. "Ich glaube", meint Ulf Poschardt, Chefredakteur der "Welt", "wir müssen die Diskussion mit den Leuten führen, aber nicht uns anpassen, sondern sagen: 'Kritik ja, Verschwörungstheorie nein' - und da gibt es eine ganz klare Linie. Und da verstehe ich unsere Arbeit auch als eine demokratisch wichtige Arbeit". Was er im Hinblick auf den Migrationspakt meint, lässt sich durchaus auf die gesamte Diskussion dieser Tage ausweiten.

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