Stand: 13.02.2018 18:40 Uhr

ByteFM: Webradio jenseits des Mainstreams

von Hendrik Maaßen

Sebastian Reier zieht eine seiner 7.000 Platten aus dem Regal. "Das ist Googoosh. Sie ist weltberühmt, aber hier kennen sie wahrscheinlich nur persischstämmige Menschen. Trotzdem füllt sie alle zwei Jahre die Barcleycard-Arena."

Reier ist Autor der Sendung "Groovie Shizzl", die alle zwei Wochen beim Webradiosender ByteFM läuft. Und er ist DJ und Verkäufer in einem Hamburger Plattenladen. Der 40-Jährige sieht sich als "Vinylarchäologe" und seine Sammlung aus aller Welt zeugt von dieser Leidenschaft - ob indische Horrorfilm-Musik oder die Klänge jemenitischer Juden in Israel. Mit seiner Sendung will er musikalische Fenster zu anderen Musikwelten öffnen: "Große Sender machen Marktforschung und suchen nach Musik, bei der möglichst wenig Leute abschalten - eine Musiksuppe, die laufen kann, ohne zu stören." Seine Sendung ist der Gegenentwurf und steht damit programmatisch für ByteFM: Unterhalten und Musik-Wissen vermitteln. Ob Special Interest wie bei "Groovie Shizzl" oder auch eingängigere Klänge.

Byte FM © NDR

ByteFM: Privatradio jenseits des Mainstreams

ZAPP -

Am 13. Februar war World Radio Day. Seit zehn Jahren sendet das Hamburger Webradio ByteFM ein Musikprogramm, das bei öffentlich-rechtlichen Sendern kaum noch stattfindet.

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ByteFM füllt eine Lücke

"Guten Tag, es ist 12 Uhr. Dies ist ByteFM. Schön, dass ihr zuhört" - mit schlichten Worten ging der Sender am 11. Januar 2008 "on air". Heute arbeiten mehr als 100 Autoren und Moderatoren aus ganz Deutschland für das Webradio, bis zu 50.000 Musikliebhaber hören täglich rein. Finanziert wird das Radio von mehr als 5.000 Fördermitgliedern im Verein "Freunde von ByteFM e.V.".

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Sieht sich als Vinylarchäologe: Sebastian Reier hat die Sendung "Groovie Shizzl" bei ByteFM.

Das Programm füllt eine Lücke: Inhalte, die früher in Musiksendungen öffentlich-rechtlicher Sender stattfanden, werden mittlerweile nicht selten bei ByteFM produziert. Teilweise von denselben Autoren. "ByteFM ist tatsächlich ein Refugium für Autoren, die teils über Jahrzehnte Kultsendungen gemacht haben, die aber dann im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gestrichen wurden", meint Sebastian Reier. Popwellen hätten natürlich ihre Berechtigung, sagt er, kritisiert aber die generelle Entwicklung: "Was ich nicht verstehen kann, ist, wieso es das andere nicht mehr geben soll, wieso der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen Bildungsauftrag da nicht ernst nimmt und auf Quantität statt auf Qualität des Hörens setzt."

ByteFM hat hier seine Nische gefunden: Musikliebhaber, die Lust auf Radio haben. Beispielhaft für eine typische ByteFM-Karriere steht Vanessa Wohlrath, Autorin von "Hertzflimmern": Als Praktikantin fing sie 2010 an, wurde Chefin vom Dienst und schließlich Moderatorin. "Mir gefällt, dass es so viel mit Musik zu tun hat und dass ich so viel Spielraum habe."

Kein Honorar, viel Idealismus

ByteFM sendet rund um die Uhr moderiertes Musikradio, es gibt keine "Hitrotation" oder Werbeblöcke. Das Programm wird aus Spenden finanziert. Honorare kann Senderchef und Gründer Ruben Jonas Schnell seinen Autoren nicht zahlen. Sendeverantwortliche Redakteure werden zwar bezahlt. Doch sie müssen dazuverdienen, nicht wenige mit Schichten bei öffentlich-rechtlichen Sendern. Eine Situation, die Schnell eigentlich schon vor Jahren verbessern wollte: "Autoren zu bezahlen ist auch weiter das große Ziel." Doch dafür bräuchte es mehr Fördermitglieder.

Weitere Informationen

ByteFM

Die Website des Internetsenders mit integriertem Player und umfangreichen Informationen zum Programm. extern

Der unabhängige Musik-Radiosender hat es immerhin geschafft zu überleben. Anders als Dutzende anderer Internetradios. Mittlerweile werden täglich sieben Stunden über Programmfenster zweier analoger Sender in Berlin und Hamburg gesendet. Auch das bringt zwar kaum Geld, aber Reichweite. So sieht Ruben Jonas Schnell trotz knapper Finanzen optimistisch in die Zukunft - die technische Entwicklung könnte den Radiomachern aus dem Hamburger Bunker zugutekommen. "In immer mehr Autos wird bald standardmäßig Internetradio verbaut, das ist eine enorme Reichweite, mit der auch unseres Fangemeinde weiter wachsen wird."

Hinweis der Redaktion: Stefanie Groth hat bis Januar 2016 als Magazin-Moderatorin bei ByteFM gearbeitet und zuletzt im Dezember 2017 einmalig eine Sondersendung über das "Iceland Airwaves Festival" dort moderiert.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 14.02.2018 | 23:20 Uhr