Stand: 02.07.2019 17:31 Uhr

"Braune RAF": Wie berichten über rechten Terror?

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Kassels Regierungspräsident Walter Lübcke wurde Anfang Juni auf der Terrasse seines Wohnhauses erschossen. Er setzte sich für Flüchtlinge ein, wurde dadurch zum Feindbild Rechtsextremer.

Zum ersten Mal wird im Nachkriegs-Deutschland ein Politiker offenbar durch einen Rechtsextremen ermordet. Der Tod Walter Lübckes markiere einen historischen Einschnitt, heißt es in vielen Artikeln. Was bedeutet das für die Berichterstattung über den mutmaßlichen Täter Stephan E., der die Tat anfangs gestanden hat - allerdings angab, allein gehandelt zu haben? Einige Journalisten bemühen Vergleiche, die mehr Fragen aufwerfen, als Antworten geben. Wo hört nüchterne Analyse auf, wo fängt Panikmache an?

 

Das Foto zeigt den "Spiegel"-Titel zum Mord an Walter Lübcke. Zu sehen ist der rechtsextreme Täter, daneben weitere Bilder aus der rechtsxtremen Szene sowie der Titel: "Braune Schläfer - Vater, Nachbar, Killer? Der neue Terror von rechts".

"Braune RAF": Wie berichten über rechten Terror?

ZAPP -

Die Berichterstattung über den Mord an dem Politiker Walter Lübcke ist ein journalistischer Drahtseilakt. Wo hört nüchterne Analyse auf, wo fängt Panikmache an?

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Journalisten schreiben von "Braunen Schläfern" und "Weimarer Republik"

Noch vor dem Geständnis, das Stephan E. nun nach einer Woche überraschend widerrufen hat, war von "braunen Schläfern" ("Spiegel") die Rede oder von einer "rechten Mordbande" (n-tv). "Zeit"-Redakteur Heinrich Wefing zieht in seiner Kolumne über den Fall Lübcke die Weimarer Republik heran und stellt damit letztlich die Frage, ob die Lage in Deutschland schon damaligen Verhältnissen entspreche. Im Interview mit ZAPP sagt er: "Wir sind längst nicht an einem vergleichbaren Punkt. Das heißt aber nicht, dass man nicht darauf hinweisen kann, dass seit der Weimarer Republik kein staatlicher Akteur mehr von Rechten, mutmaßlichen rechten Terroristen ermordet worden ist. Das ist das singulär Neue."

Gefahr von Rechts wurde unterschätzt

Anette Ramelsberger von der "Süddeutschen Zeitung" zieht in ihrer Berichterstattung zum "Fall Lübcke" die RAF heran, um damit eine mögliche Struktur rechtsextremer Netzwerke rund um Stephan E. zu erklären. Im ARD-Talk "Anne Will" sagt sie: "Ich habe das immer wieder erlebt, auch noch während der NSU wütete und die ganzen Morde stattfanden. Da saß ich in Hintergrundrunden bei Sicherheitsexperten, beim BND, beim Verfassungschutz. Und immer wieder haben wir als Journalisten gefragt, gibt es eine braune RAF? Und es wurde immer gesagt: 'Ach ne, die Rechten sind zu dumm' (...) Es stimmt auch diesmal wieder nicht. Der Mann hatte Kontakte, er war eng eingebunden, aber die Verfassungsschützer hatten ihn eben nicht auf dem Schirm."

Ist der Vergleich zur RAF legitim?

Ramelsberger kennt den NSU und weiß, wovon sie schreibt. Dennoch darf man sich fragen, welche Vergleiche zur Beschreibung des mutmaßlichen Täters und seiner rechtsextremen Hintergründe in journalistischen Formaten zu diesem Zeitpunkt zulässig sind und welche vor allem Ängste schüren? In der ZDF-Sendung "Maybrit Illner" vertritt der "Spiegel"-Kolumnist Sascha Lobo die gegensätzliche Meinung: "Schon in der Formulierung 'Braune RAF' liegt eine Merkwürdigkeit. Wir haben einen NSU gehabt. Das war eine terroristische Vereinigung, die vor gar nicht langer Zeit Menschen ermordet hat. Wieso muss man dann irgendwelche 70er-Jahre-Methaphern bemühen?"

Ist der Vergleich zur Weimarer Republik legitim?

Medienwissenschaftler Prof. Hartmut Wessler findet es hingegen legitim, solche Vergleiche zu nutzen: "Grundsätzlich geht es um Kontextualisierung. Bei Terrorismusberichterstattung müssen wir versuchen, Kontexte richtig zu setzen. Der Journalismus muss das versuchen und wir als Mediennutzer eben auch. Ich finde die Kontextualisierung mit der Weimarer Republik nicht zu beanstanden - weil ich denke, die Tatsache, dass es einen historischen Kontext gibt und dass etwas auftritt, das es lange nicht gegeben hat, ist durchaus ein Faktum - wenn es in sozusagen einer nüchternen Analyse der Lage mündet. (...) Bei der 'neuen RAF' ist eben jetzt noch die Frage, ob es eine 'neue RAF' ist. Das halte ich für zunächst einmal unbewiesen, deswegen wäre das eher ein Rechercheansatz für mich als eine Sprachregelung, der man bereits folgen sollte", erläutert er im ZAPP-Interview.

Die Recherchen laufen, die Ergebnisse sind teils widersprüchlich. Während "Monitor" anfangs meldete, Stephan E. habe im März 2019 am konspirativen Treffen der Neonazi-Gruppe "Combat 18" in Mücka teilgenommen, gibt es daran inzwischen Zweifel, deshalb folgte eine korrigierte Darstellung.

Wie aktiv und vernetzt Stephan E. in den letzten Monaten in rechtsextremen Kreisen war, ob er ein Einzeltäter oder Teil eines Netzwerkes war, werden die Ermittlungen zeigen.

Den Täter verpixeln oder nicht?

Begriffe in der Berichterstattung des Falles Lübcke zu hinterfragen, das ist das Eine. Das Andere sind die Bilder: "Spiegel" und "Bild" drucken die Fotos von Stephan E., ohne ihn unkenntlich zu machen. Dabei ist der Mann noch gar nicht verurteilt. Nach einem Geständnis in der vergangenen Woche hat Stephan E. heute widerrufen. Damit stellt sich einmal mehr die Frage: Sollen Namen und Gesichter mutmaßlicher Täter vor einer Verurteilung offen gezeigt bzw. genannt werden?

Der Medienwissenschaftler Prof. Hartmut Wessler meint "Nein": "Der 'Spiegel'-Titel personalisiert und er betont die Bedrohung. Das sind die beiden Dinge, die wir in dem Titel finden. Im Sinne einer sozusagen nüchternen und Rationalität ermöglichenden Diskussion über dieses Thema des rechten Terrors, wäre es besser, man würde da abrüsten und stärker den Hintergrund ausleuchten. Und vor allem den Täter nicht so stark personalisieren."

In eigener Sache

ZAPP wollte in seinem Film alle Bilder verpixeln, auf denen Stephan E. deutlich erkennbar ist. Dabei ist uns an einer Stelle ein Fehler unterlaufen, in dem wir den Titel des "Spiegel" nicht verpixelten. Das bedauern wir.

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ZAPP | 26.06.2019 | 23:20 Uhr