Blutiger Anschlag: Was dürfen Medien über Wien berichten?

Stand: 04.11.2020 19:08 Uhr

Noch während die Polizei fieberhaft nach dem Täter fahndete, gingen die Medien am Montagabend während des Wiener Terroranschlags live auf Sendung - und missachteten zum Teil die ausdrücklichen Bitten der Ermittler. ZAPP hat unter anderem mit dem Chefredateur des Wiener Magazins "Falter" gesprochen.

von Gudrun Kirfel

Wien am Montagabend: Mutmaßungen, Spekulationen und schreckliche Bilder begleiten den Terroranschlag - auch medial geht es teilweise drunter und drüber. Es waren die letzten Stunden vor dem neuerlichen Lockdown. Bis die Innenstadt zur Sperrzone wurde, weil ein junger Mann mordend durch die Straßen zog.

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Florian Klenk, Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung "Falter" © NDR
Seine Redaktion befand sich am Montagabend unverhofft inmitten eines Attentats: Florian Klenk.

Mitten im sogenannten "Bermuda-Dreieck", einem der Ausgehviertel Wiens, liegt die Redaktion des Magazins "Falter". Kurz vor Redaktionsschluss fielen draußen die Schüsse. Chefredakteur Florian Klenk fing an zu twittern - was er dann auch die ganze Nacht lang tat - kurz danach klingelte das Telefon, am anderen Ende der Leitung: der Innenminister. "Er wollte uns informieren, weil unsere Redaktion ja mitten im Geschehen war", berichtet Klenk im Gespräch mit ZAPP. "Wir hatten zu diesem Zeitpunkt auch Schiss, dass möglicherweise auch die Zeitungsredaktion ein Zielobjekt des Terrorismus werden könnte. Das wäre ja nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn man nach Paris schaut."

Polizei bat um Zurückhaltung

Im Netz tauchen kurz nach den Schüssen die ersten Videos auf. Es ist fast so, als würde jeder sein Smartphone aus dem Fenster halten. Die Polizei bittet inständig keine Videos hochzuladen. "Es hat dann auch ein Polizeipressesprecher angerufen", erzählt Klenk, "und da wurde dezidiert gesagt, wir wollen keine Message Control, wir wollen Euch nicht zensieren, wir bitten euch einfach nur: Filmt nicht die Einsatzkräfte! Filmt auch nicht die Opfer!"

Auch auf Twitter wird dieser Appell weiterverbreitet. Aber es hält sich kaum einer dran - zumindest nicht im Privatfernsehen. Doch auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland setzt sich über die Vorgaben der Polizei hinweg. Zeigt wackelige Bilder der Schießerei - als der Polizeieinsatz noch in vollem Gange ist.

Bei OE24, dem größten österreichischen Privatsender wird ein Video nach dem anderen gezeigt und munter drauf los spekuliert, zum Beispiel darüber, ob der Täter ein "Tschetschene" sei. Noch in der Nacht gehen unzählige Beschwerden ein, so Alexander Warzilek vom Österreichischen Presserat am Dienstag: "Bei uns sind bis zum heutigen Nachmittag 1300 Beschwerden zu diesen beiden Videos eingegangen, auf denen man sieht, wie Menschen von den Terroristen gestern in Wien erschossen wurden."

Medien zeigen Propaganda des Täters

In der "Bild"-Zeitung erscheint ein Bild des Täters von dessen Instagram-Account. Volkmar Kabisch beschäftigt sich für den Rechercheverbund von NDR und WDR viel mit Terrorismus. Für ihn will der Täter mit diesem Bild vor allem zeigen: "Ich bin ganz besonders gefährlich, ich bin ein großer Krieger. In der Hoffnung, dass dieses Bild in die Annalen der Geschichte eingeht und möglichst viel verbreitet wird, um Nachahmer zu gewinnen und möglichst viel Anerkennung zu bekommen, die sich diese Täter sehr häufig wünschen."

Der Sprecher von Axel Springer, Christian Senft, sagte dazu auf Anfrage von ZAPP: "Das schreckliche  Attentat von Wien hat die Menschen in Österreich wie der gesamten Welt entsetzt. Es ist die Aufgabe der Medien, zu zeigen was ist. Was und wie sie in der gebotenen Art berichten, entscheidet nach einer sorgfältigen Abwägung die jeweilige Redaktion. Es widerspricht unserem Verständnis von Pressefreiheit, wenn Medien jeder Bitte nachkommen, von Berichterstattung abzusehen. Das würde am Ende nur Verschwörungstheorien und sonstigen Fake News Vorschub leisten."

Doch für Volkmar Kabisch erfüllen Medien dem Täter selbst mit der Verbreitung solcher Bilder den größten Wunsch: "Weil diese Bilder für sehr, sehr lange Zeit im Internet bleiben, zum Teil Jahrzehnte. Und selbst, wenn sie keine direkten Nachahmer finden, so kann es sein, dass noch Jahre später diese Bilder als Blaupause genutzt werden, um Anschläge zu verüben."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 04.11.2020 | 23:15 Uhr

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