Stand: 12.02.2020 13:29 Uhr

Bezahlte Berichte? Journalisten lassen sich einladen

von Daniel Bouhs
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"Mittendrin statt nur dabei", das sei der eigene Reporter in Kitzbühel gewesen, twittert der "Tagesspiegel" stolz.

"Mittendrin statt nur dabei", das sei der eigene Reporter in Kitzbühel gewesen, twittert der "Tagesspiegel" stolz. Was folgt ist eine launig-kritische Abrechnung mit der wohl härtesten Station des Ski-Weltcups und dem Promi-Trubel drum herum. Am Ende des Artikels weist die Zeitung schließlich auf den Umstand hin, dass der Redakteur "auf Einladung der Marke Tommy Hilfiger nach Kitzbühel" gereist sei. Soweit, so vorbildlich in Sachen Transparenz. Nur wenige Tage später erscheint allerdings noch ein Text: Derselbe Redakteur hat Tommy Hilfiger interviewt, für die Modeseite. Neben dem Text posieren Models in Hilfigers Ski-Kollektion. Hier endet plötzlich die Transparenz: Ein Hinweis auf die Finanzspritze fehlt.

"Es geht in eine Richtung, die doch sehr werblich ist", mahnt Jana Wiske. Die ehemalige "Kicker"-Redakteurin lehrt an der Hochschule in Ansbach Journalismus und PR und hat gerade zum Komplex "Pressereisen im Sportjournalismus" geforscht. Wiske hat dafür 20 leitende Journalistinnen und Journalisten in Sportredaktionen getroffen, einen Querschnitt der Branche von Zeitungen über private und öffentlich-rechtliche Sender bis hin zu Nachrichtenmagazinen. Ihre Umfrage sei zwar formal nicht repräsentativ, sie zeige jedoch eine klare Tendenz.

Bezahlte Berichte? Sportjournalisten lassen sich einladen

ZAPP -

Eine neue Forschungsarbeit zeigt, wie allgegenwärtig gesponserte Reisen für Journalisten sind. Ein Fall im "Tagesspiegel" wirft aber Fragen zur Unabhängigkeit auf.

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55 % der Sportredaktionen "regelmäßig" bei Reisen von Verbänden und Sponsoren

Von den Befragten, denen die Forscherin Anonymität zugesichert hat, gaben 80 Prozent an, dass sie an solchen Reisen von Verbänden und Sponsoren im Sport "persönlich schon teilgenommen" haben. Die eigene Redaktion nehme "regelmäßig teil", sagten 55 Prozent. Die Mehrheit erklärte zudem: Ja, Pressereisen werden wichtiger. Wiske selbst verteufelt dieses Instrument nicht. Sponsoren seien in der heutigen Zeit oft die eigentlichen Türöffner zu den Athletinnen und Athleten.

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Mahnt die werbliche Richtung an: Jana Wiske lehrt an der Hochschule in Ansbach Journalismus und PR.

"Man muss es differenziert betrachten", sagt Wiske zu Pressereisen und denkt etwa an die finanziellen Nöte vieler Redaktionen. "Die Situation im Sportjournalismus bietet solchen bezahlten Pressereisen auch einen Raum." Wiske arbeitet an einem Leitfaden zur Frage, wie Redaktionen und Anbieter mit solchen Pressereisen möglichst sauber umgehen. Transparenz gehöre dazu, aber auch die Freiheit der Berichterstattung: Verbände oder Sponsoren dürften keine Positiv-Berichte erwarten.

Zum Fall des "Tagesspiegel" sagt die Forscherin und einstige Praktikerin, das Angebot, mit jemandem wie Tommy Hilfiger zu sprechen, dürfe man als Journalistin oder Journalist natürlich annehmen. Man könne aber einen kritischen Fokus setzen. "Ich hätte mir zum Beispiel ein Interview gewünscht über das Lebenswerk, das Thema Nachhaltigkeit, Umweltschutz in der Mode", so Wiske. "Das wäre passend gewesen und hätte vielleicht auch der journalistischen Freiheit gutgetan."

Chefredaktion "Tagesspiegel": Hilfiger-Berichterstattung rückblickend "unglücklich"

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Als "unglücklich" bezeichnet Anna Sauerbrey, Mitglied der Chefredaktion beim "Tagesspiegel", das Interview mit Tommy Hilfiger für die Modeseite.

Der "Tagesspiegel" stellt sich unterdessen der Kritik und räumt Versäumnisse ein. "Ich fand' es auch unglücklich", erklärt Anna Sauerbrey gegenüber ZAPP. Sie ist Mitglied der Chefredaktion und dort zuständig für Compliance. "Ich hätte mir gewünscht, dass wir uns wenn, dann auf die Sportberichterstattung beschränken. Da ist die Unabhängigkeit von Berichterstattung und Sponsor größer." Allerdings habe ihr Redakteur vor Ort alle Freiheiten gehabt und über das sportliche Ereignis auch kritisch berichtet. Anstoß für die Reise, an der auch andere Medien teilgenommen hätten, sei aber letztlich tatsächlich ein Angebot Hilfigers an die Mode-Redaktion gewesen.

Nach der Anfrage von ZAPP hat der "Tagesspiegel" online unter dem Hilfiger-Interview den fehlenden Transparenzhinweis ergänzt. So entspreche es auch den verschärften Transparenzrichtlinien, die das Haus sich 2019 verpasst hat. Sauerbrey sagt, ihre Redaktion werde künftig noch stärker abwägen, welche Reise eigene Leute angehen sollten oder nicht. Entscheidend sei das Interesse der Leserinnen und Lesern an bestimmten Themen oder Ereignissen, gemessen an Klickzahlen.

Das Rennen auf der Streif oberhalb Kitzbühels sei jedenfalls "sicherlich nicht das Kernthema für unsere Berliner Leserschaft", so Sauerbrey. Sie denke daher, dass der "Tagesspiegel" hier in Zukunft "vielleicht eher auf die Berichterstattung von unserem Partner 'Kurier' in Wien zurückgreifen" könnte. Mit anderen Worten: Wenn es nicht auf eigene Kosten geschieht, schickt die Zeitung im Zweifel lieber keinen eigenen Reporter mehr los. Pressereisen grundsätzlich abschwören wolle man aber auch nicht. "Wenn man es macht, dann kann man sich ganz bewusst dafür entscheiden", sagt Sauerbrey. "Und dann muss man es eben auch transparent machen und in Kauf nehmen, dass die Leser die Texte besonders kritisch lesen. Das ist ja auch der Sinn der Sache."

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 12.02.2020 | 23:20 Uhr