Stand: 16.10.2018 16:33 Uhr

Bayern-Wahl: Grüne nicht führend in Großstädten

von Andrej Reisin

Wer nach den Stichworten "Grüne Bayern Wahl Großstädte" googelt, erhält auch heute noch ganz oben Meldungen, wonach die in Bayern einst als Ökospinner-Partei verlachten Grünen mittlerweile alle Großstädte über 100.000 Einwohner erobert hätten.

Diese Meldungen beruhen mutmaßlich auf einer Grafik der Forschungsgruppe Wahlen, die im ZDF zur besten Sendezeit gegen 18.30 Uhr ausgestrahlt - und von vielen Nutzern in den sozialen Netzwerken verteilt wurde:

CSU bleibt stärkste Kraft

Das Problem: Die Meldung stimmt nicht. Bei der Grafik handelt es sich um eine Prognose, die auf einer "Umfrage am Wahltag in Bayern 21.183 zufällig ausgewählten Wählern in 181 Wahlbezirken" beruht, wie Stefan Kornelius von der Forschungsgruppe Wahlen auf Anfrage von ZAPP antwortete. Das reale Ergebnis dagegen sah anders aus, in Wirklichkeit bliebt die CSU auch in den Großstädten stärkste Kraft.

Außerhalb Münchens konnten die Grünen nur in Würzburg ein Direktmandat holen. Dort und in den anderen Universitätsstädten Erlangen und Regensburg wurde es bei den Gesamtstimmen zumindest etwas enger - ansonsten dominierte die CSU mal mehr, mal weniger deutlich.

Nur wenig Großstädte in Bayern

Die Angabe "in Städten größer 100.000 Einwohner" ist dabei nur bedingt hilfreich. Denn es gibt gerade einmal acht bayerische Städte, die diese Bedingung erfüllen und diese unterscheiden sich untereinander im Hinblick auf ihre Größe auch noch einmal erheblich: Während Erlangen, Fürth, Ingolstadt, Regensburg und Würzburg jeweils zwischen 100.000 und 150.000 Einwohner haben, ist Augsburg mit knapp 300.000 Einwohnern bereits doppelt bzw. dreimal so groß, von Nürnberg (gut 500.000) und vor allem München (knapp 1,5 Millionen) ganz zu schweigen.

München dominiert die ganze Kategorie

Bild vergrößern
Immer noch stark genug: Auch in den bayerischen Großstädten bleibt die CSU vorn.

Daraus ergibt sich ein statistisches Dilemma: Das Ergebnis dieser Kategorie wird nämlich zu rund 50 Prozent allein in München entschieden, denn dort lebt bereits ungefähr die Hälfte aller Menschen, die in Bayern in "Städten über 100.000 Einwohnern" wohnen. Mit anderen Worten: Haben die Grünen in München vier Prozent mehr, haben sie bei einer bayernweiten Zusammenzählung dieser Städte schon zwei Prozent zugelegt. Nimmt man Nürnberg noch dazu, werden die restlichen Städte in dieser Kategorie mehr oder weniger bedeutungslos. Die Angabe "Städte über 100.000 Einwohner" ist also für ganz Deutschland oder dichter besiedelte Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen deutlich aussagekräftiger als für Bayern, weil das Ergebnis zu stark von einer bzw. maximal zwei Städten abhängt.

ZDF-Grafik anfällig für falsche Lesart

Die grafische Umsetzung einer Prognose, die zusammen mit Hochrechungen über den Bildschirm flatterte, wurde aber von vielen für ein "echtes", also belastbares Ergebnis gehalten. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war die Prognose-Grafik auch nicht falsch, sie erwies sich aber als sehr anfällig für die Fehlinterpretation, die Grünen seien in allen bayerischen Großstädten die dominierende Kraft. Dieser Eindruck wurde vom ZDF auch nicht korrigiert - und setzte sich fest.

So sagte beispielsweise Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet im ARD-Morgenmagazin: "Wir müssen jetzt nach diesem Ergebnis klar erkennen, ein Rechtsruck ist falsch (…) Unser eigentlicher Wettbewerber sind jetzt die Grünen. In jeder Stadt über 100.000 Einwohner liegen die in Bayern vorne. Das Gerede von Rechtsruck muss jetzt aufhören."

Transparente Korrekturen wären hilfreich

Egal, ob man ihm in dieser Analyse folgen mag oder nicht: Sie beruht auf der Fehlinterpretation einer Prognose, die von vielen Medien einfach übernommen wurde - und sich im Nachhinein als unzutreffend erwies. Eine bessere Kennzeichnung von Prognosen und Ergebnissen sowie die transparente Korrektur wäre in diesen Fällen hilfreich. Die Grünen steigerten sich in allen bayerischen Großstädten zwar erheblich, während die Verluste von CSU und auch SPD zum Teil dramatisch ausfielen - zur stärksten Großstadt-Partei bayernweit wurden die Grünen aber ebenso deutlich nicht.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 17.10.2018 | 23:20 Uhr