Stand: 07.02.2018 14:07 Uhr

BILDspitze - im Reich des Kriegsreporters

von Gudrun Kirfel und Marvin Milatz

Die Chefin der BILD-Zeitung schmeißt hin. Nicht weil sie will, sondern weil sie muss. "Wenn zwei Menschen professionell nicht harmonieren, lässt sich das eine Zeitlang durch Kompromisse ausgleichen", schrieb Tanit Koch am Freitag in einem emotionalen Abschiedsbrief an ihre Redaktion. "2017 war davon geprägt, bis meine Kompromissbereitschaft an ihre Grenzen gelangte."

Es ist Chefredakteurs-Kollege Julian Reichelt, mit dem Tanit Koch keine weiteren Kompromisse eingehen möchte. Ende Februar nimmt sie ihren Hut, dabei schlage ihr Herz "BILD-rot". Julian Reichelt, der als Chefredakteur Online und Vorsitzender der BILD-Chefredaktion bereits seit einem Jahr der mächtigste Mann bei BILD ist, kann nun auch im Blatt endgültig den Ton angeben.

Julian Reichelt  Fotograf: Screenshot

BILDspitze - im Reich des Kriegsreporters

ZAPP -

Keine "professionelle Harmonie": Tanit Koch verlässt BILD. Nun kann Julian Reichelt, Chefredakteur Online, Vorsitzender der BILD-Chefredaktion, endgültig den Ton angeben.

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Die Marschroute für BILD unter Reichelt lautet: Kampf und Kontroverse. "Ich denke, dass sie aggressiver werden wird, mehr versuchen wird, Finger in die Wunden zu legen", sagt Ulrike Simon, Medienjournalistin beim Branchenblatt "Horizont" und dem Spiegel-Newsformat "Spiegel Daily".  "Dass sie viel mehr Dinge, Politiker an den Pranger stellen wird, und noch viel mehr kampagnenhaft arbeiten wird."

Kampf und Kontroverse

Der ehemalige BILD-Chefreporter Julian Reichelt arbeitete lange als Kriegsberichterstatter, unter anderem aus Syrien und Libyen - er ist meinungsfreudig und streitlustig und hat überhaupt kein Problem damit, mit seinen Standpunkten anzuecken. Per Twitter schaltet er sich regelmäßig in aktuelle Debatten ein, einige seiner Lieblingsthemen: Antisemitismus, die Flüchtlingspolitik, der öffentlich-rechtliche Rundfunk und Ralf Stegner, SPD.

Als bild.de-Chef hat Reichelt eine sehr genaue Vorstellung davon, was seine Leserinnen und Leser online klicken: "Das was immer funktioniert hat und auch weiter funktioniert ist die Kontroverse", sagte Reichelt in einem Interview mit dem Filmemacher und Produzenten Stephan Lamby. "Dinge über die Menschen sich streiten funktionieren in der Reichweite besser als Dinge über die Menschen sich einig sind." Und weiter: "Was auch funktioniert ist das was Menschen Sorge und Angst macht."

Online-Erfahrungen auf Print übertragen

Viel spricht dafür, dass er seine Erfahrungen aus den Bereichen Online und Social Media auch auf die Print-Ausgabe überträgt. Kommentare, Meinungen und Kontroversen verstärkt ins Blatt heben wird. Zuletzt feuerten Reichelt und seine BILD die Empörung über eine Reportage des KiKA kräftig an. Sie handelt von der Liebe zwischen einem deutschen Mädchen und einem geflüchteten Syrer, dessen Alter von der Redaktion mehrfach korrigiert werden musste. Dass BILD im Chor mit der AfD und ihren Sympathisanten brüllte, störte Reichelt offenbar nicht.

Von der BILD-Kampagne "refugees welcome - Wir helfen!", mit der BILD noch 2015 die Geflüchteten begrüßte, hat sich das Blatt jedenfalls schon lange entfernt. Stattdessen gab es eine ganze Reihe reißerischer Falschmeldungen: Vom "Sex-Mob", der angeblich durch Frankfurt tobte, über den "Islamrabatt" für muslimische Straftäter vor deutschen Gerichten bis zur Geschichte, dass Flüchtlinge in Hamburg schwarzfahren dürfen - alles falsch, wie bildblog berichtete. Zwar hat sich Julian Reichelt für Fehler wie diese auch immer wieder entschuldigt, doch was bleibt ist der Eindruck, dass er Hetze und Spaltung für Klicks und Auflage in Kauf nimmt.

Auflagenrückgang stoppen

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Keine professionelle Harmonie in der Chefredaktion: Tanit Koch verlässt die BILD.

Waren es nur die inhaltlichen Differenzen, die zum Abgang von Tanit Koch bei Springer führten, oder auch ihr fehlender Erfolg, die Talfahrt der gedruckten Zeitung zu stoppen? Von 4,5 Millionen verkauften Exemplaren Ende der 90er-Jahre sind inzwischen nur noch 1,6 Millionen Exemplare übrig. Die Entscheidung für Reichelt kann auch als Versuch gewertet werden, einen weiteren Niedergang mit aller Kraft zu verhindern.

Zum Abgang von Tanit Koch hat sich Julian Reichelt bislang nicht öffentlich geäußert. Eine ZAPP-Auswertung zeigt: Bereits seit Oktober vergangenen Jahres herrscht zwischen den beiden auch auf Twitter - bis auf diesen Tweet von Reichelt - Funkstille:

Lange war es Usus zwischen den Chefredakteuren, sich in Tweets zu erwähnen oder den Tweet des jeweils anderen zu retweeten, doch damit ist Schluss. Selbst Kochs Abschieds-Tweet, samt Foto aus ihrem mit Luftballons gefüllten Büro, bewegte Reichelt nicht zu einem Kommentar, einem Twitter-Herz oder einem Retweet. Er überging die Causa Koch einfach - und ging zu seinem Social-Media-Tagesgeschäft über: Scharfzüngige Tweets gegen Politik und Journalistenkollegen.  

Ein Neuanfang heißt auch Befreiung

Tanit Kochs nächste Schritte sind bisher nicht bekannt. Dem Vernehmen nach lehnte sie Angebote ab, im Springer Kosmos zu bleiben. Rat und aufbauende Worte aus der Medienbranche ließen nicht lange auf sich warten. Matthias Müller von Blumencron, der gerade selbst seinen Abschied als Digitalchef der FAZ feierte, drückte es so aus: "Abschied ist immer auch Befreiung."

 

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 07.02.2018 | 23:20 Uhr