Aurich: YouTube-Reporter gegen Lokalzeitung

Stand: 28.10.2020 18:00 Uhr

Ein kurzfristiger Corona-Test an der Freien Waldorfschule Ostfriesland sorgt für mächtiges Medien-Echo. Vor allem auf dem YouTube Kanal "Aurich.TV". Und für Hassmails ans Gesundheitsamt und die Schule.

von Tim Kukral

Im ostfriesischen Aurich ist der Journalismus im YouTube-Zeitalter angekommen: Der Videoblogger Stefan Dunkmann sorgt mit Dramatisierungen und oft einseitiger Berichterstattung auf seinem YouTube Format "Aurich. TV" immer wieder für Gesprächsstoff: "Wenn ihr das Ding gleich hört, dann schlackern euch nicht nur die Ohren, da schlackern euch auch die Beine."

VIDEO: Auricher Videoblogger verbreitet fragwürdige Corona-News (4 Min)

Regelmäßig Thema bei "Aurich.TV" sind die Dunkmanns Meinung nach übertriebenen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie. Um das Thema dreht sich auch sein bislang größter Hit. Der Anlass: Ein Corona-Verdachtsfall in der Freien Waldorfschule Ostfriesland. Kurzfristig mussten Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse getestet werden.

Dramatische Beschreibung von übertriebenen Maßnahmen

Bei Dunkmann klang das dann so: "Heute ist dann wohl das Gesundheitsamt in der Waldorfschule einmarschiert und hat gesagt: Zack, jetzt wird hier erst mal alles auf Corona getestet, was überhaupt geht. Und die Eltern wussten von nichts, die Lehrer wussten wohl offensichtlich auch von nichts. Find ich schon ziemlich heftig."

Stefan Dunkmann © NDR
Hält die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie für übertrieben und räumt seiner Meinung viel Platz auf seinem YouTube-Kanal ein: Stefan Dunkmann.

Das stimmt so nicht. Tatsächlich waren Lehrerinnen und Eltern informiert. Mindestens eine Mutter wurde jedoch wohl durch ein Versehen erst im Nachhinein über den Corona-Test bei ihrem Sohn informiert - und einzig auf deren Schilderungen beruft sich Stefan Dunkmann.

Trotzdem sprangen die selbsternannten "Querdenker" auf die Berichterstattung auf und veröffentlichten sogar eine Pressemitteilung, in der sie von "entsetzlichen Ereignissen" und "traumatisierten Schülern" berichten - einzige Quelle: Dunkmanns "Aurich.TV".

Rüge vom Presserat

Auf sachliche Berichterstattung und Quellenrecherche legt auch Stefan Dunkmann nicht so viel Wert: "Ich bin eigentlich nicht der Meinung, dass man immer jede Geschichte so weit totrecherchieren muss, bis sie wirklich tot ist, bis man sie gar nicht mehr bringen kann. Sondern manchmal muss man vielleicht auch einfach auf den Busch klopfen und gucken, ob unten was rausfällt."

Sein Verständnis von Journalismus sorgte schon früher für Ärger: Mehr als ein Jahrzehnt lang war Dunkmann Mitherausgeber und Chefredakteur der Auricher Lokalzeitung "Ostfriesische Nachrichten", erhielt wegen fragwürdiger Berichterstattung eine Rüge vom Presserat. 2011 musste er die Zeitung verlassen.

Berichterstattung "Parallelwirklichkeit"

Alice Düwel © NDR
Alice Düwels Kinder gehen auf die Waldorfschule. Die Berichterstattung von "Aurich.TV" habe nichts gemein mit ihrer Wahrnehmung.

Die Kinder von Alice Düwel gehen in die Waldorfschule: Ihre Tochter ist in der vierten Klasse, in der der Corona-Test durchgeführt wurde. Das Gesundheitsamt sei den Schilderungen ihrer Tochter zufolge sehr behutsam vorgegangen: Die Mitarbeiter hätten den Kindern zunächst alles erklärt und erst danach, für die eigentlichen Tests, ihre weiße Schutzkleidung angelegt; mit der Klassenlehrerin, die ebenfalls getestet wurde, sei die ganze Zeit eine Vertrauensperson dabei gewesen. Dass ein Schüler nicht getestet werden wollte, wurde respektiert - er konnte den Test später mit seinen Eltern in seinem Landkreis nachholen. Zur Berichterstattung von "Aurich.TV" sagt Düwel gegenüber ZAPP: "Ich finde es lächerlich, weil ich das Gefühl habe, da wird so eine Parallelwirklichkeitaufgezogen, die überhaupt gar nichts gemein hat mit der Wahrnehmung, die ich habe."

Auch die "Ostfriesischen Nachrichten" haben mit weiteren Eltern gesprochen, die die Vorgänge ähnlich schildern wie Düwel.

Unzählige Drohmails und -anrufe

Stefan Dunkmann sagt im Interview mit ZAPP, auch er habe mittlerweile mit weiteren Müttern gesprochen, doch von seiner ursprünglichen Berichterstattung habe er nichts zurückzunehmen - schließlich hätten die Fakten gestimmt: Es gab den kurzfristigen Corona-Test, und mindestens eine Mutter wurde erst im Nachhinein informiert. Und so zeichnet Stefan Dunkmann ein einseitiges Bild von den Vorgängen in seiner Stadt. Ein Bild, das bei vielen Betroffenen in und um Aurich für Ärger sorgt. Denn sowohl beim Gesundheitsamt in Aurich als auch in der Waldorfschule gingen im Nachgang unzählige Drohmails und -anrufe ein.

Der Corona-Test an der Waldorfschule hat inzwischen mehrere Strafanzeigen nach sich gezogen: eine von der Mutter, die erst im Nachhinein über den Test informiert wurde, gegen das Gesundheitsamt. Und elf vom Landkreis Aurich, wegen Hassmails. Das einzig erfreuliche: Alle Tests auf Corona fielen negativ aus, die Kinder konnten schon kurze Zeit später wieder zur Schule gehen.

Auf der Straße in Aurich kommt Dunkmanns YouTube-Format ganz unterschiedlich an: die Stimmen reichen von "Er macht das super" bis "Er bringt im Moment sehr viel Unruhe".

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ZAPP | 28.10.2020 | 23:50 Uhr