Stand: 16.05.2018 16:13 Uhr

Aufgeregte Berichterstattung: Der Fall Ellwangen

von Caroline Schmidt

Seit Anfang Mai debattiert das ganze Land über Gewalt in Flüchtlingsheimen, weil im beschaulichen Ellwangen in Baden-Württemberg angeblich der "Mob" ("BILD") getobt hat. So berichteten es jedenfalls die deutschen Medien ein paar Tage lang: Die Flüchtlinge hätten in einem Pulk von 50 bis 200 Männern - die Zahlen differieren in den Artikeln - "mit Gewalt" (dpa) eine Abschiebung verhindert.

Rudolf Radmacher  Fotograf: Screenshot

Aufgeregte Berichterstattung: Der Fall Ellwangen

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"Mob", "rechtsfreie Räume" - konnten 150 Asylbewerber einen ganzen Rechtsstaat herausfordern? Eine einseitige, aufgebauschte Berichterstattung hat diese Wahrnehmung befördert.

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Einseitige Berichterstattung?

Neben den unterschiedlichen Zahlenangaben fällt an fast allen Berichten aus den ersten Tagen auf: Kaum einer zeigt die Sicht der Flüchtlinge, die bestreiten, dass sie gewalttätig waren. Einigen Lesern wie etwa Rudolf Radmacher aus der Nähe von Ellwangen ist diese Merkwürdigkeit nicht entgangen. Er habe sich zu Beginn sehr breit informiert - doch praktisch alle Zeitungen und Nachrichtenseiten hätten nur die Sicht der Polizei wiedergegeben, "gleichgeschaltet fast".

Ereignisse aufgebauscht

Der Rentner Radmacher ist nicht der einzige, der den Medien einseitige Berichterstattung vorwirft. Auch Berthold Weiß, der Leiter der Landeserstaufnahmestelle (LEA), hat das Gefühl, dass die Ereignisse aufgebauscht wurden, dass hier "unterschiedliche politische Parteien aber auch unterschiedliche Medien diesen Vorfall schon genutzt haben, um für ihre Sache Stimmung zu machen."

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Parteien, aber auch Medien hätten den Vorfall genutzt, um für ihre Sache Stimmung zu machen, meint Berthold Weiß, Leiter der Landeserstaufnahmeeinrichtung Ellwangen.

Los ging der Hype am ersten Mittwoch im Mai - zwei Tage, nachdem zwei Streifenwagenbesatzungen einen Togoer zur Abschiebung abholen wollten  - mit einer dpa-Meldung, die viele Zeitungen aufgriffen. So schrieb etwa die Onlineausgabe der "BILD" um 12:18 unter der markigen Überschrift "Polizisten mit Gewalt zum Abschiebeabbruch gezwungen": "50 Bewohner" der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen "forderten aggressiv" die Freilassung eines Flüchtlings aus Togo, "umringten die Autos" der Polizei "und traktierten sie mit Fäusten".  

"Rechtsfreie Räume"?

Das ist die Sichtweise der Polizei. Die "BILD" hat auch mit dem Togoer gesprochen, aber anscheinend hat sie die andere Perspektive wenig beeindruckt. Am selben Abend erscheint ein brachialer Kommentar ("das meint BILD") auf der Internetseite: "Ein Staat, der den Mob regieren lässt", heißt es dort, "verliert den Respekt seiner Bürger". In den folgenden Stunden wird Schritt für Schritt aus einer Machtprobe in einem Flüchtlingsheim eine Riesengeschichte.

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"Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung" - Innenminister Horst Seehofer hebt Ellwangen auf Bundesebene.

Denn als der Kommentar am 2. Mai gegen 23 Uhr erscheint, laufen bereits die Vorbereitungen für die Großrazzia der Polizei. BILD verbreitet als erstes die martialischen Bilder der 650 Polizisten in Sturmhauben. Die Polizei spricht in der anschließenden Pressekonferenz von "rechtsfreien Räumen", die nun wieder unter Kontrolle seien. Der neue Innenminister Horst Seehofer (CSU) legt aus Berlin nach, "das, was dort geschehen ist, ist ein Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung". Er hebt damit die Geschichte endgültig auf Bundesebene, sodass am Abend alle Nachrichtensendungen berichten - viele von ihnen als Aufmacher.

"Massiver Stimmungswechsel"

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Nimmt einen massiven Stimmungswechsel wahr: Flüchtlingssprecher Isaiah Ehrauyi.

Die aufgeheizte Debatte hat Folgen: Der Stuttgarter Anwalt, der den Asylbewerber aus Togo vertritt, bekommt seitdem Drohanrufe und Hassnachrichten. Die Asylbewerber in Ellwangen, die hauptsächlich aus Schwarzafrika stammen, spüren einen massiven Stimmungswechsel. Er habe den Eindruck, sagt der Ellwanger Flüchtlingssprecher Isaiah Ehrauyi, dass Afrikaner für die meisten Deutschen "böse Menschen" sind, die "keine Gesetze achten", "Kriminelle" eben. Auch Heimleiter Weiß glaubt, dass sich "die Position der Menschen, die sich für eine liberale Flüchtlingspolitik einsetzen", nun "definitiv verschlechtert" habe. Ellwangen hat sich in den Köpfen festgesetzt als der Ort, in dem 150 Asylbewerber einen ganzen Rechtsstaat herausfordern konnten.

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ZAPP | 16.05.2018 | 23:20 Uhr