Sendedatum: 05.02.2020 23:20 Uhr

Auch ARD kündigt dem Forschungsinstitut IRT

von Daniel Bouhs
Bild vergrößern
Das Institut für Rundfunktechnik in München. Mehr als 100 Beschäftigte arbeiten an den Audio- und Videostandards der Zukunft - schon seit den Fünfziger Jahren.

Die gemeinsame Forschungseinrichtung der öffentlich-rechtlichen Sender im deutschsprachigen Raum, das Institut für Rundfunktechnik (IRT) in München, steht vor dem Aus. Wie das IRT auf ZAPP Anfrage bestätigte, haben nach dem ZDF inzwischen auch alle neun ARD-Anstalten ihren Gesellschaftervertrag mit dem Münchner Institut gekündigt, dazu die Sender aus Österreich und der Schweiz. Man arbeite derzeit zwar "mit Hochdruck" an einer anderen Lösung. Stand heute seien die Sender allerdings nur noch bis zum 31. Dezember 2020 an der Einrichtung beteiligt. Der Weiterbetrieb wäre mindestens in jetziger Form dann nicht mehr möglich.

Die ARD wollte zu dem Vorgang zunächst keine Stellung nehmen und verwies auf das IRT. Das forscht bereits seit Mitte der Fünfziger Jahre für die Rundfunkanstalten. Zunächst hat es in den Sechzigern die Aufzeichnung auf Magnetbändern verbessert, dann Fernsehstandards wie PAL und den Stereoton, später auch Videotext, HbbTV ("rote Taste") und das digitale Antennenfernsehen DVB-T2HD mit umgesetzt. Derzeit arbeitet das IRT etwa an räumlichen Tonübertragungen ("3D Audio") und an einem Modell, mit dem im Mobilfunkstandard 5G auch Rundfunk übertragen werden könnte, der bisher ein separates Funknetz benötigt. Das IRT nimmt Geld ein mit Auftragsforschung und mit Lizenzgebühren für die Nutzung seiner patentierten Entwicklungen, etwa für Kompressionsstandards wie Teilen des sogenannten MPEG-Verfahrens. Dafür bekam es 2000 sogar einen Emmy verliehen, der im Treppenhaus des IRT beim Bayerischen Rundfunk steht.

IRT entgingen Millionen-Beträge - hat die Geschäftsleitung nicht aufgepasst?

Das IRT bekam 2017 negative Schlagzeilen. Damals wurde bekannt, dass ein Anwalt, der im Auftrag des IRT Patenterlöse einsammeln sollte, einen großen Teil der Lizenzkosten abgezweigt haben soll. Die Rede war von Betrug und entgangenen Einnahmen von bis zu 200 Millionen Euro. Die Sender warfen dem damaligen IRT-Management vor, sich nicht ausreichend dafür interessiert zu haben, wie sich der Wert ihrer Patente entwickelt habe. Deshalb sei dem Institut nicht aufgefallen, dass bei ihm zu wenig Geld angekommen sei. Inzwischen hat der Anwalt zunächst 60 Millionen Euro zurückgezahlt. Das IRT hat das in seiner Bilanz 2018 als Einnahme verbucht, laut Geschäftsbericht das "finanziell beste Jahr in der Geschichte des IRT".

2017 kam allerdings auch der Vorwurf auf, die Gesellschafter, also die Sender, hätten sich ebenfalls nicht wirklich interessiert, was beim IRT passierte oder eben: nicht passierte. Die ARD erklärte ihrerseits auf dem Höhepunkt des Skandals, das sogenannte Vertragsmanagement erfolge "bei den rechtlich selbstständigen Gemeinschaftseinrichtungen eigenverantwortlich durch die jeweilige Geschäftsführung".

Kündigungen der ARD als präventives Instrument - hat das IRT doch noch eine Chance?

Die Kündigungswelle hatte schließlich das ZDF Ende 2019 ausgelöst - nach eigenem Bekunden vor allem, weil es das IRT in dieser Form nicht mehr brauche. Dagegen steht das Zitat eines ZDF-Managers. Das IRT zitiert ihn in seinem jüngsten Geschäftsbericht mit den Worten, das Institut leiste im Rahmen seiner 5G-Forschung "für den Rundfunk unverzichtbare und international anerkannte Grundlagenarbeit auf dem Weg hin zu einer zukünftigen vollständigen Konvergenz der Rundfunk- und Mobilfunknetze". Heute erklärt das ZDF, das IRT setze für den eigenen Sender nicht die richtigen Prioritäten.

Die übrigen Gesellschafter setzte die Kündigung jedenfalls unmittelbar unter Druck: Das IRT nimmt zwar für Auftragsarbeiten und mit Lizenzgebühren Millionen ein, muss aber dennoch fast jährlich von den Gesellschaftern und damit letztlich von den Beitragszahlerinnen und Beitragszahlern bezuschusst werden, wiederum mit Millionen-Beträgen. Nach dem Ausstieg des ZDF wären die übrigen Sender im gegenwärtigen Modell verpflichtet, die Lücke zu füllen, um für eine ausreichende Deckung zu sorgen. Deshalb könne man die Kündigungen der ARD-Anstalten auch als präventiven Akt verstehen, hieß es beim IRT. Noch bestehe nämlich die Chance, dass die Sender ein neues Modell finden und das IRT überlebe.

Übernahme des IRT durch die Fraunhofer-Gesellschaft "vom Tisch"

Nun sei beim Institut aber "vieles in der Schwebe", insbesondere die Arbeitsplätze. 2018 zählte das IRT 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, überwiegend in der Forschung. Zuletzt war bereits eine Exit-Strategie im Gespräch. Demnach wäre das IRT in die Fraunhofer-Gesellschaft integriert worden, das einst unter anderem den Audio-Kompressionsstandard MP3 wesentlich mitentwickelt hat. "Die Überführung in die Fraunhofer-Gesellschaft wäre aus wissenschaftlicher Sicht äußerst interessant und zukunftsweisend gewesen", heißt es dazu im Geschäftsbericht. "Allerdings sprachen aus Sicht der Fraunhofer-Gesellschaft strukturelle, inhaltliche und nicht zuletzt auch finanzielle Aspekte gegen eine Übernahme, die damit vom Tisch ist."

Weitere Informationen

ARD und ZDF um Millionenbetrag betrogen?

Bei ARD und ZDF wird nicht nur journalistisch gearbeitet, sondern auch an Sendetechnik geforscht. Doch das Institut für Rundfunktechnik soll betrogen worden sein - um mehr als 100 Millionen Euro. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 05.02.2020 | 23:20 Uhr