Stand: 09.06.2020 18:00 Uhr

70 Jahre ARD: Klare Vergangenheit, unklare Zukunft

von Daniel Bouhs

Die Stimmung in der ARD ist zu ihrem 70. Geburtstag alles andere als gelöst: Größere Teile der Politik wünschen sich eine schlankere ARD. Von "gesundschrumpfen" ist etwa in Teilen der CDU die Rede. Einige Landtage könnten sich gegen die angepeilte Erhöhung des Rundfunkbeitrags stemmen. Der Spardruck auf die Anstalten stiege immens.

"Wir sind in einem ganz besonderen Jahr", sagt auch WDR-Intendant Tom Buhrow, seit Januar Vorsitzender der ARD. Für die Erhöhung des Rundfunkbeitrags zu werben, sei eine Aufgabe. "Die andere ist, dass wir als ARD in dieser schwierigen Zeit, wo wir vieles kürzen müssen, zusammenstehen und zusammenbleiben." Zuletzt hatte der NDR im Zuge eines Sparpakets angekündigt, weniger "Tatorte" zu liefern und auch weniger Geld in die ARD-Töpfe für Unterhaltung und Sport einzuzahlen.

70 Jahre ARD: Klare Vergangenheit, unklare Zukunft

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Der Senderverbund ist historisch gewachsen: Viel TV, noch mehr Radio, nun immer mehr im Netz. Politik und Kritiker fragen sich derweil: Wie viel ARD soll künftig noch sein?

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70 Jahre nach ihrer Gründung ist die ARD aber vor allem eines: ziemlich groß. Zu den regionalen Fernsehsendern und dem kurz nach der Gründung des Verbundes gestarteten Gemeinschaftsprogramm, dem Ersten, kommen Spartensender wie One, Tagesschau24 und ARD Alpha, dazu etwa 60 Radiosender und moderierte Livestreams im Netz. Mit dem ZDF oder auch ausländischen öffentlich-rechtlichen Sendern betreibt die ARD die Partnerangebote KiKA, Phoenix, Arte und 3sat, außerdem das "Content Netzwerk" funk für das junge Publikum bei Youtube und Instagram. Und dann sind da natürlich immer mehr Onlineangebote, zentral die Mediathek und die Audiothek, die Netflix, Spotify und Co. Konkurrenz machen sollen.

Die ARD muss sparen, aber klassische Sender halten und Digitales ausbauen

Der ARD-Vorsitzende spricht von einem "ziemlich aufwendigen Spagat". Die klassischen Kanäle im Fernsehen und Radio hätten weiterhin ein sehr treues Publikum, zugleich müsse aber immer stärker im Digitalen investiert werden - und das alles bei immer neuen Kürzungen, auch in den Programmen, die sogar dann nötig wären, wenn der Rundfunkbeitrag doch wie von der Finanzkommission KEF vorgeschlagen zum Januar von 17,50 Euro auf 18,36 Euro pro Monat und Haushalt steigen sollte.

Aber müssen all die Angebote, die in 70 Jahren ARD historisch gewachsen sind, noch sein? Die FDP und auch einige Stimmen in der Union mahnen schon länger: Unterhaltung und Sport, das kann auch der private Markt. "Ich halte das nicht für allzu weit hergeholt", sagt auch Medienkritiker Hans Hoff, seit rund 30 Jahren im Medienjournalismus, etwa für die "Süddeutsche Zeitung". So sei Sport in der ARD "doch eigentlich nur noch pures Unterhaltungsfernsehen", meint er. Und auch die Unterhaltung sei offensichtlich nicht die Kernkompetenz der ARD.

Kritiker vermissen Innovatives bei Unterhaltung und mehr Osten im Programm

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Sieht Unterhaltung eher als Schwäche der ARD: Hans Hoff.

"Ich kann mich an keine Innovation im Unterhaltungsbereich erinnern, die originär von den Öffentlich-Rechtlichen gekommen ist in den letzten 20 Jahren", sagt Hoff. "Ich glaube, da war 'Zimmer frei' die letzte Innovation, die aus Versehen gelungen ist. Und das ist auch schon wieder vorbei." Bei Unterhaltung und Sport zurückzufahren, sei nur konsequent. Die ARD sollte zu ihrer Stärke wiederfinden, der Information. Und dabei gerne auch "ihre" Landespolitiker kritischer als zuletzt begleiten.Tom Buhrow ist jedoch dagegen, "Genres gegeneinander auszuspielen". Der ARD-Vorsitzende betont: "Der Gesetzgeber unterscheidet nicht zwischen den verschiedenen Genres."

Tatsächlich ist der Auftrag für die ARD allumfassend: Neben Information, Kultur und Bildung soll sie auch Sport und Unterhaltung bieten. Die Länder, die für die Medienpolitik zuständig sind, arbeiten zwar seit Jahren an einer Reform des Auftrags. Ein großer Wurf steht aber noch aus. Zuletzt hieß es nur vage, es solle eine gewisse Priorisierung auf Information, Kultur und Bildung geben. Gleichzeitig fordern einzelne Politiker und Landesregierungen individuell Korrekturen.

Aus der Staatskanzlei von Sachsen-Anhalt heißt es immer wieder, die ARD müsse endlich auch Ostdeutschland stärker berücksichtigen, im Programm, aber auch in ihrer Struktur. Die ARD hat allerdings pünktlich zu ihrem 70. geliefert: Seit Ende Mai sind die "Tagesthemen" länger - zunächst freitags, ab Herbst auch sonst unter der Woche. Die Redaktion nutzt den Platz, um in der neuen Rubrik "Mittendrin" systematischer in die deutschen Regionen zu blicken. Buhrow lässt einen Lerneffekt erkennen: "Diesen Weg wollen wir weitergehen. Ganz sicher und aus Überzeugung."

ARD-Entscheidung nach einem Schreiben aus der Staatskanzlei: Erpressung?

2021 soll zudem im Sendegebiet des Mitteldeutschen Rundfunks eine neue Gemeinschaftseinrichtung der ARD installiert werden, die Redaktion eines ARD-Kulturangebots, das Kultur aus den Regionen bündelt - mutmaßlich in Halle an der Saale und damit passenderweise in Sachsen-Anhalt. Das ist insofern pikant, als dass der Ministerpräsident dieses Bundeslandes, Reiner Haseloff (CDU), sich per Brief von den Intendantinnen und Intendanten der ARD eine solche Institution gewünscht hatte und das im Frühjahr, als sich schon abzeichnete, dass der Landtag in Sachsen-Anhalt eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags ablehnen könnte.

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Widersetzte sich als einziger der neuen Einrichtung: Ulrich Wilhelm, der Intendant des Bayerischen Rundfunks.

"Ich weiß nicht, ob es vom Ministerpräsidenten klug war, diesen Brief zu schreiben, am 27. April 2020, also kurz vor diesen Entscheidungen", meint Medienkritiker Hoff. "Weil es sieht wirklich danach aus, als wolle die Politik den öffentlich-rechtlichen Rundfunk beeinflussen. Und das ist unzulässig." BR-Intendant Ulrich Wilhelm stimmte als einziger der Intendanten gegen die neue Gemeinschaftseinrichtung und sprach öffentlich von einer "Grenzüberschreitung". "Das ist für Tom Buhrow jetzt sehr, sehr schwer zu vermitteln, dass er ohne Einfluss reagiert hat", glaubt Hoff.

Buhrow, Wilhelms Nachfolger als ARD-Vorsitzender, weist indes den Vorwurf zurück, die ARD habe sich in dieser angespannten Zeit erpressen lassen. Man sei schon "seit Jahren mit dem Thema beschäftigt". So eine Abstimmung brauche in der ARD Zeit. Nun werde die Entscheidung "in einen Zusammenhang gestellt, wo keiner ist".

Tom Buhrow: "Es ist eine schwierige Zeit"

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Der WDR-Intendant und ARD-Vorsitzende spricht mit ZAPP über ein Jubiläum in schwiergien Zeiten und die Herausforderungen für die Öffentlich-Rechtlichen nach 70 Jahren.

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ARD lobbyiert für die Erhöhung des Beitrags, doch der Ausgang ist ungewiss

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Als die Welt noch in Ordnung war: Früher flackerte nach Sendeschluss das Testbild über die Bildschirme.

Der Landtag in Sachsen-Anhalt hat sich von der Entscheidung für das Kulturangebot jedenfalls nicht beeindrucken lassen: Nach einer Sitzung des Medienausschusses Anfang Juni erklärte der medienpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, "dass es für die Beitragserhöhung derzeit keine Mehrheit bei uns gibt". Da aber alle 16 Landtage zustimmen müssen, droht der ARD, ab nächstem Jahr noch mal kräftiger sparen zu müssen. Wenn nicht parallel der Auftrag neu zugeschnitten wird, hieße das: Die ARD müsste flächendeckend sparen und würde so an Kraft verlieren.

Tom Buhrows Kalender ist voller weiterer Lobby-Termine, auch in Sachsen-Anhalt. Er wolle "ernsthaft" für die Erhöhung des Rundfunkbeitrags werben, damit die ARD kräftig bleiben und auch gemeinsam das Erste stark halten könne. "Aber ich kann diesen Prozess jetzt auch nicht einem politischen Handel aussetzen", mahnt der ARD-Vorsitzende. "Ich hoffe, dass man sieht, wie viel wir schon getan haben und dass man uns auch glaubt, dass wir noch mehr Reformen liefern werden."


10.06.2020 11:59 Uhr

Hinweis der Redaktion: Ursprünglich hatten wir eine abgesagte Geburtstagsfeier der ARD erwähnt. Wir haben hier allerdings etwas missverstanden und den Hinweis deshalb aus unserem Text entfernt.

 

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ZAPP | 10.06.2020 | 23:20 Uhr