Stand: 16.01.2018 14:15 Uhr  | Archiv

"Wir erzählen zu wenige Geschichten bis zum Ende"

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Von 2012 bis 2017 war Jörg Rheinländer Korrespondent für die ARD im Studio Madrid.

"Regionaljournalismus aus einer anderen Ecke der Welt" - so bezeichnete Jörg Rheinländer seine Tätigkeit als ARD-Korrespondent im Studio Madrid. Von dort aus berichtete er zwischen 2012 und 2017 nicht nur über Regionales aus Spanien, sondern auch aus Portugal und den nordafrikanischen Ländern Tunesien, Algerien und Marokko. Im Interview hat er damals verraten, welche Geschichten er gerne mal zu Ende erzählt hätte. Und: Wie sein Kampf mit einem Frosch ausging.
Auf Twitter können Sie Jörg Rheinländer folgen unter: @JoergMadrid.

Herr Rheinländer, was hat in Ihrer Korrespondenten-Wahlheimat Spanien am meisten beeindruckt?

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Für ein kleines Schwätzchen im Weinkeller ist Jörg Rheinländer immer zu haben. Er liebt den direkten Kontakt zu den Menschen in seinem Berichtsgebiet.

Jörg Rheinländer: Dass die Menschen trotz Krise, Rekordarbeitslosigkeit und nicht gerade prächtiger Aussichten erstaunlich gelassen geblieben sind. Für eine Caña - ein kleines Bier - oder ein Gläschen Wein in der Bar um die Ecke hat´s bei den meisten immer noch gereicht. Und dann kann doch nicht alles schlecht sein. Oder?

Was hat Sie am meisten schockiert

Rheinländer: Das Maß an Korruption, das diese Gesellschaft epidemisch durchzieht. Kein Tag, an dem nicht irgendwo ein neuer Skandal aufgedeckt wird. Erschütternd.

Welche Geschichte wollen Sie unbedingt in Ihrer Zeit als Korrespondent erzählen?

Rheinländer: Die, wie alles weitergegangen ist: Bei dem technischen Zeichner in Malaga, der als Schuhputzer arbeitete; bei dem Familienvater aus Valencia, der sich umbringen wollte, weil er seine Schulden nicht mehr bezahlen konnte; bei dem verzweifelten Flüchtling von der Elfenbeinküste, der seinen Sohn in einem Koffer über die Grenze schmuggeln ließ, weil Spanien dem Kind die Einreise verweigerte. Denn: Wir erzählen zu wenige Geschichten bis zum Ende.

Was ist die größte Herausforderung für die Zusammenarbeit mit den Redaktionen in Deutschland?

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Typische Handbewegung, bitte! Die klassische Korrespondenten-Haltung.

Rheinländer: Darf ich böse sein? Redakteuren klarzumachen, dass etwas spannend sein kann, auch wenn es nicht den Nachrichten-Mainstream reproduziert, der gerade einem Land einen bestimmten Stempel aufdrückt.

Was haben Sie bei jeder Drehreise dabei?

Rheinländer: Materiell: Lektüre. Ohne Lesen ist alles nichts. Immateriell: Lust, mich von den Menschen überraschen zu lassen.

Was war bisher die größte Panne, die Ihnen widerfahren ist?

Rheinländer: Gott sei Dank nichts wirklich Gravierendes. Vielleicht das: Live-Schalte zur Parlamentswahl in Spanien. Ich fange an zu reden. Und merke schon: Frosch im Hals. Schaffst du schon, sage ich mir. Schaffst du nicht, sagt der Frosch. Ende meiner Ausführungen live auf dem Schirm: komisches Gegrunze. Gleich zweimal ...

Mussten Sie aus Höflichkeit bei einer Drehreise schon mal Merkwürdiges essen oder trinken?

Rheinländer: Merkwürdiges? Gibt´s hier nicht (wenn man die Callos Madrileños, also Kutteln auf Madrider Art, nicht in diese Kategorie einordnen möchte). Merkwürdiges bestenfalls im positiven Sinne: lecker Schinken (Jamón Serrano de Bellota), lecker Getier aus dem Meer, lecker Weinchen (für die, die nicht immer nur Rioja trinken mögen: aus dem Bierzo oder der Region Toro) dazu … noch Fragen?

Video
04:52

ARD Studio Madrid

Das Studio nahm 1974 seinen Betrieb auf. Heute umfasst das Berichtsgebiet nicht nur die iberische Halbinsel und Portugal, sondern auch Algerien, Marokko und Tunesien. Video (04:52 min)

Welcher ist Ihr Lieblingsplatz in Madrid?

Rheinländer:

  1. Die Bar Los Timbales bei mir um die Ecke. Weil ich da die mit der Caña treffe.
  2. Estadio Vicente Calderón: Vamos, Atleti, vamos! Erdige Atmosphäre, guter Fußball.
  3. Teatro del Barrio: kleine Bühne, alternativ, anders, politisch - und sehr unterhaltsam.

Wie sieht für Sie ein perfekter Sonntag aus?

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Ob dies nun eine Freizeitaktivität war oder beruflicher Natur, hat uns Jörg Rheinländer leider nicht verraten.

Rheinländer: Nach dem Aufstehen: Laufen im Retiro. Danach: frisches Weißbrot kaufen. Frühstück. Und dann: Tapas-Tour oder raus in die Sierra. Hohe Berge gleich um die Ecke. Der Ausflug dahin ist wie Urlaub in Pillenform.

Was vermissen Sie am meisten aus Ihrer Heimat?

Rheinländer: Grie Soß (jetzt endlich Weltkulturerbe), Ebbelwoikneipe und Waldstadion (pardon, Commerzbank-Arena). Auch wenn die Eintracht fußballerisch noch Luft nach oben hat, um Atletico de Madrid das Wasser zu reichen.

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