Unsere Geschichte - Hausbesuch

Das DDR-Musterdorf Mestlin

Mittwoch, 28. Februar 2018, 21:10 bis 21:55 Uhr
Donnerstag, 01. März 2018, 06:35 bis 07:20 Uhr

Anfang der 1950er-Jahre entstand in der DDR eine Siedlung am Reißbrett als sozialistischer Traum vom Landleben. Fast 200 solcher Dörfer sollten allein im heutigen Mecklenburg-Vorpommern gebaut werden. Durchgeplant bis ins Detail, aber ein wenig überdimensioniert. Sie sollten Geschichte schreiben, aber realisiert wurde nur eines: das Musterdorf Mestlin. Die Kosten waren zu hoch für die DDR. Allein in Messlin schlug das riesige Kulturhaus mit der Adresse Marx-Engels-Platz 1 mit fast 3,5 Millionen Mark zu Buche. Saal und Bühne kamen zusammen auf fast 700 Quadratmeter.

Mangelwirtschaft durfte es nicht geben

Das alte Dorf, knapp 40 Kilometer östlich von Schwerin, sollte ein Leuchtturm der Moderne werden sollte. Hofstellen wurden abgerissen, nur die Kirche im gotischen Stil durfte bleiben. Eine Polytechnische Oberschule, Krankenhaus, Restaurant, Post, Geschäfte und ein Kindergarten - die Planer hatten an alles gedacht. In Mestlin gab es, wovon andere in der DDR nur träumen konnten. Allein die Konsumgenossenschaft verkaufte 1960 nahezu 90 Fernseher, 30 Motorräder und 20 Kühlschränke. Mangelwirtschaft durfte es nicht geben. "Eigentlich waren alle sehr zufrieden hier", erinnert sich Helga Schulz, die als Kindergärtnerin nach Mestlin beordert worden war. "Jeder hatte ein Bad ... und die meisten hatten auch noch ein Kinderzimmer, was man vorher ja gar nicht kannte".

Ein Dorf mit Strahlkraft

Aus dem ganzen Landkreis strömten die Menschen nach Mestlin. Das Dorf hatte für kurze Zeit Strahlkraft – über die Ortsgrenzen hinaus. Im Kulturhaus pries die Band Karat den blauen Planeten und Silly sang über die erste Liebe. Musiker, die bis heute für viele einstige DDR-Bürger Superstars geblieben sind. Mehr als 50.000 Menschen kamen vor der deutschen Wiedervereinigung jährlich in den "Palast des Volkes" - organisiert vom Staat: das Kulturhaus als eine politisch-kulturelle Institution für Geselligkeit, Unterhaltung und Bildung. Das sozialistische Schlaraffenland sorgte sogar im westlichen Ausland für Aufsehen. Ein britisches Kamerateam kam Anfang der 60er-Jahre ins Dorf und berichtete. Ohne ständige Geldflüsse aus Ostberlin hätte das alles jedoch nicht funktioniert.

Das Kulturhaus wird zum Sanierungsfall

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Das Kulturhaus wirkt für ländliche Verhältnisse überdimensioniert.

Die Wiedervereinigung bedeutete auch für das Kulturhaus eine Zeitenwende. Plötzlich gab es keine Zuschüsse mehr aus der Hauptstadt. Ehemals ein Haus mit Strahlkraft für die Region, wurde es zum Sanierungsfall, denn die kleine Gemeinde war mit dem Erhalt des Baus hoffnungslos überfordert. Binnen kurzer Zeit sank die Einwohnerzahl des Ortes von 1.700 auf 700. Anfang der 90er-Jahre pachtete ein Hamburger Gastronom das Kulturhaus und eröffnete darin eine Großraumdisko. Das Konzept ging zunächst auf, doch nach einem Jahr war Schluss. Das versprochene Geld für die Gemeinde blieb aus, das Kulturhaus war verwüstet. "Das ist sehr schade, dass innen die ganzen Zeitdokumente, die Einrichtungsgegenstände, die Technik weg sind", sagt Claudia Stauß vom Verein "Denkmal Kultur Mestlin".

Ein Verein will das Gebäude wiederbeleben

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Das Fensterbild aus den 50er-Jahren erinnert an die Glanzzeiten des Kulturhauses.

Seit 2008 mühen sich Stauß und ihre Mitstreiter, überwiegend Zugezogene, den historischen Ort nicht nur zu erhalten, sondern ihn wiederzubeleben. Im großen Saal soll wieder ein Theaterstück aufgeführt werden, sollen Konzerte und Festivals stattfinden. Claudia Stauß erinnert sich noch an die "Mischung aus Spannung und Entsetzen", als die Sicherungsarbeiten an diesem Kulturdenkmal begannen. "Wir konnten es ja erstmal nur sichern. Den Schaden erst einmal in Grenzen halten. Und dann kann man nur gucken, wann man das mal mit Geld, Spenden oder Fördermitteln wieder herstellen kann." Ein wichtiger Schritt: 2011 wurde das Gebäude als national bedeutsames Denkmal anerkannt. Zum ersten Erntedankfest im Kulturhaus kam mehr als die Hälfte der Einwohner. Verena Nörenberg, die die einstige LPG heute leitet, sagt: "Ich denke, das ist schön, weil das die Zukunftsmusik für das Kulturhaus ist: Dass man es wieder ein bisschen dahin kriegt, wo es vor 1990 mal war".

Die Reihe "Unsere Geschichte - Hausbesuch"

Historische Gebäude, alte Stadtviertel und bedeutende Handelsstraßen: Die TV-Reihe "Unsere Geschichte - Hausbesuch" erzählt wichtige Ereignisse der Geschichte aus der Perspektive heutiger Bewohner. Dabei nutzt sie Graphic-Novel-Elemente, um lang zurückliegende Ereignisse erlebbar zu machen.

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Autor/in
Till Lehmann
Redaktion
Christoph Mestmacher
Produktionsleiter/in
Tim Carlberg
Kamera
Ralf Biehler
Jan Block (Luftaufnahmen)
Schnitt
Maren Großmann
Ton
Johannes Rudolph
Bildtechnik
Oliver Stammel
Grafik
Janis Vernier
Michael Lübben
Tonmischung
Sascha Prangen
Sprecher/in
Volker Hanisch