Unsere Geschichte

Als die Jeans noch Nietenhose hieß

Samstag, 18. September 2021, 12:00 bis 12:45 Uhr

Erst war die Jeans Anlass für Schulverweise und Klubhausverbote, dann wurde sie, auch durch volkseigene Produktion in den 1980er-Jahren, zur DDR-Freizeithose schlechthin. Und doch fehlte der DDR-Jeans, trotz größter Anstrengungen der volkseigenen Textilindustrie und des sozialistischen Marketings, stets eines: der Nimbus der "Echten" aus dem Westen. Der Kultstatus der amerikanischen Markenjeans "Levi's" oder "Wrangler" bei der Jugend im sozialistischen Lager bleibt bis zuletzt unangefochten.

eine Jeans wird aufgetrennt, Screenshot aus der Dokumentation "Als die Jeans noch Nietenhose hieß".
Für DDR-Bürger ist das Auftrennen und Nachnähen einer Original-Jeans die einzige Chance, in den Genuss einer "echten" Jeans zu kommen.

Antje Thürke erlebt das Unglaubliche: 1961 bekommt sie als 16-jährige ein Paket aus New York, darin eine Wrangler-Jeans. Ein Geschenk ihrer leiblichen Mutter, von deren Existenz sie erst kurz vorher erfahren hatte. Die Hose passt sogar wie angegossen. Aber: Sie ist nicht erwünscht an der Schule. Im nächsten Paket aus Amerika ist eine "Elvis-Presley-Kette" - Antjes Schuldirektor reißt ihr die Kette wütend vom Hals.

Auftrittsverbot wegen deutsch-englischer Titel

Schlagersänger Frank Schöbel, Screenshot aus der Dokumentation "Als die Jeans noch Nietenhose hieß".
Schlagersänger Frank Schöbel war der erste, der im DDR-Fernsehen eine Jeans trug.

Frank Schöbel trägt zur gleichen Zeit bei Filmaufnahmen eine Jeans - keiner bemerkt es während der Dreharbeiten, und so kommt es, dass Schöbel der Erste ist, der im DDR-Fernsehen eine "echte" Jeans trägt. Kurze Zeit später erhält er Auftrittsverbot wegen seiner deutsch-englischen Titel "Baby, Baby tanz mit mir" und "Teenager-Träume", weil Walter Ulbricht das "Yeah- yeah-Gejaule" schlecht in den Ohren klingt.

Aber es geht nicht nur um die Hose mit den Nieten, um "Shanty"-Jugendmode, "Güstrower Kleiderwerke" und vietnamesische Levi's-Kopierer in Lichtenhagen. Es geht auch um Musik, um Nachtleben und morgendliche Fahnenappelle auf dem Schulhof. Um West-Schallplattentausch auf dem Schwarzmarkt, um Kassettenrekorder, um Jugendtanzveranstaltungen und die Tricks, das 60/40-Verhältnis für Ost- und Westmusik zu umgehen. Es geht um in privaten Dunkelkammern kopierte Star-Fotos aus der Bravo, um Schwarzmarkt, Trampen und Transportpolizei. Die persönlichen Geschichten über die Jeans in der DDR eröffnen ungeahnte Perspektiven.

Geschichte
Jeans-Mode der DDR Anfang der 1980er-Jahre © akg-images / Günter Rubitzsch Foto: akg-images / Guenter Rubitzsch

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Autor/in
Steffen Schneider
Redaktion
Birgit Müller
Produktionsleiter/in
Tim Carlberg

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