Unsere Geschichte

Als Tante Emma Konkurrenz bekam

Samstag, 20. Februar 2021, 12:00 bis 12:45 Uhr

Im kleinen Tante-Emma-Laden von Irmtraud Schwiering im Bremer Ostertorviertel ist die Zeit stehen geblieben. Alles sieht noch genauso aus wie vor 100 Jahren. Wer hier einkauft, bringt Zeit mit und freut sich darüber, wenn die Preise mit dem Stift per Hand auf dem Zettel addiert werden. Den Schnack über die Ladentheke gibt es gratis dazu. Holtorf Kolonialwaren ist einer der letzten Tante-Emma-Läden in Deutschland. Seit 2017 führen junge Unternehmer*innen den Laden im Stil der Schwierings weiter - als Heimathaven Holtorf. Doch die Konkurrenzschlacht der kleinen Läden gegen die Supermärkte mit Riesensortiment und Selbstbedienung ist schon lange verloren. In weniger als 20 Jahren hat sich die Einkaufswelt radikal verändert.

August 1949: Der erste Supermarkt eröffnet

Ein Mann schiebt einen Einkaufswagen durch den Supermarkt. © MinervaStudio/fotolia Foto: MinervaStudio
Mit Einkaufswägen und Supermärkten hielt eine neue Einkaufskultur Einzug.

Die Idee kam aus Amerika: In Deutschland begann der Siegeszug der Supermärkte in Hamburg-St. Georg. Dort eröffnete im August 1949 der erste Supermarkt mit Selbstbedienung. Damals noch mit vergleichsweise winzigen Einkaufswagen und einer Traube von Kunden, die vor dem Laden stand und sich erst einmal nicht hinein traute. Doch schnell erkannten vor allem die jungen deutschen Hausfrauen den unglaublichen Vorteil der Supermärkte: Hier bekamen sie alle Waren des täglichen Bedarfs unter einem Dach - statt auf der täglichen stundenlangen Einkaufstour durch diverse kleine Läden.

Kein Wunder, dass die Tante-Emma-Läden so rasch von der Bildfläche verschwanden. Doch bis heute vermissen viele Menschen das Schwätzchen übern Ladentisch mit dem Kaufmann und den Nachbarn, die zeitgleich Schlange stehen. Dabei war das Verhältnis zwischen "Tante Emma" und ihren Kunden und Kundinnen nicht ohne Spannung. Die Käufer fühlten sich vom Krämer oft bevormundet und übervorteilt, die Kaufleute klagten über endlos lange Arbeitstage und anspruchsvolle Kunden, denen man auch nach Feierabend noch den Zipfel Wurst verkaufen sollte.

Kleine Läden auf dem Land verschwinden

Zwei Frauen stehen im Tante-Emma-Laden in Neuenkruge. © NDR Foto: Oliver Gressieker
Im Tante-Emma-Laden bleibt immer Zeit für einige persönliche Worte. Viele Kunden schätzen das.

Die Autorinnen Susanne Brahms und Michaela Herold begeben sich auf eine nostalgische Einkaufstour in die letzten Tante-Emma-Läden Norddeutschlands und auf die Spuren der ersten Supermärkte. Kaum eine Entwicklung hat das Alltagsleben in Deutschland, das Gesicht der Städte und Dörfer stärker verändert als das Verschwinden der kleinen Läden. Die Landwirtschaft musste plötzlich riesige Mengen produzieren und absetzen, die Dorfbewohner ohne Auto waren aufgeschmissen. Andererseits beförderte die Zeitersparnis beim Einkauf die Berufstätigkeit der Frauen.

Doch kaum hatten sich die Supermärkte durchgesetzt, kehrte auch hier das Misstrauen zwischen Käufer und Verkäufer zurück. Es entwickelten sich Verkaufspsychologie und Verbraucherschutz. Der Ladendiebstahl nahm solche Dimensionen an, dass die Kaufleute in den Läden ihren Kunden gegenüber zu Überwachungsmethoden greifen mussten.

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Das Bild zeigt das Inventar eines Retro-Tante Emma Ladens. © NDR Foto: Hedwig Ahrens

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Autor/in
Michaela Herold
Susanne Brahms
Redaktion
Christoph Mestmacher