Sportclub Story - Graciano Rocchigiani - Der Kampf ist aus

Sonntag, 09. Dezember 2018, 23:35 bis 00:05 Uhr

Graciano Rocchigiani war einer der schillerndsten deutschen Boxer. Am 1. Oktober verunglückte er auf einer Schnellstraße in Sizilien tödlich. Er wurde 54 Jahre alt.

Schroffer Antiheld zu "Gentleman" Maske

In den 1980er- und 90er-Jahren war Rocchigiani einer der besten Boxer der Welt. Während der Sport in Deutschland salonfähig wurde, blieb er der schroffe Antiheld zu "Gentleman" Henry Maske. Viele Fans liebten seine raue Art dafür umso mehr. Ein Diplomat war der Sohn eines Eisenbiegers aus Sardinien nie: Den "Tiger" Dariusz Michalczewski bezeichnete er bei einer Pressekonferenz mal als "dummer Pole". Rocchigiani wurde zweimal Weltmeister und lieferte denkwürdige Kämpfe ab. Das erste Gefecht gegen Maske stilisierte er zum Duell "Wessi gegen Ossi", er hatte ihn am Rande der Niederlage, verlor aber durch ein zweifelhaftes Urteil der Punktrichter. Noch umstrittener war 1996 seine Disqualifikation wegen Nachschlagens gegen Michalczewski vor 25.000 Zuschauern am Hamburger Millerntor.

Boxstar, Weltmeister und oft Verlierer

Das Geld - verliehen, verschenkt, verschwendet

Das Gefühl, betrogen worden zu sein, zog sich durch seine ganze Karriere. Als er 1998 den vakanten Titel der WBC gewann, wollte ihn der Verband hinterher nur als Interims-Weltmeister anerkennen. Rocchigiani klagte und bekam vier Jahre später vor Gericht 31 Millionen US-Dollar Schadensersatz zugesprochen. Da dem Verband die Insolvenz drohte, akzeptierte er schließlich einen Vergleich in wesentlich geringerer Höhe. Reichlich Geld war es trotzdem. Teure Uhren, teure Reisen, Lokalrunden in den Kneipen von Berlin-Charlottenburg, alle wollten an sein Geld und er hat es hergegeben. Verliehen, verschenkt, verschwendet.

Aufgeben gab es nicht

Autor Boris Poscharsky hat Rocchigiani vor einigen Jahren getroffen. Mit fast 50 Jahren wollte der Ex-Weltmeister wieder einmal von vorne anfangen. Alles sollte besser werden. Er zeigte dem Sportclub, wo er und sein Bruder Ralf aufgewachsen waren, sprach offen über schlechte Zeiten im Knast, Schlangestehen im Jobcenter und große menschliche Enttäuschungen. Er war verbittert nach all den Niederschlägen des Lebens, aber aufgeben, das gab es für Graciano Rocchigiani nicht. Er stürzte ab, war am Boden, rappelte sich wieder auf. Am Ende starb er so, wie er gelebt hat: Nach einem Streit und einem Besäufnis in seiner zweiten Heimat Italien. Die Sportclub Story mit einem Nachruf.

Autor/in
Boris Poscharsky
Redaktion
Matthias Cammann