Sendedatum: 22.12.2019 19:30 Uhr

Liedertafeln: Blüte, Niedergang und Zukunft einer Tradition

von Thomas Kahlcke

Es gibt oder gab sie überall im Land: Zwischen Flensburg, Mölln und Ratzeburg existieren unzählige Liedertafeln. Ursprünglich war eine Liedertafel eine Gruppe von gleichgesinnten Männern: Sie saßen um einen Tisch, die "Tafel", herum und sangen unter Ausschluss der Öffentlichkeit Lieder. Daraus hat sich eine Institution von riesiger persönlicher und gesellschaftlicher Tragweite entwickelt. Beinahe jedes Dorf in Schleswig-Holstein gründete im 19. Jahrhundert eine Liedertafel, einen (Männer-) Chor. Das gemeinsame Singen wird für die Individuen und für die Gemeinschaft ein wichtiger sozialer Faktor: Für den einzelnen Menschen, weil das Singen die individuellen Fähigkeiten und das Sozialleben bereichert, und für die Gemeinschaft, weil die Chöre bei allen wichtigen Anlässen - von Geburtstagen bis zu Begräbnissen - für emotionalen Zusammenhalt sorgen.

VIDEO: Zeitreise - Geschichte der Liedertafeln (6 Min)

Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel im Laufe der Zeit

Ein Männerchor singt © NDR
Die Haseldorfer Liedertafel besteht seit dem Jahr 1874.

Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg hat dieses System Bestand. Dann aber geht es bergab. Die Chöre verlieren immer mehr Mitglieder. Der Strukturwandel auf dem Land, die Überalterung der Dörfer, die Angebote der digitalen Welt: Das sind einerseits die Gründe. Andererseits gelingt es vielen Liedertafeln auch aus eigener Unbeweglichkeit nicht, sich zu verjüngen, das Repertoire zu modernisieren oder mit anderen Chören zu fusionieren. Etliche Singvereine, die 150 Jahre lang Bestand hatten, geben auf. Die "Haseldorfer Liedertafel von 1874" beispielsweise ist ein reiner Männergesangsverein. Und das ist auch zugleich Teil des Problems: Singende Männer sterben aus, Nachwuchs ist kaum zu finden, und das Repertoire der Haseldorfer - vorwiegend Shanties - begeistert kaum Nachwuchssänger.

Engagement und neue Strukturen

Aber es gibt auch eine Gegenentwicklung. Das Schicksal der Kollegen aus der Haseldorfer Marsch drohte auch der "Elmshorner Liedertafel von 1866". Doch dann kam eine neue Chorleiterin - und alles wurde anders. Sie strukturierte das gesamte Elmshorner Chorwesen um, scherte sich nicht um die Grenzen der Tradition und warb massenhaft neue Sänger und Sängerinnen an. Heute firmieren unter dem Label "Elmshorner Liedertafel" fünf Chöre, vom Kinderchor bis zum Senioren-Singkreis. Mit insgesamt 200 Mitgliedern ist die Tafel der größte Chor-Verein in Schleswig-Holstein.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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