Sendedatum: 03.05.2020 19:30 Uhr

Erinnerungen an die Retter der Prinz-Heinrich-Brücke in Kiel

von Karl Dahmen

Heinrich Magnus Ivens zögerte keinen Moment. Er wusste, wenn er jetzt nicht handelt, würde es zu einem Unglück kommen, unter dem die Holtenauer noch lange leiden würden. Mit seinem Freund, dem Landwirt Hermann Storm, rannte er die Koppel zum Nord-Ostsee-Kanal herunter auf die Stützpfeiler der Prinz-Heinrich-Brücke zu. Von seinem Baugeschäft aus hatte Ivens zuvor junge SS-Soldaten gesehen, die beladen mit Sprengstoff zu der wichtigen Brücke marschiert waren.

Alliierten verbrannte Erde hinterlassen

Ihm war sofort klar, was das bedeutete. Es war Anfang Mai und der Zweite Weltkrieg verloren. Die Engländer standen schon in Kiel, aber immer noch glaubten fanatische junge Nationalsozialisten an ihre braune Ideologie und wollten den Alliierten verbrannte Erde hinterlassen. Brücken gehörten zu ihren bevorzugten Mitteln, dem Feind Schaden zuzufügen. Dass sie damit vor allem den eigenen Landsleuten schadeten, nahmen sie nicht zur Kenntnis.

Glück gehabt, nicht erschossen zu werden

Ein altes Foto der Prinz Heinrich Hochbrücke bei Holtenau, auf dem Steht: "Länge der Brücke: 420 Meter, Höhe über dem Wasserspiegel: 42 Meter". © NDR
Ein Archiv-Foto der Prinz-Heinrich-Hochbrücke zeigt, wie die heutige Holtenauer Brücke damals aussah.

Als Ivens und Storm an der Brücke ankamen, hatten sechs, sieben Soldaten bereits Sprengladungen angebracht. Der Architekt Ivens konnte diese Dummheit nicht fassen und fuhr die jungen Männer an, was das denn nun noch solle, der Krieg sei verloren, sie sollten so rasch wie möglich nach Hause gehen. Außerdem bräuchten die Holtenauer die Brücke über den Kanal, vor allem, wenn der Krieg vorbei sei. Später erzählte Heinrich Magnus Ivens seiner Tochter, dass einer der jungen SS-Soldaten in Tränen ausgebrochen sei, weil ihm erst dann bewusst wurde, dass die Deutschen den Krieg verloren hatten. Ivens wusste sicher auch, dass er Glück gehabt hatte. In ähnlichen Fällen sind selbst in den letzten Kriegstagen noch Männer von der SS an die Wand gestellt worden, weil ihnen "Feigheit vor dem Feind" vorgeworfen wurde.

Sprengung erfolgreich verhindert

Die Sprengladungen waren schon befestigt, erinnert sich Ingelene Rodewald. Sie ist die Tochter von Heinrich Magnus Ivens und gleich nach Kriegsende hat er ihr die Geschichte erzählt und war mit ihr zu den Pfeilern der Brücke gegangen. Ivens war im Ersten Weltkrieg Offizier in einer Pioniereinheit und für das Sprengen von Brücken verantwortlich gewesen. Dieses Wissen kam ihm nun zugute. Er konnte alle Sprengladungen entfernen und gemeinsam mit Hermann Storm wegtransportieren.

Von der bisher weitgehend unbekannten Rettungstat der Holtenauer Männer am Ende des Krieges erzählt unsere Zeitreise. Mit vielen alten Filmen und Fotos ruft sie die historische Prinz-Heinrich-Brücke in Erinnerung.

Archiv
Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Schleswig-Holstein Magazin | 03.05.2020 | 19:30 Uhr

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