Zeitreise: Cismars problematischer "großer Sohn"

Sendedatum: 18.10.2020 19:30 Uhr

In Cismar wird um einen Gedenkstein zu Ehren von Richard Bruhn diskutiert. Er machte die Auto-Union zum zweitgrößten deutschen Autobauer, war aber auch umstrittenes NSDAP-Mitglied.

Von Philip Schroeder

Ein altes Foto der Stadt Cismar. © NDR
Die Audi-AG hat Wurzeln in Cismar. Dr. Richard Bruhn gründet die Auto Union AG.

Der Stein an der Hauptstraße in Cismar. Für den Grömitzer Jörg Schemmer, der als Hobby-Historiker seine Gemeinde gut kennt, war das eine Überraschung: Die Audi-AG soll auch Wurzeln in Ostholstein haben? Weil Richard Bruhn, der Chef des Vorgängerunternehmens Auto-Union, in Cismar geboren ist? "Ich bin da zufällig in den Archiven drauf gestoßen", erzählt Schemmer. "Alte Zeitungsartikel aus dem Jahr 2000 von den Richard-Bruhn-Wochen." Damals vor 20 Jahren initiierten rührige Cismarer die Aufstellung eines Gedenksteins. Mit Text in Bronze: "Zur Erinnerung an Dr. Richard Bruhn, geboren 25.6.1886 in Cismar, Gründer der Auto Union AG 1932". Darunter die vier Ringe, die 1932 für die Fusion von Audi, Horch, Wanderer und DKW stehen. Heute sind die vier Ringe Markenzeichen der Audi AG. Sie ist aus dem Unternehmen hervorgegangen, das von Richard Bruhn nach 1945 in Ingolstadt neu gegründetet wurde.

Bruhn war NSDAP-Mitglied

Im Lagerbereich des Betriebs stehen die Arbeiter hinter einem Zaun. © NDR
Bruhn als "Wehrwirtschaftsführer" ist für die Ausbeutung von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen in der Rüstungsproduktion der Auto Union mit verantwortlich.

Jörg Schemmers Neugier ist geweckt. Seinen Recherchen folgt schnell Entsetzen: Bruhn war schon 1933 NSDAP-Mitglied. In Propagandafilmen hält er vor einer Hakenkreuz-Fahne Lobreden auf Hitler. Später ist Bruhn als "Wehrwirtschaftsführer" mit verantwortlich für die Ausbeutung von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen in der Rüstungsproduktion der Auto Union. Sie kostete Tausenden Menschen das Leben. "Ein hochrangiger Nationalsozialist, ein Kriegsverbrecher", urteilt Lokalhistoriker Jörg Schemmer. "So einer hat keinen Gedenkstein verdient, der muss weg."

Gedenkstein gleichzeitig Mahnmal

Die zuständige Gemeinde Grömitz sieht das anders. Angesichts der neuen Forschungsergebnisse sei nahe dem ursprünglichen Gedenkstein eine Ergänzungstafel angebracht worden, betont Bürgermeister Mark Burmeister (parteilos): "Es ist auch kein Gedenkstein. Wir wollen einfach darauf hinweisen, was damals passiert ist - das immer in Erinnerung behalten, damit jedem bewusst ist, dass sich so etwas niemals wiederholen darf."

Beratung von professionellen Historikern hat sich der Bürgermeister allerdings nicht geholt. Jörg Schemmer reicht die Erklär-Tafel deshalb nicht. Sie ist ihm zu weich formuliert: "Da wird von der 'Beschäftigung von Zwangsarbeitern' geredet und dem Betrachter gesagt, dass er sich sein eigenes Urteil bilden soll. Dabei liegt das Urteil der professionellen Historiker längst vor."

Audi AG-Forscher haben Geschichte aufgearbeitet

Die Audi AG hat ihre Geschichte schon vor Jahren von Forschern aufarbeiten lassen. Auf NDR-Anfrage teilt die historische Abteilung des Unternehmens mit: "Bruhns Leistungen für das Unternehmen nach dem Krieg sind unbestritten. Die Zeit im Zweiten Weltkrieg mussten wir neu bewerten. Dr. Richard Bruhn trug während des Krieges die Verantwortung des Gesamtunternehmens und damit auch für die Arbeitsbedingungen, unter denen die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in den Auto Union Werken leiden mussten."

In Cismar bleibt die Bewertung der Person Richard Bruhn weiter jedem selbst überlassen. Wie seit 20 Jahren steht der Gedenkstein an der Hauptstraße. Wenige Meter entfernt hängt jetzt die Ergänzungstafel.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 18.10.2020 | 19:30 Uhr