Sendedatum: 08.03.2020 19:30 Uhr

Als homosexuelle Männer von Nazis verfolgt wurden

von Cèline Sonnenberg

Er wurde in eine klamme, kalte Zelle geworfen - ohne Mantel, tagelang ohne Essen. Am 23. Januar 1937 verhaftete die Gestapo Paul von Großheim. Der Kaufmann kam in die Zellen am Lübecker Dom. Die Gestapo folterte und verhörte ihn immer wieder. Bis zur offiziellen Anklage im Februar blieb Paul von Großheim dort. Sein angebliches Verbrechen: Er liebte Männer. Homosexuelle Beziehungen waren in Deutschland seit dem Kaiserreich verboten, doch unter den Nazis wurde der Paragraph 175 extrem verschärft. Allein der Verdacht schwul zu sein, reichte aus, um verhaftet zu werden.

Zeitreise: Der Schwulen-Hass der Nazis

Schleswig-Holstein Magazin -

In den Jahren nach 1945 war Schwulsein noch tabu. Historiker Christian Rathmer aus Lübeck erforscht die Geschichte homosexueller Männer, die von den Nazis verfolgt und oft ermordet wurden.

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Am 23. Januar 1937 wurde Paul von Großheim von der Gestapo verhaftet.
Eine riesige Verhaftungswelle

Die Nazis verfolgten homosexuelle Männer systematisch und grausam. Gab es 1932 in Hamburg nur sieben Verhaftungen wegen des Paragraphen, waren es 1937 bereits 439. In Schleswig-Holstein gab es unter den Nazis mindestens 900 Verfahren gegen homosexuelle Männer. Sie wurden verhaftet, misshandelt, zwangskastriert und -sterilisiert. Wer doch frei kam, hatte meist alles verloren, wurde enteignet oder entlassen. Dazu kam das gesellschaftliche Stigma. Noch schlimmer traf es etwa ein Viertel der angeklagten Männer: Sie kamen in Konzentrationslager, etwa die Hälfte starb während der Haft. Paul von Großheim blieb 1937 neun Monate im Zuchthaus, wurde dann freigelassen und 1938 wieder verhaftet. Nur eine Kastration im gleichen Jahr, der er nach großem Druck zustimmte, verschonte ihn vor dem KZ.

"Abends kamen sie und schlugen uns zusammen"

1991, mehr als 50 Jahre später, berichtete Paul von Großheim in einer NDR-Dokumentation von dem, was ihm in den Zellen angetan wurde:

"Ich musste in einer Zelle sitzen, in der ein Bach von Urin war und ein Haufen voll Dreck, voll Kot auf der Pritsche. Und dann erschienen sie abends und schlugen uns zusammen. Ich habe nicht geschrien. Ich fand es so erbärmlich, dass ich vor diesen Leuten nicht einen Ausdruck gemacht habe. Aber sie haben mir mit dem Hammer den Hals so umgedreht, dass es drinnen direkt geknackt hat. Ich kam dann zurück ins Lübecker Marstallgefängnis und konnte natürlich gar nicht liegen, weil sie uns so zusammengeschlagen hatten. Und dann sagte ich zu einem Wachtmeister: "Ich kann nicht liegen, können sie mir nicht irgendwie helfen, mein ganzer Rücken ist ja blutig". Und da sagt der: "Ich sehe gar nichts." Paul von Großheim

Lübecker Forschung zu verfolgten Homosexuellen

Keiner der verhafteten und misshandelten Homosexuellen erhielt eine Entschädigung. Lange erinnerte niemand an ihre Schicksale. In Lübeck forschte der Historiker Christian Rathmer zur Verfolgung Lübecker Homosexuellen unter den Nazis. Paul von Großheims Lebensgeschichte war der Ausgang seiner Suche. Auch die Wissenschaft hatte die homosexuellen Opfer des Naziregimes lange ignoriert, denn auch nach Ende der Naziherrschaft blieb Homosexualität strafbar: Der Paragraph 175 wurde eins zu eins übernommen. Erst im Jahre 1969 wurde der Paragraph abgeschwächt, 1994 komplett abgeschafft. "Es ist ja eigentlich erst in den Neunzigern zu einer Rücknahme des Paragraphen 175 gekommen. Davor spielte immer so ein wenig mit: "Es ist ja nicht ganz okay, es ist strafbar", und die Menschen haben sich dann auch kaum getraut, über ihr Schicksal zu reden", so Rathmer.

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2006 starb der fast 100-jährige Paul Großheim in Hamburg.
Gedenken an zu Unrecht Verfolgte

Auch Paul von Großheim schwieg lange. Erst über 50 Jahre nach seiner Tortur outete er sich öffentlich, wirkte in Dokumentationen mit und erzählte in Büchern von seiner Geschichte. Er war einer von extrem wenigen Zeitzeugen, die von der Verfolgung schwuler Männer berichteten. Nicht nur fehlende Zeitzeugenberichte machen die Forschung schwierig: Viele Akten wurden vernichtet, wie etwa alle Polizeiakten in Lübeck. Der Historiker Christian Rathmer ging deshalb deutschlandweit auf die Suche, in Archiven von Hamburg bis Bayern wälzte er monatelang Polizeiakten, Verhörprotokolle und medizinische Gutachten. Knapp 150 Geschichten von Homosexuellen im Zusammenhang mit Lübeck hat er gefunden. Christian Rathmer wollte nicht zulassen, dass diese Männer vergessen werden: "Ich will ihre Lebensgeschichten erzählen, so dass sie von den Nazis nicht ganz ausgelöscht wurden. Es waren nämlich wirklich tolle Menschen, die mitten aus dem Leben gerissen wurden, nur aufgrund ihrer sexuellen Identität. Diese Menschen hatten keine kriminellen Dinge getan, aber wurden von den Nazis bitter bestraft. Ich denke, wir sind es den Menschen heute zumindest schuldig, dass man sie von dieser Schuld befreit, die sie damals vom Staat auferlegt bekommen haben."

Für Liebe bestraft

Paul von Großheim ließ sich von den Verbrechen der Nazis nicht brechen. Der Einmarsch der Engländer in Lübeck am 2. Mai 1945 war für ihn eine Befreiung. In den 1950ern zog er nach Hamburg, lebte dort zusammen mit seinem langjährigen Lebenspartner. Seine Zeitzeugenberichte machen die Gräueltaten der Nazis heute für uns greifbar. 2006 starb der fast 100-jährige Paul Großheim in Hamburg. Bis zum Schluss sah er sich nie als Verbrecher: "Ich bin nie von der Schuld überzeugt gewesen, bis auf den heutigen Tag nicht. Es ist ja so widersinnig wie irgendwas, dass man für Liebe bestraft werden sollte."

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.03.2020 | 19:30 Uhr