Stand: 29.02.2016 13:50 Uhr  | Archiv

"Wir versuchen uns weiter durchzukämpfen"

Genau ein halbes Jahr nach der Ankunft zahlreicher Flüchtlinge besuchen wir noch einmal die Kleinstadt Königswinter in Nordrhein-Westfalen. Im August 2015 musste Sozialdezernentin Heike Jüngling von einem Moment auf den anderen Unterkünfte für rund 100 Asylbewerber organisieren. Gerade einmal 48 Stunden hatte sie dafür Zeit. Und heute? Ein Ortsbesuch.

Anja Reschke: Was hat sich in den vergangenen sechs Monaten verändert?

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Vor allem im praktischen Alltag gibt es immer wieder Probleme, erzählt Sozialdezernentin Heike Jüngling im Gespräch mit Anja Reschke.

Heike Jüngling: Vor sechs Monaten waren wir ganz fokussiert auf das Thema Notunterkunft: Wie bekommen wir in kürzester Zeit die über 100 Menschen unter? Jetzt sind noch mal andere Probleme dazugekommen, andere Themen reihen sich an: Wo kommen die Asylbewerberkinder in die Kita? Wie organisieren wir die internationalen Vorbereitungsklassen? Uns beschäftigen die Themen rund um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Deutschkurse, Ausbildungsplätze, Arbeit. Also die Themen sind viel größer geworden, und der Berg ist viel größer. Es gibt auch die Erkenntnis, dass die Menschen ja nicht nur hier sind und mal untergebracht werden müssen, sondern integriert werden wollen und müssen - und ja auch bleiben. Im praktischen Alltag gibt es noch viele Probleme.

Zum Beispiel?

Jüngling: Wir haben Zahltag am ersten eines jeden Monats, d.h. die Asylbewerber bekommen Schecks oder Überweisungen. Und dann gehen alle 600 Asylbewerber auf ein Mal zur Bank. Nun sagen die Banken: Selbst wenn wir unser Personal verstärken: Das kriegen wir überhaupt nicht hin! Wir haben hier große Einheiten, d.h. Hunderte Menschen rennen zur gleichen Zeit in eine Filiale und holen ihr Geld ab. Dadurch fühlten sich wohl auch viele andere Kunden gestört, durch diese Menge an Menschen, die da anstand. Deshalb hat die Bank uns jetzt gekündigt, und wir suchen ein neues System.

Ist natürlich auch nichts, worüber man sich vorher Gedanken macht.

Jüngling: Nein, und das ist bei den meisten alltäglichen Problemen so. Auch bei dem Thema Schule. Wir haben schon spezielle Klassen gegründet, also internationale Vorbereitungsklassen, aber die sind binnen weniger Tage voll. Zudem bekommen die Schulen derzeit nicht mehr Lehrer, müssen das irgendwie mit den Lehrern, die da sind, abdecken. Das ist extrem schwierig, weil die Klassen schon gut besucht sind und die Lehrer nicht speziell dafür ausgebildet sind. Und wenn die Schulen dann voll sind, müssen wir gucken, was wir machen. Fahren wir die Kinder mit dem Bus zu einer anderen Schule? Wie ist das mit den Kosten? Haben die anderen Schulen Kapazitäten? Das ist schon ein großes Thema.

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Ein anderes großes Thema ist die Arbeit. Gibt es denn Arbeitgeber, die Arbeit für Flüchtlinge anbieten würden?

Jüngling: Ja, es gibt ganz viele Arbeitgeber, die an uns herangetreten sind und gesagt haben, wir suchen jemanden. Und wir haben auch versucht, durch unsere Sozialarbeiterin Menschen in Arbeit zu bringen. Wegen der sogenannten Vorrangprüfung hatte es aber ein negatives Ergebnis. Vorrangprüfung heißt: Könnte ein Deutscher den Job übernehmen? Und wenn dann da "ja" steht, dann darf der Flüchtling diesen Job nicht haben. Das gilt auch, wenn die Firmen die Stelle lange ausgeschrieben haben und kein Deutscher gefunden wurde. Ich glaube, dieses Verfahren muss man ändern. Das bedeutet dann auch, dass wir Konkurrenz auf den deutschen Arbeitsmarkt bringen. Da können wir sagen, wenn wir das tun dann könnte es auch zu Lasten der Deutschen gehen, die dann vielleicht noch mal eine andere Haltung gegenüber Flüchtlingen entwickeln.

Nervt Sie das nicht manchmal?

Jüngling: Natürlich nervt das. Natürlich ist das auch traurig, wenn sie anpacken und arbeiten wollen und meine Kollegen auch motiviert sind, die Menschen in Arbeit zu bringen. Und dann geht es nicht, weil irgendein Stempel fehlt. Natürlich ist das ärgerlich. Und wir versuchen es immer, wir versuchen Lücken zu finden oder das noch zu forcieren, aber das ist wirklich ein dickes Brett.

Nun ist Königswinter nicht weit weg von Köln. Hat sich nach Januar etwas in der Wahrnehmung der Bevölkerung verändert?

Jüngling: Es hat ganz, ganz viel verändert. Vergangenes Jahr war die Akzeptanz der Bevölkerung noch riesig. Wenn wir jetzt neue Standorte für Flüchtlinge planen, gibt es im Vorfeld schon ganz große Unruhe, und es wurde explizit gesagt: "Ich will ja nicht sagen, dass es so ist wie in Köln, dass alle Flüchtlinge kriminell sind. ABER...". Und dann kamen ganz, ganz viele Fragen, Bedenken und Sorgen. Es gibt ein ganz großes Sicherheitsbedürfnis. Mir wird auch gespiegelt, wenn ich mich mit Bürgern unterhalte: "Ich weiß es ist ja nicht so, aber ich krieg die Bilder nicht los, ich krieg sie nicht los." Und das prägt einfach für diejenigen, die nicht täglich in der Unterkunft sind und die Menschen kennen, sondern die einfach nur Bilder im Kopf haben.

Ist die Kriminalität in Königswinter gestiegen?

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"Die Themen sind größer geworden. Es sind aber auch noch mehr Leute, die die Themen auch sehen und die sich auch engagieren", so Heike Jüngling.

Jüngling: Es gibt natürlich Konflikte alltäglicher Art. Es gibt auch aus meiner Sicht große Probleme, wenn jemand eine Straftat begeht, dass die Strafverfahren nicht schnell genug und die Rückführungen nicht so funktionieren, wie man sich das vorstellt. Ich kann nur aus den Erkenntnissen, die ich habe, sagen, dass es keine signifikant höheren Kriminalitätsraten gibt. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, die Probleme zu benennen, sonst kann man sie nicht lösen. So zu tun als wäre alles rosarot und es gäbe keine Probleme, wäre das Falscheste, was man machen kann - genauso falsch, wie alles zu verurteilen.

Und wie sieht es mit Übergriffen in den Unterkünften aus?

Jüngling: Es gab die Situation, dass ein Flüchtling nicht zufrieden war mit der Unterbringung und dann mit dem Messer rumgefuchtelt hat. Und da ist natürlich die Frage: Wann kippt das? Geht es irgendwann über das Fuchteln mit dem Taschenmesser hinaus? Ich hoffe, dass das Ausnahmefälle bei uns waren. Und ich glaube auch, dass das im Verhältnis zu den Menschen, die gekommen sind, wirklich ein ganz geringer Anteil ist. Aber dem müssen wir uns widmen. Und da versuchen wir eben, sowohl die Mitarbeiter zu schulen als auch das gesamte System so aufzustellen, dass wenn es zu einer Konfliktsituation kommt, jeder weiß, wie man sich verhalten und wen man alarmieren muss. Wir wollen, dass bei den Mitarbeitern kein Angstgefühl aufkommt und wir uns nicht als Stadt vorwerfen lassen müssen, nicht alles getan zu haben, damit wir sicher damit umgehen können.

Ist so eine Ernüchterung jetzt bei Ihnen eingetreten?

Jüngling: Nein, eine Ernüchterung noch nicht. Es ist schon ein größeres Problembewusstsein da, aber wenn man ernüchtert ist, dann bewegt man sich auch nicht mehr. Die Themen sind größer geworden. Es sind aber auch noch mehr Leute, die die Themen auch sehen und die sich auch engagieren. Wir versuchen, uns da weiter durchzukämpfen.

Das Interview führte Anja Reschke.

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