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"Was tun mit unseren Wölfen?"

Dienstag, 02. Oktober 2018, 21:15 bis 21:45 Uhr
Donnerstag, 04. Oktober 2018, 02:15 bis 02:45 Uhr

Ein Wolf schaut in die Kamera. © fotolia.com Foto: Holly Kuchera

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Der Wolf ist wieder da. Nachdem er 150 Jahre lang in Deutschland ausgerottet war, haben sich laut Schätzungen des Bundesamts für Naturschutz inzwischen über 60 Rudel bei uns angesiedelt. Dies entspricht etwa 150 ausgewachsenen Tieren. Andere gehen von weit höheren Zahlen aus. Je nachdem, mit wem man spricht, ist der Wolf eine Bereicherung der Natur- und Artenvielfalt oder eine unberechenbare Gefahr für Mensch und Tier.

Manche Wölfe verlieren die Scheu

Normalerweise ist der Wolf für Menschen unsichtbar: Er streift im Schutze der Nacht durch Wälder und Wiesen. Nur seine Pfotenabdrücke, aber immer wieder auch tote Nutztiere, weisen am nächsten Morgen noch auf ihn hin.

Im niedersächsischen Dorf Töpingen, unweit von Soltau, kennt man den Wolf jedoch auch tagsüber nur zu gut. Seelenruhig überquert ein ganzes Rudel die Straße und zeigt scheinbar keine Scheu vor Mensch und Autos. Sogar im Vorgarten wurde ein Tier hier bereits gesichtet. "Wir haben Angst", sagt eine Bewohnerin, "uns ist mulmig. Man kann hier nicht mehr ruhigen Gewissens spazieren gehen - und den Kindern kann beim Ausreiten jederzeit ein Wolf begegnen."

Schäfer leiden unter der Zunahme der Wölfe

Die Wolfspopulation nimmt jedes Jahr weiter zu, da Wölfe unter strengem Naturschutz stehen und sich somit ungehindert ausbreiten können. Landwirte und Schäfer werden vornehmlich mit den negativen Seiten der Wolfsrückkehr konfrontiert. Immer mehr Nutztiere kommen durch den Wolf zu Tode.

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Für Schäfer Gerd Jahnke kann es mit dem Wolf nicht so weitergehen.

In Norddeutschland ist die Lage besonders angespannt: Seit 2016 sind allein in Niedersachsen mehr als800 Nutztiere dem Wolf zum Opfer gefallen. Schäfer Gerd Jahnke aus der Lüneburger Heide hat schon 40 Schafe an den Wolf verloren. "Man hat ständig Angst, dass es wieder passiert", sagt er. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass nur etwa ein Prozent der Beute Weidetiere ausmachen, überwiegend ernähren sich die Wölfe von Wild, das meist noch sehr jung oder schwach ist.

Doch der Wolf verschärft die ohnehin oft schwierige finanzielle Situation der Schäfer. Niedersachsen zahlt den Haltern Entschädigungen für gerissene Tiere, wenn die Beweislage eindeutig und der Mindestschutz eingehalten wurde. Das bedeutet Bürokratie und manchmal lange Wartezeiten für die Hilfeleistungen. "Ich kenne einige, die die Schafhaltung dann einfach aufgegeben haben", sagt Schäfer Jahnke.

Schutzhunde als Alternative

Ähnlich sieht es Nicole Benning, die auf Herdenschutzhunde zur Wolfsabwehr setzt. Ihre speziell ausgebildeten Hunde leben mit der Schafherde auf der Weide und bewachen sie. Nähert sich ein Wolf dem Zaun, "sagen ihm die Hunde im Prinzip: Bleib draußen, ansonsten wird’s unangenehm", erklärt Benning die Arbeit der Hunde. Und das Konzept scheint aufzugehen. "Wir sitzen im Einzugsgebiet von ungefähr zehn Wolfsrudeln mit all unseren Herden- oder Weideflächen und wir hatten nicht einen Wolfsübergriff." Die Herdenschutzhunde sind natürlich arbeits- und kostenintensiv, doch könnten sie ein friedliches Miteinander von Wolf und Schäfer ermöglichen.

Alternative Schutzhund: Der Mensch muss wieder lernen, seine Herden mit natürlichen Mitteln gegen Wölfe zu schützen, glaubt Nicole Benning.
Der Wolf macht den Jägern Konkurrenz

Die steigende Anzahl der Wolfspopulation wirkt sich auch in den Wäldern aus. Den Forst im Gleichgewicht zu halten und dafür Wildbestände zu regulieren, war 150 Jahre lang die Aufgabe von Jägern. Nun mischt der Wolf seit einigen Jahren fleißig mit. Die wenigsten Jäger sind darüber erfreut, nimmt der Wolf ihnen doch Wild weg. "Man sieht morgens auf dem Ansitz nicht mehr garantiert Wild. Häufiger sitzt man da jetzt total vergebens", erzählt die niedersächsische Jägerin Susanne Domnick.

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Macht den Wolf für ihre sinkenden Wild-Abschüsse verantwortlich: Jägerin Susanne Domnick.

Unverständlich findet das dagegen ihr Kollege Jens-Peter Burkhardt aus dem Wendland, da sowohl für Jäger als auch für Wölfe genug Wild vorhanden sei: "Die Torte ist groß genug, im Gegenteil, sie wird zum Teil immer noch größer", so Burkhardt.

Aufnahme ins Jagdrecht gefordert

Susanne Domnick fordert, wie viele ihrer Kollegen, eine Abschussquote, die das Schießen von Wölfen in einer bestimmten Anzahl erlaubt. Burkhardt hält von einer pauschalen Abschussquote jedoch nichts. Viel wichtiger sei es, auffällige Wölfe, die sich beispielsweise mehrfach Menschen genähert haben, zu töten. Dies könne helfen, den Menschen die Ängste zu nehmen. "Schießen für eine Akzeptanz", nennt der Jäger seinen Ansatz. Tier- und Umweltschützer bezweifeln jedoch die Akzeptanzsteigerung des Wolfes durch seine Aufnahme ins Jagdrecht.

Angriffe auf Menschen? Fehlanzeige!

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Will den Anwohnern die Angst vor dem Wolf nehmen: Markus Bathen.

Seit 20 Jahren erschließt sich der Wolf nun schon seinen alten Lebensraum Deutschland zurück. Noch wurde kein einziger Mensch von einem Wolf verletzt. Markus Bathen vom Naturschutzbund möchte mit seiner Arbeit als Wolfsexperte die Akzeptanz von Wölfen in Deutschland steigern. Es sei völlig normal, dass die Menschen sich an den Wolf gewöhnen müssten und ihm zunächst mit Skepsis begegneten. Bathen will mit Fakten über den Wolf aufklären.

Die Frage, wie mit dem Wolf umgegangen werden soll, ist längst zum Politikum geworden. Auch im Bundestag sind sich die Politiker nicht einig und suchen nach Lösungen. Irgendeine Regulierung wird in den nächsten Jahren beschlossen werden müssen, denn die Wölfe werden bleiben. Die Frage ist nur: Wie viele dürfen es sein?

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Autor/in
Aaron Moser
Carla Reveland
Redaktion
Dietmar Schiffermüller
Produktionsleiter/in
Nicole Deblaere
Redaktion
Schiffermueller, Dietmar