Panorama - die Reporter

Ist die Pflege noch zu retten?

Dienstag, 07. August 2018, 21:15 bis 21:45 Uhr
Donnerstag, 09. August 2018, 02:15 bis 02:45 Uhr

Daniela Ray (l.) mit Patientin © NDR Foto: Screenshot

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"Kleine Geruchsprobe gefällig?", fragt Elke Wernado und hält der alten Dame ein kleines Fläschchen unter die Nase. Die Pflegerin sitzt ihrer Patientin gegenüber. Es duftet nach Lavendel. Sanft streicht Wernado das Öl auf die faltigen Hände, massiert vorsichtig die knöchrigen Finger. 20 bis 30 Minuten nimmt sie sich Zeit, hat dafür ihre Klingel abgestellt. Niemand soll diesen Moment stören. Die Kollegen kümmern sich jetzt um die akuten Sorgen der anderen Bewohner des Altenheims und halten Elke Wernado den Rücken frei. "Hat das jetzt gutgetan?", fragt sie. "Ja, es ist leichter", sagt die 93-jährige Helene Herz und dreht ihre Handgelenke nach rechts und links. Doch nicht nur für die Bewohner sind solche Momente wichtig, sondern auch für die Mitarbeiter. "Ich kann mich hier mit meinen Interessen einbringen", sagt Wernado. "So gehe ich heute Abend zufrieden nach Hause."

Notstand beheben - aber wie?

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Stefan Lorscheter (l.) und Maria Svenson pflegen gemeinsam das Blumenbeet im Maria-Martha-Stift.

Welche Auswege kann es aus dem aktuellen Pflegenotstand in Deutschland geben? Wer die Frage beantworten will, landet hier, im Maria-Martha-Stift in Lindau am Bodensee. Das Heim gilt als eines der Vorzeigeeinrichtungen in der Altenpflege. Dabei hat Heimleiterin Anke Franke auch nicht mehr Personal zur Verfügung als andere Heime. Aber sie organisiert ihre Leute anders. Das geht schon mit dem Hausmeister los. "Das dahinten muss noch raus, da komm' ich nicht ran!", sagt die Seniorin Maria Svenson in Befehlston zu Hausmeister Stefan Lorscheter und zeigt mit ihrer Harke auf einen paar Halme Unkraut, die zwischen den Stiefmütterchen hervorlugen. Die Heimbewohnerin sitzt dabei auf ihrem Rollator neben dem Blumenbeet und wedelt ungeduldig mit ihrer Harke. Gehorsam bückt sich Stefan Lorscheter und rupft das Büschel aus dem Beet.

Verantwortlich für das Wohlbefinden der Heimbewohner sind hier im Maria-Martha-Stift nicht nur die Pfleger, sondern auch Menschen wie Stefan Lorscheter, darauf legt Heimleiterin Franke großen Wert. Alle Mitarbeiter und eben nicht nur das Pflegepersonal werden für den Umgang mit den Bewohnern geschult.

Geschulte Mitarbeiter, geringere Belastung

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Anke Franke ist Leiterin des Maria-Martha-Stifts in Lindau am Bodensee.

"Mein Kleinod sind die Mitarbeiter", sagt sie. Denn zufriedene Mitarbeiter bedeuten auch zufriedene Bewohner. Und wie zufrieden die Mitarbeiter bei ihr sind, zeigt sich auch in den Zahlen. Im letzten Jahr waren die Mitarbeiter hier durchschnittlich nur 4,7 Tage krank. Im Bundesdurchschnitt sind es laut einer Untersuchung der Betriebskrankenkassen 24 Tage. Denn sie muss keine ausfallenden Kollegen ersetzen und keine Mitarbeiter aus ihrem Urlaub zurückholen, um Lücken zu stopfen. Anderswo führt die hohe Arbeitsbelastung häufig zu Krankheitsausfällen, damit zu noch mehr Arbeitsbelastung für die übrigen Mitarbeiter und dann zu weiteren Krankheitsausfällen.

Gewinn macht dieses Heim kaum. Das meiste Geld bringen die Bewohner ein, die besondere Unterstützung brauchen, gar künstlich ernährt werden müssen. In manchen Altenheimen wird damit ein erschreckender Kreislauf in Gang gesetzt: Den Pflegebedürftigen wird alles abgenommen, weil es schneller geht, als sie zu unterstützen, alltägliche Dingen selbst zu erledigen. Damit bauen die Bewohner von Tag zu Tag weiter ab und werden so immer pflegebedürftiger und sogar lukrativer. "Die Pflege in die Betten wird belohnt", sagt Franke. Doch hier wollen sie anders arbeiten.

"Die verhalten sich total irrational"

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Panorama Reporterin Anne Ruprecht (l.) im Gespräch mit Stefan Sell.

"Bei aller Bewunderung für die Arbeit in diesem Heim muss man sagen: Die verhalten sich total irrational", sagt Stefan Sell, Professor für Sozialpolitik. "So wie das Pflegesystem derzeit ist, setzt es komplett gegenteilige Anreize." Ein Heim, das seine Bewohner wieder fitter mache, werde derzeit dafür überhaupt nicht belohnt, sondern sogar bestraft.

Seit Jahrzehnten beschäftigt Stefan Sell sich mit den Veränderungen in der Pflegewirtschaft. Auch für Spezialisten sind die gesetzlichen Grundlagen nur schwer zu durchschauen: Es gibt das Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz, zudem haben Bundesländer eigene Landesheimgesetze erlassen. Jedes Bundesland hat eigene baurechtliche Verordnungen, eigene Landesrahmenverträge für stationäre oder ambulante Leistungen. Es gibt 16 verschiedene Pflegesätze in Deutschland und 16 verschiedene Brandschutzvorschriften für Heime. Dann gibt es die Bundesgesetzgebung wie die Pflegestärkungsgesetze I, II und III. Die Liste lässt sich fortführen.

"Wir haben ein System der organisierten Nichtzuständigkeit", sagt Sell. Denn neben dem Wirrwarr an gesetzlichen Regelungen gebe es ein ebenso großes Wirrwarr an Akteuren aus Pflegekassen, Krankenkassen, Heimbetreibern - privaten oder der Wohlfahrtsverbände - Sozialämtern und anderen. All diese Akteure verfolgten eigene Interessen, sagt Sell, es fehle jemand, der sich nur für den Pflegebedürftigen einsetze.

Mehr Steuern für eine bessere Pflege

Viele Menschen in Deutschland haben Angst davor, sich im Pflegefall keine gute Versorgung leisten zu können. Nach einer aktuellen Umfrage von infratest dimap im Auftrag des NDR geben 62 Prozent der Befragten an, ihre Beiträge in die gesetzliche Pflegeversicherung reichten dafür nicht aus. Das Vertrauen in das derzeitige Modell scheint angeschlagen, nur lediglich 24 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, steigende Kosten in der Pflege in Zukunft ebenfalls durch Beiträge in die Pflegeversicherung zu decken. Doppelt so viele der Befragten (49 Prozent) zögen es vor, wenn dies über Steuern finanziert würde. Annähernd drei Viertel der Menschen (73 Prozent) wären sogar bereit, mehr Steuern zu bezahlen, wenn sich dafür die Situation in der Pflege spürbar verbessern würde.

Dänemark als Vorbild?

So wie in Dänemark. Die Pflege hier ist fest in kommunaler Hand. Mit 75 Jahren bekommen die Bewohner automatisch Besuch von der Gemeinde - präventiv. Pflegeheime gibt es nur wenige. Die Idee: Menschen sollen möglichst lange zu Hause bleiben. Dafür besuchen die mobilen Pflegekräfte der Gemeinde ihre Bürger, wenn nötig, auch achtmal am Tag. Dabei geht es nicht nur um Pflege, sondern oftmals um Training. Vorhandene Kräfte sollen erhalten, verlorene möglichst zurückgewonnen werden. Was nach paradiesischen Zuständen klingt, folgt einer anderen Ideologie: Hier wird Pflege nicht als die Aufgabe der Angehörigen angesehen, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe - denn Pflege wird in Dänemark über Steuern finanziert.

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Stefan Etgeton von der Bertelsmannstiftung plädiert für ein regionales Pflegebudget.

Wie so ein Modell auf Deutschland übertragbar wäre, ohne eine komplette Systemwende einzuläuten, damit hat sich Stefan Etgeton für die Bertelsmannstiftung beschäftigt. "Regionales Pflegebudget" heißt die Idee. Grob gesagt solle das Geld von der Pflegekasse in die Kommune fließen, "sie ist dann in der Gestaltungsverantwortung zu organisieren, wie das Geld ausgegeben wird", sagt Etgeton. Denn die Kommune kenne die Bedingungen vor Ort. Sie könne das anbieten, was gebraucht werd: Unterstützung zu Hause oder eben ein Heim. Ein weiterer Vorteil: Geht es einem Pflegebedürftigen wieder besser, spart die Kommune Geld.

Drei Jahre alt ist dieses Konzept nun. Einen besonders großen Nachhall hatte es bisher nicht. Im Moment, so scheint es, ist dieser Schritt noch zu groß. Es müssen wohl noch weitere Pflegeskandale kommen.

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Autor/in
Anne Ruprecht
Leonie Puscher
Redaktion
Grit Fischer
Produktionsleiter/in
Nicole Deblaere
Redaktion
Schiffermueller, Dietmar