Sendedatum: 09.06.2020 21:15 Uhr

Zweiklassengesellschaft am Flughafen

von Nils Naber und Verena von Ondarza

Sie sind ein Sinnbild der Corona-Krise: Leere Flughafenterminals, parkende Flugzeuge, verwaiste Start- und Landebahnen. Für Beschäftigte an den Flughäfen in Hamburg, Hannover oder Bremen bedeutet das: Kurzarbeit. Eine von ihnen ist Rina Bejza. Normalerweise ist sie am Check-in-Schalter tätig, erledigt dort die Gepäckaufgabe und stellt Bordkarten aus. Aktuell muss die alleinerziehende Mutter mit 67 Prozent ihres Nettolohns auskommen. Die finanzielle Situation empfindet sie als eine "erdrückende Last". Obwohl sie schon seit über 20 Jahren am Hamburger Flughafen arbeitet, ist Rina Bejza deutlich schlechter dran, als viele andere Beschäftigte am Flughafen.

Kurzarbeit am Flughafen: Ärger beim Bodenpersonal

Panorama 3 -

Am Flughafen Hamburg sind nahezu alle Mitarbeiter aufgrund der Coronakrise in Kurzarbeit. Doch sind Beschäftigte der AHS schlechter gestellt, als die anderen Mitarbeiter des Flughafens.

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AHS-Beschäftigte in Kurzarbeit schlechter gestellt

Zwar hat die Flughafen Hamburg GmbH für direkte Angestellte und auch für Mitarbeiter von Tochterunternehmen, die dem Flughafen mehrheitlich gehören, das Kurzarbeitergeld auf bis zu 90 Prozent aufgestockt. Doch Rina Bejza arbeitet nicht direkt für die Flughafen GmbH oder einer Tochtergesellschaft, die mehrheitlich dem Flughafen gehört. Sie ist Angestellte einer Firma namens AHS Hamburg. AHS steht für Aviation Handling Services. Diese Firma beschäftigt einen Großteil des Personals, das Fluggäste in Hamburg eincheckt und betreut.

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Rina Bejza arbeitet seit über 20 Jahren am Hamburger Flughafen. Ihre coronabedingte finanzielle Situation ist für sie eine "erdrückende Last".

Rund 49 Prozent der AHS Hamburg gehören dem Flughafen. Doch der Airport sieht sich außer Stande auch AHS-Beschäftigten das Kurzarbeitergeld aufzustocken. Vom Hamburger Flughafen heißt es dazu: "Die Lage ist ernst", der Flughafen müsse "in diesem Jahr einen hohen - mindestens – zweistelligen Umsatzverlust hinnehmen".

Die andere Hälfte (51 Prozent) der AHS Hamburg GmbH gehört einer Muttergesellschaft, der sogenannten AHS Holding. Die AHS Holding gehört nicht etwa einem privaten Investor, sondern mehreren Flughäfen selbst. Die wiederum sind alle mehrheitlich in öffentlicher Hand. Haupteigentümer der Holding sind die Airports in Hannover und Hamburg, gefolgt von Bremen.

Ähnliche Situation auch in Hannover und Bremen

Die AHS Holding ist an nahezu allen großen deutschen Flughäfen mit Tochtergesellschaften aktiv. So gibt es beispielsweise auch eine AHS Hannover oder eine AHS Bremen. Merkwürdigerweise ist an diesen Standorten die Situation ganz ähnlich wie in Hamburg.

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Auch an den Flughäfen in Hannover und Bremen werden die AHS-Beschäftigten beim Kurzarbeitergeld schlechter gestellt, als Mitarbeiter der Airports oder von Tochtergesellschaften, die den Flughäfen mehrheitlich gehören. Der Flughafen Hannover rechtfertigt sein Vorgehen damit, dass die gültige Kurzarbeiterregelung "betriebsbedingte Kündigungen bislang erfolgreich vermieden" habe. Der Flughafen Bremen verweist auf die Verantwortung der AHS Holding. Die Geschäftsführung der Holding beantwortet allerdings keine Fragen von Panorama 3.

"Organisierte Verantwortungsflucht"

Allein im Jahr 2018 hat die Holding an die Gesellschafter eine Dividende von 1 Million Euro abgeführt. Irene Hatzidimou, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi in Hamburg, verurteilt deshalb den Umgang mit den Beschäftigten als "organisierte Verantwortungsflucht".

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Der Hamburger Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) hält den Vorwurf der "organisierten Verantwortungsflucht" für verkürzt.

Bei Mehrheitseigentümerin des Hamburg Flughafens, der Freien und Hansestadt Hamburg, sieht man das anders. Der Hamburger Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) meint, der Vorwurf sei "wirklich ein Stück verkürzt". Man habe in den letzten Jahren bei den Beschäftigungsbedingungen "in dem sehr schweren Bereich der Bodenverkehrsdienste" viel verbessert. Der Finanzsenator äußert allerdings auch Verständnis für die AHS-Beschäftigten am Flughafen, der mehrheitlich der Stadt Hamburg gehört. Man bleibe "im Gespräch." Auch die Stadt Hannover, neben dem Land Niedersachsen und einem privaten Investor Haupteigentümer des größten niedersächsischen Flughafens, teilt mit, man befinde sich "in konstruktiven Gesprächen hinsichtlich einer möglichen Aufstockung des Kurzarbeitergeldes".

Bislang hat in Deutschland nur der Flughafen in Stuttgart für Beschäftigte der AHS-Gesellschaft vor Ort des Kurzarbeitergeldes auf 80 Prozent aufgestockt.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 09.06.2020 | 21:15 Uhr