Verzweifelte Landwirte: Was tun gegen den niedrigen Milchpreis?

Stand: 22.02.2021 12:43 Uhr

Der seit Jahren niedrige Milchpreis setzt Landwirte wirtschaftlich massiv unter Druck. Frustriert und wütend protestieren sie seit Monaten auf der Straße oder vor Lagerhallen von Einzelhandelsunternehmen. Ihre Forderungen: ein höherer Preis für ihre Milch und schnelle finanzielle Hilfen für die Höfe. 

von Lea Busch, Nils Naber

Frauke Bielefeld steht in ihrem Melkstand. Routiniert säubert sie die Euter ihrer Kühe, beginnt mit dem Vormelken, schließt Melkgeschirre an. So macht Sie das seit Jahren, jeden Morgen und jeden Abend. Die Landwirtin mag die Arbeit mit den rund 150 Kühen auf ihrem Hof, aber sie lohnt sich für sie immer weniger. "Bevölkerungsernährung als Ehrenamt zu betrachten, das ist es mir zuwider", sagt sie.

Landwirtin Frauke Bielefeld, im Hintergrund die Beine mehrerer Kühe. © NDR Foto: Screenshot
Landwirtin Frauke Bielefeld ist finanziell auf ihre Nebeneinkünfte durch Windkraftanlagen angewiesen.

In Sichtweite des Stalls drehen sich mehrere Windkraftanlagen. Ohne die Einnahmen, die Frauke Bielefeld durch diese Anlagen erzielt, könnte sie mit ihrer Familie den Hof nicht am Leben halten. Die Landwirtin findet, wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, dass es so nicht mehr weitegehen kann. Sie hat sich deshalb den Protesten der Gruppe "Land schafft Verbindung (LSV Milchgruppe)" angeschlossen.

Anhaltende Proteste der Landwirte

Seit vielen Monaten rollen immer wieder Trecker mit lautem Hupen und Dauer-Blinklicht durchs Land. Bei diesen Protestfahrten geht es um viele Themen: Den niedrigen Schweinepreis, hohe Umweltauflagen, die aus Sicht von Landwirten überzogene Düngeverordnung, Wertschätzung für Landwirtinnen und Landwirte und eben um den Milchpreis. Um den Jahreswechsel blockierten sie mit ihren Treckern an mehreren Orten im Norden Lager von Lebensmittelkonzernen. Auf diesem Weg erzwangen die Landwirte Gespräche.

Ein kurzfristiges plakatives Ziel war: 15 Cent mehr für den Liter Milch, möglichst schnell. Doch für Frauke Bielefeld und die Anderen geht die eigentliche Forderung darüber hinaus. "Wir möchten, dass unsere Erzeugerkosten mit eingepreist werden." Und das dauerhaft. Diese Kosten ließen sich berechnen, erklärt Bielefeld. Damit komme man aktuell auf einen Basispreis von ungefähr 45 Cent pro Liter. Außerdem möchten die Landwirtinnen und Landwirte den Milchpreis vorab für einen bestimmten Zeitraum vertraglich vereinbaren.

Warten auf das Milchgeld

Ottmar Ilchmann © NDR Foto: Screenshot
Ottmar Ilchmann, AbL-Vorsitzender in Niedersachsen, kritisiert die schwache Marktposition der Landwirtinnen und Landwirte.

Momentan ist es in der Regel so, dass Landwirtinnen und Landwirte einige Wochen, nachdem die Molkerei die Milch auf dem Hof abgeholt hat, das sogenannte Milchgeld ausgezahlt bekommen. Ottmar Ilchmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL) in Niedersachsen, sieht hier das Kernproblem: "Wir Milchbauern haben eine sehr schwache Marktposition gegenüber unseren Abnehmern, den Molkereien und erst recht gegenüber dem Handel."

Die Molkereien allerdings haben aktuell wenig Interesse daran in der Öffentlichkeit zu stehen. Auch der Milchindustrieverband, der die Branche vertritt, will sich nur schriftlich äußern und stellt fest, aktuell ließe sich "eine kurzfristige Erhöhung des Milchpreises nicht realisieren." Der Grund dafür: "Weltweit gab es zuletzt keinen Mangel an Rohstoff". Und die deutsche Milchindustrie ist stark in den Weltmilchmarkt eingebunden. In keinem Land der EU wird mehr Milch produziert als in Deutschland. In Summe exportiert Deutschland deutlich mehr Milchprodukte als es importiert. Das Problem wird auch nicht kleiner, denn die Milchproduktion ist seit 1992 durchschnittlich immer mehr angestiegen, obwohl die Zahl der Milchviehbetriebe im gleichen Zeitraum massiv zurückgegangen ist.

Christian Böttcher, Pressesprecher des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels betont, dass der Handel aktuell gute Gespräche mit den Landwirtinnen und Landwirten über die aktuelle Situation führe. Über eines spreche man aber nicht - "über Preise." Das wäre wettbewerbsrechtlich nicht zulässig. Entscheidende Ansprechpartner für höhere Milchpreise sind aus seiner Sicht ohnehin die Molkereien.

Politik verlangt mehr Flexibilität

Hans-Joachim Fuchtel © NDR Foto: Screenshot
Hans-Joachim Fuchtel ist seit 2018 Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner.

Im Bundeslandwirtschaftsministerium sieht Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel (CDU) die Verantwortung für den Milchpreis bei Landwirten, Molkereien und Handel: "Wir können die Preisgestaltung als solche nicht vornehmen. Wir werben für mehr Wertschätzung, sowohl beim Einzelhandel wie auch bei den Verbrauchern." Von Landwirten und Molkereien verlangt er mehr Flexibilität bei den Lieferverträgen. Festpreismodelle gebe es schon jetzt. Die Landwirte könnten den Milchpreis auch zu einem gewissen Anteil an der Milchbörse in Leipzig absichern. "Das empfehle ich sehr", sagt Fuchtel.

Viele dieser Aspekte sind Teil der sogenannten Sektorstrategie 2030, die der Milchindustrieverband mit dem Bauernverband im vergangenen Jahr vorgestellt hat. Fuchtel glaubt, dass diese Strategie langfristig zum Erfolg führen wird. Von einem staatlichen Markteingriff, der in gewissem Rahmen rechtlich möglich wäre, will er vorerst absehen.

Frauke Bielefeld, Ottmar Ilchmann und vielen anderen protestierenden Landwirten reicht das nicht. Sie haben den Eindruck, dass zahlreiche Landwirte am Ende wieder den Kürzeren ziehen. Sie seien das, was Bauern im Schachspiel sind, meint Ilchmann: "Manövriermasse, mit der andere ihre Pläne voranbringen und auch das Geld verdienen."

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