Sendedatum: 23.10.2018 21:15 Uhr

Tropenholz für Deutsch Evern

von Stefan Buchen

Wenn man die Gemeinde Deutsch Evern in Niedersachsen fragt, ob sie für die Abholzung des Regenwaldes in Afrika ist, dann wird sie sagen: "Nein, natürlich nicht." Und die Antwort wäre bestimmt aufrichtig. Naturschutz ist ja wichtig, überall auf der Welt.

VIDEO: Gemeinde nutzt Tropenholz zur Brückensanierung (6 Min)

Brückensanierung bei Lüneburg

Die kleine Geschichte von der Sanierung einer Brücke für Fußgänger und Radfahrer über die ICE-Strecke Hannover-Hamburg zeigt, wie leicht und bequem es einem Bauherrn in Deutschland gemacht wird, sich auf der Seite der ökologisch Korrekten zu wähnen. Und wie brüchig am Ende doch die Gewissheiten über die eigene "Nachhaltigkeit" sind, wie wenig die "Einhaltung aller Vorschriften" darüber hinwegtäuschen kann, dass unsere Art zu wirtschaften, unsere Gewohnheiten, den Planeten zugrunde richten. 

Die kleine Brücke über die Bahnlinie ist in die Jahre gekommen. Die Holzplanken sind angefressen, morsch. Eine Sanierung steht an. 1984 wurde die Brücke aus Bongossi-Holz gebaut. Wegen seiner hohen Dichte und seiner Widerstandsfähigkeit ist das Holz als Baustoff beliebt, nicht nur für Brücken, sondern auch für Hafenanlagen und Schleusen, weil es wenig unter dem Kontakt mit Wasser leidet. Aber seine Beliebtheit hat noch einen anderen Grund: Bongossi-Holz ist recht preiswert. 

Bongossi-Holz aus den Tropen als Baustoff

Die Samtgemeinde Ilmenau, zu der Deutsch Evern gehört, hätte die Brücke auch abreißen oder einen Tunnel unter der Bahnlinie bauen können. Sie hätte auch deutsche Eiche für die Sanierung verwenden können. Aber das wäre aufwändiger und teurer geworden, wie die Gemeindedirektorin in einer Stellungnahme gegenüber Panorama 3 erläutert. Also nimmt man wieder Bongossi. Es ist eben die einfachste und billigste Lösung.

Das Siegel des FSC (Forest Stewardship Council). © FSC
Das Siegel des FSC (Forest Stewardship Council) soll Verbraucher auf Holzprodukte aus nachhaltigem Anbau hinweisen. Es findet sich an Möbeln und anderen Holzprodukten.

Und schließlich tragen die elf Kubikmeter Holz, die man einkauft, das Siegel der nachhaltigen Waldbewirtschaftung "FSC". Diesen Nachweis hat die Baufirma Schmees & Lühn beigebracht. Die Vorlage des Siegels sei ein "Hauptkriterium" für die Samtgemeinde gewesen, fügt die Gemeindedirektorin in ihrer schriftlichen Erklärung hinzu. "FSC" steht für "Forest Stewardship Council". Das Siegel wurde Anfang der Neunziger Jahre auf Grund internationaler Vereinbarungen eingeführt. Seitdem dient es als Bescheinigung für nachhaltige Waldprodukte aus allen Teilen der Welt. Wer das Siegel vorlegt, darf also ein ökologisch reines Gewissen haben. 

FSC-Siegel: Symbol für nachhaltige Forstwirtschaft?

Das Bongossi-Holz, wie es für die Brücke in Deutsch Evern verwendet wird, stammt aus den west- oder zentralafrikanischen Tropen. Das Öko-Siegel wurde von dem kalifornischen Dienstleister "SCS Global Services" vergeben. Wir haben bei dem "Zertifizierer" in Kalifornien nachgefragt: woher genau, aus welchem Staat, aus welchem Waldgebiet stammt das Bongossi-Holz für die Brücke in Deutsch Evern? In der Antwort heißt es, diese Informationen seien "vertraulich", "Geschäftsgeheimnis". 

Ulrich Bick
Holzforscher Ulrich Bick vom Thünen-Institut bestätigt, dass Bongossi-Holz nicht von Plantagen, sondern aus tropischen Naturwäldern stammt.

Das "Thünen-Institut" in Hamburg überwacht das FSC-Siegel. Es ist die führende Einrichtung für Holzforschung in Deutschland. Über Jahrzehnte haben die Fachleute sich ein Wissen angeeignet, das seinesgleichen sucht. Beim FSC-Siegel geht es allerdings nicht nur um die reine Wissenschaft, sondern auch um Politik. Den Auftrag zur Überwachung des FSC-Siegels hat das Thünen-Institut vom Bundeslandwirtschaftsministerium. "Wenn man das Siegel für ein bestimmtes Holz in Frage stellen würde, würde man das ganze System der Vergabe in Frage stellen," sagt Ulrich Bick, der am Thünen-Institut für diese Fragen zuständig ist.

Wenn das Siegel vorliege, könne man darauf vertrauen, dass das Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft stamme, so Bick. "Die Zertifizierer werden ihrerseits auditiert. Das heißt, unabhängige Fachleute schauen sich vor Ort die Waldbewirtschaftung an und erstatten darüber Bericht." Der Holzforscher räumt allerdings ein, dass es ein "Transparenzproblem" gebe, weil Bauherren und Verkäufer häufig nicht wissen, woher genau ihr Holz stammt. 

Afrikanischer Regenwald schrumpft immer weiter

Bongossi-Holz stammt von dem Tropenbaum Lophira Alata. Die hochgeschätzten Eigenschaften erlangt das Holz, wenn der Baum "mehrere hundert Jahre alt" ist, erläutert Ulrich Bick. Das Kernholz solcher Bäume werde in der Regel verwendet. Daraus folgt logisch: Plantagen für die weltweite Vermarktung von Bongossi-Holz gibt es nicht. "Mir sind keine Plantagen bekannt," bestätigt der Holzforscher vom Thünen-Institut. Also kommt der Baustoff aus dem tropischen Naturwald, irgendwo in Afrika. Und der schrumpft immer weiter.

Rodung Tropenholz
Trotz oder wegen "nachhaltiger" Waldwirtschaft: Der Regenwald in Afrika schrumpft immer weiter.

Langzeitbeobachtungen per Satellit, die von Wissenschaftlern der University of Maryland dokumentiert werden, zeigen diesen Schwund eindrucksvoll. "12 Prozent" seiner Fläche habe der afrikanische Regenwald in den vergangenen 25 Jahren verloren, bestätigt der deutsche Waldfachmann Ulrich Bick. Sein Standpunkt erscheint schwierig: Der Regenwald schwindet, aber dennoch kann das dort geschlagene Holz das Siegel der Nachhaltigkeit erlangen und "guten Gewissens", wie er formuliert, von einer deutschen Kommune verbaut werden. Die Begründung für diesen schwierigen Standpunkt: gäbe es kein Öko-Siegel, würde der Regenwald noch schneller abgeholzt. Und: die Einheimischen haben etwas vom Verkauf des FSC-zertifizierten Holzes. "Nachhaltigkeit" sei nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich und sozial zu verstehen. 

Verwendung von Bongossi-Holz trägt zu Waldzerstörung bei

Eine Gemeinde wie die in Deutsch-Evern kann sich also auf die Öko-Bescheinigung berufen. Die Kritik an dem System wächst allerdings. Greenpeace zum Beispiel hält "FSC" nicht mehr für glaubwürdig. Anfangs hat die Umweltschutzorganisation das Siegel unterstützt. Anfang 2018 sei man aber aus dem System ausgestiegen, weil "es gerade in den Tropen als Deckmantel für Raubbau dient", erklärt Thilo Clavin, Greenpeace-Aktivist aus Lüneburg.

Thilo Clavin
Thilo Clavin, Greenpeace-Aktivist aus Lüneburg, übt deutliche Kritik an dem FSC-Siegel.

Er und seine Mitstreiter haben versucht, die Samtgemeinde Ilmenau von der Verwendung des Bongossi-Holzes abzubringen, ohne Erfolg. "Ich glaube, die Gemeinde will keinen Wald zerstören. Sie erkennt aber nicht, dass sie durch die Verwendung von Bongossi-Holz enorm zur Waldzerstörung beiträgt," meint Clavin. "Wenn wir so weitermachen, brauchen wir in einigen Jahren über Klimaschutz gar nicht mehr zu reden," fügt er hinzu. Die wichtige Rolle der Tropenwälder als Kohlenstoffsenken, die CO2 binden, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, auch im gemäßigten Mitteleuropa, so die Logik der Umweltschützer. 

Inzwischen ist die Fußgängerbrücke in Deutsch Evern fertig saniert, mit schickem und noch dazu günstigem Bongossi-Holz. "Es gab vielleicht Zeiten, da hat man sich noch nicht so viel Gedanken über die Zusammenhänge gemacht," meint eine junge Passantin. "Aber heutzutage sollten wir das schon tun."  

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 23.10.2018 | 21:15 Uhr

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Umweltpolitik