Stand: 14.11.2016 13:43 Uhr  | Archiv

Schluss mit der Verleugnung

von Kaveh Kooroshy
Bundeswehrsoldat der ISAF-Truppe in Afghanistan © dpa Bildfunk Foto: Maurizio Gambarini
Sprachliche Verharmlosung von Kriegseinsätzen der Bundeswehr: "Friedensmission", "Stabilisierungseinsatz"

Seit Jahren nimmt die Bundeswehr an Kriegseinsätzen teil, und genauso lange tut das Verteidigungsministerium alles, um eine öffentliche Debatte über diese Einsätze zu vermeiden. Das Ministerium tut dies, indem es mit geschickten Wortkonstruktionen den eigentlichen Charakter der Einsätze kaschiert und verschleiert. "Stabilisierungseinsatz" in Mali, "Friedensmission" im Sudan, "Resolute Unterstützung" in Afghanistan.

Über den Einsatz am Hindukusch schreibt die Bundeswehr: "Mit dieser Mission unterstützen die Vereinten Nationen die Regierung Afghanistans beim Auf- und Ausbau rechtsstaatlicher Strukturen und fördern die nationale Versöhnung." Das klingt nicht nach einem Krieg.

Einsätze beim Namen nennen

Als der ehemalige Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg die Verhältnisse in Afghanistan als "kriegsähnlich" bezeichnete, landete er auf allen Titelseiten. Den ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler kostete seine Äußerung zur Realität in Afghanistan sogar den Job. Er hatte in einem Interview erklärt, dass es auch um handfeste deutsche Interessen in Afghanistan gehe und eben nicht nur darum, einem geschundenen Land zu Frieden und Freiheit zu verhelfen. Und er war zu der Einschätzung gekommen, dass diese Wahrheit dem deutschen Wähler zumutbar wäre: "Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg."

VIDEO: Bundeswehr-Veteranen kämpfen um Anerkennung (8 Min)

Eine Fehleinschätzung, wie sich zeigen sollte, denn die Kritik an seiner Äußerung bewog den Bundespräsidenten schlussendlich zum Rücktritt. Leidtragende dieser Vogel-Strauß-Taktik sind einerseits die Opfer dieser Kriege, denn eine systematische Auswertung früherer Einsätze würde künftigen Einsätzen zu Gute kommen. Andererseits aber eben auch all jene Soldatinnen und Soldaten, deren Erlebnisse vor Ort so gar nicht zum verklärten Bild des Brunnen-bauenden Entwicklungshelfer passen.

Offene Debatte über Töten und Sterben

Eine offene Debatte über das Töten und Sterben im Auftrag des Vaterlands ist unabdingbar, um die Realität dieser Einsätze auch in Deutschland zu begreifen. Und wer von Krieg spricht, muss auch von Veteranen sprechen. Denn die Erfahrung im Auslandseinsatz verbindet die Bundeswehrsoldaten und unterscheidet sie von denen, die nicht im Einsatz waren.

Ja, mit dem Veteranen-Begriff geht eine Militarisierung der Sprache einher. Und weiteres könnte folgen: Ein Veteranentag, Kranzniederlegungen und Soldatenbegräbnisse. Und wer weiß, vielleicht werden Veteranen eines Tages vergünstigt Bus fahren wollen, wie es ihnen in den USA erlaubt ist. Und wer von Veteranen spricht, könnte auch auf den Gedanken kommen, deutsche Soldaten für ihre Einsätze zu ehren. Dem kann man kritisch gegenüberstehen und dennoch ist es die folgerichtige Konsequenz, die eine Gesellschaft ziehen muss, die seit Jahrzehnten Soldaten in Auslandseinsätze schickt. Auch, wenn es dann schwerer fällt, wegzusehen.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 15.11.2016 | 21:15 Uhr

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