Rügen: Größerer Abbruch an der Steilküste bei Sellin

Sendedatum: 24.11.2020 21:15 Uhr

Seit jüngst ein Stück Steilküste nahe der Seebrücke abgerutscht ist, steht die Gemeinde unter Zugzwang. Es müsse schnell gehandelt werden, doch wer soll für die Sicherung des Hanges aufkommen?

von Mirco Seekamp, Tobias Zwior

Johannes Feuerbach, Geologe von der Universität Mainz © NDR Foto: Screenshot
Hatte 2013 bereits in einem Gutachten dem Hangabschnitt eine erhöhte Abrutschgefahr attestiert: Johannes Feuerbach, Geologe.

Nur etwa fünf Sekunden habe es gedauert, bis ein ganzer Hang der Selliner Steilküste inklusive entwurzelter Bäume auf einen viel besuchten Strand gerutscht ist, das schätzt der Geologe Prof. Johannes Feuerbach von der Universität Mainz. "Wenn da unten jemand gewesen wäre, wäre das sehr kritisch geworden." Es bestehe Lebensgefahr. Denn die Schollen mit Bäumen und Sand landeten auf einem bei Einheimischen und Touristen beliebten Holzsteg. Auch oben am Hang verläuft die Abbruchstelle direkt neben einem Wanderweg. Sturmtief Gisela im Oktober könnte mit dem 48 Stunden andauernden Wind verantwortlich gewesen sein.

Feuerbach analysiert und begutachtet die Rügener Steilküsten seit über 15 Jahren. Überrascht hat ihn der aktuelle Abbruch nicht. 2013 hat er ein Gutachten verfasst, in dem er genau diesem Hangabschnitt eine erhöhte Abrutschgefahr attestiert. Der Abschnitt ist mit rund 80 Jahre alten Bäumen bewachsen, die laut Feuerbach den Hang destabilisieren können: Der Wind der Ostsee drücke permanent auf die Bäume, die würden ins Schwingen geraten und mit ihnen auch die Wurzeln. Dadurch könne der Hang abrutschen. Diese Gefahr hatte Feuerbach vor sieben Jahren beschrieben. Doch passiert ist danach wenig.

Warum wurde der Hang nicht gesichert?

Reinhard Liedtke, Bürgermeister der Gemeinde Sellin © NDR Foto: Screenshot
Hofft auf Unterstützung des Landes: Reinhard Liedtke, Bürgermeister der Gemeinde Sellin.

Warum wurde auf das Gutachten nicht eher reagiert und der Hang gesichert? Darüber ist nun vor Ort eine Diskussion entbrannt. Ein Großteil der Abbruchstelle gehört über das staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU) dem Land Mecklenburg-Vorpommern, die Gemeinde Sellin ist aber Pächter. Der Bürgermeister der Gemeinde Sellin, Reinhard Liedtke sieht sich zwar in der Verantwortung, moniert aber auch, dass andere Behörden wie die Forstbehörde der Hangsicherung um Weg gestanden hätten. Die Forstbehörde hätte nur zugestimmt fünf bis zehn Prozent der Bäume zu entnehmen, denn der Wald am Hang steht unter Schutz. Das sei aber viel zu wenig, laut Gutachten hätten mindestens 60-70 Prozent der älteren Bäume gefällt und durch Sträucher ersetzt werden müssen, meint Liedtke.  

Keine weiteren Verzögerungen

Die Leiterin der Forstbehörde auf Rügen, Ricarda Pries, wehrt diesen Vorwurf ab: "Herr Liedtke kann sich vielleicht nicht vorstellen, dass sich ein Waldsystem stabilisiert, wenn man kleinere Lücken reinmacht. Aber dass er hätte gar nichts machen können, das ist nicht ganz so", sagt Pries.

Ricarda Pries, Leiterin der Forstbehörde auf Rügen © NDR Foto: Screenshot
Selbst kleine Lücken hätten das Waldsystem stabilisieren können, so Ricarda Pries, Leiterin der Forstbehörde auf Rügen.

Der Bürgermeister habe durchaus handeln können, aber selbst die vorgeschlagenen fünf bis zehn Prozent der Bäume seien vor dem Hangrutsch nicht entnommen worden. Immerhin ist jetzt klar: Weitere Verzögerungen soll es nicht geben. Eine Spezialmaschine aus den Schweizer Alpen ist nach Sellin beordert worden, um einen Teil der Bäume am Hang zu entfernen. Spätestens zum Start der nächsten Tourismussaison im Frühjahr soll der Hang gesichert sein.

Doch nun steht die Gemeinde vor einem finanziellen Problem: Voraussichtlich 500.000 Euro wird es kosten, den Hang wieder zu stabilisieren - etwa mit Sicherheitsnetzen. Weitere Vorhaben zum Küstenschutz wären nochmal deutlich teurer. Bürgermeister Liedtke hofft auf Unterstützung des Landes.

Zögerlich mit Unterstützungszusagen

Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) wartet am 19.11.2014 im Landgericht Rostock © dpa Foto: Bernd Wüstneck
Will in Ruhe klären, inwieweit Mecklenburg-Vorpommern sich an den Kosten beteiligt: Umweltminister Till Backhaus.

Anfang der Woche besuchte Umweltminister Till Backhaus (SPD) die Abbruchstelle, zögert aber noch mit finanziellen Zusagen. Gegenüber Panorama 3 sagte Backhaus, grundsätzlich müsse die Gemeinde als Pächter für die Pflege und Unterhaltung des Grundstückes aufkommen. Insofern sei die Kostenseite völlig geklärt. "Ob und inwieweit wir uns an den weiteren Maßnahmen beteiligen werden, das werden wir in Ruhe verhandeln", so Backhaus.

Auch wenn die Gemeinde als Pächter in der Verantwortung steht, überstiegen die Kosten für den Küstenschutz laut Liedtke schnell die Möglichkeiten einer Gemeinde.

Der Bürgermeister setzt daher weiterhin auf eine Einigung mit dem Land. Beim Thema Hangrutsch ist der aktuelle Abbruch nicht seine einzige Sorge. Nur wenige hundert Meter von der Abbruchstelle entfernt ragen Reste eines alten NVA-Bunkers über den Hang. Einige Betonteile sind bereits abgebrochen und auf den Strand geprallt. Auch an dieser Stelle könnte der Hang und mit ihm der Bunker jederzeit abrutschen. In diesem Fall hat der Umweltminister konkrete Hilfen in Aussicht gestellt. Immerhin sind sich Gemeinde und Land einig, dass nun schnell gehandelt werden muss.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 24.11.2020 | 21:15 Uhr

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