Stand: 26.11.2019 22:55 Uhr

Pelzverkauf boomt trotz verschärfter Gesetze

von Robert Köhler

Pelz ist verpönt - und doch beliebt: Die Branche boomt, auch in Deutschland. Deutlich zu sehen ist das vor allem jetzt in der kalten Jahreszeit: Überall in den Straßen ist Pelz zu sehen, vor allem als Jackenkragen und Mützenbommel. Vielleicht doch nur täuschend echt aussehende Kunstfasern? Nein! Viele Verbraucher greifen im Laden bewusst zu echtem Tierfell - oder achten gar nicht darauf, ob sie Echt- oder Kunstpelz kaufen. Auch die Frage, woher der Pelz kommt, unter welchen Bedingungen er hergestellt wurde, stellen sich wenige.

Mützen mit Pelz-Bommel © NDR Foto: Screenshot

Pelzverkauf boomt trotz verschärfter Gesetze

Panorama 3 -

Pelztierfarmen sind in Deutschland aufgrund strenger Vorschriften mittlerweile Geschichte. Doch die Branche boomt, genauso wie Importe aus dem Ausland.

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Pelztierhaltung: Ein ausgelagertes Problem

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Michaela Dämmrich ist Tierschutzbeauftragte in Niedersachsen.

Seit diesem Jahr sind Pelztierfarmen in Deutschland Geschichte. Die letzte Anlage im nordrhein-westfälischen Rahden, direkt an der Grenze zu Niedersachsen, stellte vor einigen Monaten den Betrieb ein. Das dürfte vor allem an den strengeren Vorschriften liegen, die für Pelztierzüchter in Deutschland seit 2017 gelten. Per Gesetz sind unter anderem Ausstattung und Mindestgrößen für Käfige festgelegt. Demnach müssten Füchse zum Beispiel die Möglichkeit haben, in der Erde zu graben, Nerze müssten schwimmen können. Das Ziel: eine möglichst artgerechte Haltung. "Die Auflagen sind nun so hoch, dass es nicht mehr lukrativ ist, Pelztiere zu halten", sagt Niedersachsens Tierschutzbeauftragte Michaela Dämmrich.

Woher kommt der Pelz?

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In Ländern wie Polen dürfen Füchse nach wie vor in Käfigen gehalten werden.

Doch mit seinen strengen Haltungsvorschriften hat Deutschland das Problem tierquälerischer Zucht nicht gelöst, sondern lediglich verlagert. Viele Pelze für die Kleidungsindustrie kommen heute aus Farmen in China, wo Tierschutz keine Rolle spielt. Aber auch aus unserer direkten Nachbarschaft, aus Dänemark und Polen. Die beiden Länder sind die größten Pelzproduzenten Europas, die Felle von dort landen auch in deutschen Läden. Auf den geschätzt 800 bis 1.000 polnischen Farmen dürfen Tiere nach wie vor ohne Auslauf in winzigen Drahtkäfigen gehalten werden. "Das sind unhaltbare Zustände, die Tiere werden nicht artgerecht gehalten, leben in engen Drahtkäfigen, viel zu eng, haben kein Beschäftigungsmaterial. Das ist natürlich tierquälerisch", sagt Dämmrich.

Tierschützer decken Missstände auf polnischen Farmen auf

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Tierschützerin Denise Weber hat sich in Polen selbst ein Bild verschafft. Sie spricht von Tierquälerei.

Kurz vor der sogenannten Pelzernte zum Ende des Jahres hat das NDR Fernsehmagazin Panorama 3 deutsche Tierschützer begleitet, die Missstände auf polnischen Pelztierfarmen dokumentieren und in die Öffentlichkeit bringen wollen. "Man hat immer diese Vorstellung, dass es in China besonders schlimm ist, aber in unserem Nachbarland sieht es gleich aus", sagt Denise Weber vom Deutschen Tierschutzbüro. Man könne nicht von einem europäischen Standard in der Pelztierhaltung sprechen. "Das ist dieselbe Tierquälerei, ob in Fernost oder Polen", sagt Weber. Beim Anblick einer Fuchsfarm zeigt sich: Die hygienischen Bedingungen sind teils katastrophal, der Zugang zu Trinkwasser unzureichend. Einige Tiere sind verletzt, viele leiden an Verhaltensstörungen. Weil sie ihr gesamtes Leben auf dünnen Gitterstäben stehen müssen, deformieren sich Pfoten und Beine. "Die Tiere haben deshalb Schmerzen am ganzen Körper", sagt Tierschützerin Weber.

Wie will die Branche das Tierwohl sicherstellen?

Die Pelzbranche selbst verweist auf eigene Kriterien, die "auf Basis der in der Wissenschaft anerkannten Prinzipien für ein gutes Wohlergehen der Tiere" entwickelt wurden, sagt Barbara Sixt, Geschäftsführerin des Deutschen Pelzinstituts. Europäische Pelztierfarmen hätten sich dem sogenannten Welfur-Programm unterworfen und entsprechend zertifizieren lassen. "Auch die Pelztierfarmen in Polen haben diesen Prozess durchlaufen", sagt Sixt.

Darüber hinaus verweist Sixt auf europäische Standards: "In Europa werden Pelztiere auf Farmen nach den existierenden rechtlichen Vorgaben der Europaratsempfehlung gehalten." Dort seien Anweisungen unter anderem zu Auslauf und Betreuung festgeschrieben. Allerdings ist diese Empfehlung des Europarats unverbindlich - und schreibt lediglich Minimalstandards fest. Demnach steht einem ausgewachsenen Fuchs auf einer Pelztierfarm eine Fläche von 0,8 Quadratmeter zu.

Niedersachsens Tierschutzbeauftragte fordert Importstopp

Strenge Regeln zur Haltung von Pelztieren in Deutschland könnten deshalb nur ein Anfang sein, sagt Michaela Dämmrich. "Was fehlt, ist ein Importverbot von Pelzen, um den tierquälerischen Haltungen und Tötungen in anderen Staaten keine Absatzmärkte zu bieten", so Dämmrich.

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Tristan Jorde von der Verbraucherzentrale Hamburg kritisiert die fehlende Kennzeichnung.

Ein weiteres Problem: Wer beim Einkaufen auf Pelz verzichten will, kann sich nicht unbedingt auf die Etiketten an Jacken und Mützen verlassen. Teilweise wird dem Käufer Pelz ohne sein Wissen untergejubelt. Das hat Panorama 3 bei einem Testeinkauf in Hamburg festgestellt: In mehreren Läden, vom Billiganbieter bis ins hohe Preissegment, fanden sich Mützen und Accessoires mit echtem Pelz. Im Etikett: kein Hinweis darauf. Stattdessen Angaben wie "100 Prozent Viscose". "Damit wird der Verbraucher in die Irre geleitet", sagt Tristan Jorde von der Verbraucherzentrale Hamburg. Ein Verstoß gegen die EU-Textilkennzeichnungsverordnung. Vorgeschrieben wäre der Satz: "Enthält nichttextile Teile tierischen Ursprungs."

Kaum Kontrollen

Das Bundesverbraucherschutzministerium schreibt: "Die Kontrollen der Marktüberwachungsbehörden werden stichprobenartig oder anlassbezogen für die verschiedenen Vertriebswege durchgeführt. In Verdachtsfällen werden Laborprüfungen durchgeführt. Bei Verstößen werden Ordnungswidrigkeitsverfahren (...) durchgeführt."

Verbraucherschützer Jorde sieht bei solchen Kontrollen Nachholbedarf: "Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass in Deutschland im Jahr ungefähr fünf Milliarden Kleidungsstücke gekauft werden, dann stellt sich die Frage: Wer kontrolliert das und wie wird das kontrolliert?" Die Verbraucherschutzbehörden bemühten sich, zu kontrollieren, oft fehle es aber an Personal. "Dort, wo kein Kontrolldruck zu vernehmen ist, wird auch schnell geschludert", sagt Jorde.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 26.11.2019 | 21:15 Uhr