Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) spricht auf einer Pressekonferenz im Rathaus. © dpa Foto: Georg Wendt

Infektion an Schulen: Hamburger Senat weicht aus

Stand: 15.01.2021 18:15 Uhr

Auch auf eine neue Anfrage hin konkretisiert der Hamburger Senat nicht seine Erkenntnisse zum Corona-Infektionsgeschehen an Schulen. Diese seien "kein Infektionsherd", hatte Senator Ties Rabe (SPD) im November mit Verweis auf erhobene Daten behauptet.

von Andrej Reisin

Im November 2020 hatte Schulsenator Rabe bundesweit für Aufsehen gesorgt, als er unter Bezugnahme auf in Hamburg gesammelte Daten das angeblich niedrige Infektionsgeschehen an Schulen betonte. 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler hätten sich demnach "vermutlich gar nicht in der Schule infiziert".

Im Detail zu sehen bekommen hat die Öffentlichkeit diese Daten bislang nicht - und das soll nach dem Willen der Hansestadt auch so bleiben: Auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Sabine Boeddinghaus (Linke) antwortete der Senat unter anderem, dass es derzeit "keine Überlegungen der für Bildung zuständigen Behörde" gebe, "die erhobenen und im November 2020 öffentlich vorgestellten Daten zum Infektionsgeschehen an Schulen weitergehend zu bearbeiten und zu veröffentlichen."

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Daten sollen Teil einer größeren Studie werden

Diese sollen danach lediglich Teil eines größer angelegten Forschungsprojekts sein, das die Kultusministerkonferenz im Dezember beauftragt hatte. Obwohl Rabe bereits am 17. November angekündigt hatte, diese Daten "einem von der Kultusministerkonferenz beauftragten, unabhängigen wissenschaftlichen Institut zur genaueren Prüfung zur Verfügung" zu stellen, verzögerte sich die Übermittlung der Daten.

Das dafür (gemeinsam mit der Kinderklinik der Universität Köln) beauftragte Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) hatte auf Nachfrage von Panorama Anfang Dezember mitgeteilt, noch gar nichts Konkretes aus Hamburg gehört zu haben. Auch die "ZEIT" berichtete am 18. Dezember, dass die Studienleiterin Berit Lange bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht wusste, "dass sie besondere Daten von der Hamburger Schulbehörde bekommen sollte".

In der Antwort auf die Anfrage der Abgeordneten Boeddinghaus heißt es nun, mit ersten Ergebnissen sei "im Frühjahr, mit einem Zwischenbericht im Sommer und mit einem Abschlussbericht im Herbst 2021 zu rechnen."

Daten bleiben intransparent

Gegenüber Panorama hatte die Behörde im Dezember noch angegeben, ihr sei als Publikationstermin der "Januar 2021 avisiert" worden, obwohl man zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Daten übermittelt hatte. Außerdem wurden datenschutzrechtliche Bedenken geltend gemacht, die in der aktuellen Antwort des Senats auf die Kleine Anfrage keine Rolle mehr spielen.

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Festzuhalten bleibt: Die Hamburger Schulbehörde operiert öffentlich mit Daten, die bislang nicht unabhängig geprüft und nachvollzogen werden können. Auch eine entsprechende Anfrage eines Bürgers nach dem Informationsfreiheitsgesetz ließ die Behörde bislang unbeantwortet - trotz abgelaufener Frist.

"Signifikantes Infektionsgeschehen" in Schulen

Dass volle Klassenräume sicherer sein sollen als Menschenansammlungen in anderen Lebensbereichen, ist wissenschaftlich sehr umstritten. So sagte der Mikrobiologe Michael Wagner (Universität Wien), der eine groß angelegte "Schul-Sars-CoV-2-Monitoringstudie" in Österreich leitet, in Panorama: "Man sieht, dass auch junge Kinder überraschend häufig infiziert sind, oft gleich oder sogar häufiger als erwachsene Altersgruppen. Jugendliche sind noch etwas häufiger infiziert, aber dann fällt es zu den Erwachsenen hin eben wieder ab. Das heißt, in den Schulen gibt es ein signifikantes Infektionsgeschehen."

Auch die vom Robert Koch-Institut veröffentlichen Infektionszahlen nach Altersgruppen zeigen ein anderes Bild: Seitdem die Schulen weitgehend geschlossen wurden, sinken die Infektionen in den entsprechenden Altersgruppen stärker als im Rest der Bevölkerung. Bei den Fünf- bis Neunjährigen halbierte sich die Inzidenz pro 100.000 Einwohner sogar fast: von 115 auf 63 zwischen der Kalenderwoche 52 und der ersten Woche des neuen Jahres. Auch wenn die Zahlen mit Hinblick auf das lückenhafte Meldewesen der Feiertage mit Vorsicht zu genießen sind, ist der überproportionale Rückgang unter den zur Schule gehenden Altersgruppen signifikant.

Für Irritationen hatte außerdem gesorgt, dass das Ergebnis einer Untersuchung für die Hamburger Heinrich-Hertz-Schule erst durch eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz veröffentlicht wurde. Erst kurz vor Weihnachten war auf diesem Wege herausgekommen, dass sich die meisten der mehr als 30 Infektionen im September wohl auf eine einzige Person zurückführen ließen - das Virus sich hier also fast ausschließlich in der Schule verbreitet hatte.

Warum gab es keine Virus-Sequenzierung?

Die Abgeordnete Boeddinghaus fragte den Senat daher auch danach, warum man bei zwei weiteren bekannten Ausbrüchen an Hamburger Schulen trotz veranlasster Massentests keine Virus-Sequenzierungen mehr vorgenommen hat - aus denen sich rückschließen lässt, ob die Ansteckungen alle aus derselben oder aus unterschiedlichen Quellen stammen.

In seiner Antwort führt der Senat aus, die "Sequenzierung von Sars-CoV-2-Genomen" sei aufwändig und gehöre weder "zu den Standard-Methoden der Corona-Diagnostik" noch zur "routinemäßigen Aufarbeitung von Sars-CoV-2-Ausbrüchen". Sie sei zudem zeitnah notwendig und die Proben müssten "unter optimalen Bedingungen entnommen werden". Auf Anfrage von Panorama, ob ein Massentest nicht eine optimale Gelegenheit sei, ein Infektionsgeschehen umfassend zu erforschen und die Proben zu sequenzieren, antwortete die Gesundheitsbehörde:

"Die positiv ermittelten Fälle konnten zunächst als nicht in Beziehung zueinander stehendes Infektionsgeschehen bewertet werden. Aufgrund dieser epidemiologischen Analysemethoden konnte das Gesundheitsamt bereits vor Veranlassung des Massentests definitiv ausschließen, dass es sich um eine einzige Infektionsquelle handelte, vielmehr handelte es sich um ein diffuses Infektionsgeschehen."

Boeddinghaus: "Senat weicht aus"

Sabine Boeddinghaus, die Fraktionschefin der Hamburger Linken © dpa Foto: Markus Scholz
Sabine Boeddinghaus ist die Fraktionschefin der Hamburger Linken im Senat.

Die Abgeordnete Sabine Boeddinghaus gibt sich mit den Antworten jedenfalls nicht zufrieden: "Die Senatsantwort weicht den präzisen Fragen aus, deren klare Beantwortung aber von hohem öffentlichen Interesse ist, weil davon nichts weniger abhängt als die zukünftige Strategie im Umgang mit den Schulen. Warum nicht zeitnah Studien zur Sequenzierung an anderen Schulen mit Massenausbrüchen beauftragt wurden, ist ebenfalls nicht überzeugend erklärt." Es dränge sich ihr die Frage auf, ob "der Senator es gar nicht so genau wissen" wolle.

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