Bringdienst Lieferando: Schlechte Arbeitsbedingungen?

Stand: 09.03.2021 18:12 Uhr

Während viele Restaurants in der Corona-Pandemie um ihr Überleben kämpfen, sind Bringdienste die Gewinner der Krise. Doch wie geht es denen, die täglich das Essen nach Hause liefern? Ein Selbstversuch.

von Andrea Brack-Peña, Philip Hennig und Mirco Seekamp

In der Corona-Pandemie lassen die Deutschen so viel Essen liefern wie noch nie. Schon vor Corona haben 33 Millionen Deutsche öfter per Lieferdienst bestellt. Doch während des ersten Corona-Lockdowns haben laut einer Bitkom-Studie fast 44 Millionen Deutsche online bestellt - das sind 11 Millionen Menschen mehr.

Damit gehören die Lieferdienste zu den Gewinnern der Corona-Krise. Doch wie geht es denen, die täglich das Essen nach Hause liefern, den sogenannten "Rider*innen"? Im Dezember demonstrierten Fahrer*innen von Lieferdiensten in Frankfurt, weil ein Kollege von einem Auto angefahren wurde und gestorben ist. Auch wenn keiner dem Lieferdienst Schuld an dem Tod des Riders gibt, beklagen sich viele Kolleg*innen bei der Gelegenheit über die Rücksichtslosigkeit mancher Autofahrer, machen aber auch auf ihre Arbeitsbedingungen aufmerksam. Betriebstrat Philipp Schurk kritisiert, dass viele Fahrer*innen ihre Räder selbst kontrollieren müssten und auf den Kosten sitzen blieben: "Das geht einfach nicht", sagt er.

Lieferando-Fahrer auf dem Fahrrad  Foto: Sebastian Willnow
In Frankfurt ist ein Lieferando-Fahrer bei einem Zusammenstoß mit einem Auto gestorben.

Auch in Berlin hat es Proteste gegeben, als Kurier*innen während Schnee und Sturm ausliefern sollten. Eine Riderin erzählt uns: "Lieferando hat es zunächst erstmal nicht eingesehen den Betrieb zu stoppen, obwohl mehrmals viele Riderinnen und Rider darauf hingewiesen haben, dass es viel zu gefährlich ist." Lieferando bestreitet das und schreibt auf Anfrage, die Sicherheit habe hohe Priorität und "Fahrer*innen können sich bei Sicherheitsbedenken eigenständig von ihrer Schicht abmelden, um unter Lohnfortzahlung zu Hause zu bleiben".

Selbstversuch: Lieferando-Fahrerin

Wie ist es für Lieferando zu arbeiten? Reporterin Andrea will es selbst wissen und bewirbt sich bei Deutschlands größter Lieferplattform mit eigener Kurierflotte, Lieferando. Sie hat nahezu ein Monopol, weil sie große Konkurrenten wie Lieferheld, Foodora und Pizza.de aufgekauft hat. Nach einer Einführung per Videokonferenz geht's los mit der ersten Schicht. Das Fazit der ersten Tage: "Ich bin in den zwei Stunden immer der Zeit hinterhergefahren. Ich habe keinen Auftrag pünktlich abgegeben." Schon mit den nächsten Schichten wird es besser, dafür kommen neue Probleme dazu. Eine Soße läuft ihr im Rucksack aus, das mobile Internet ist aufgebraucht und sie rutscht auf spiegelglatter Fahrbahn aus, als es schneit.

Panorama 3-Reporterin Andrea Brack-Peña als Lieferando-Fahrerin  Foto: Sebastian Willnow
"Ich bin in den zwei Stunden immer der Zeit hinterhergefahren. Ich habe keinen Auftrag pünktlich abgegeben", berichtet unsere Reporterin Andrea.

Zum Glück bleibt sie unverletzt, stellt aber fest: Die Bremsen sind kaputt und müssen bis zur nächsten Schicht repariert sein. Sie bringt ihr Rad in die Werkstatt und zahlt für neue Teile und Montage 32,50 Euro. Wenig später erfährt sie, dass Lieferando nur die feste Verschleißpauschale in Form eines Gutscheins von Amazon zahlt. Zehn Cent gibt es pro gefahrenen Kilometer an Verschleiß, mit einer Obergrenze von 44 Euro pro Monat. Einigen Rider*innen ist das zu wenig, zudem würde die Montage nicht ausreichend bedacht, erzählen sie uns. Lieferando schreibt dazu auf Anfrage, sie würden mit dem Betriebsrat "an weiteren Verbesserungen und einer Erhöhung der aktuellen Verschleißpauschale" arbeiten.

Etwa 5.000 Rider*innen arbeiten für Lieferando, sie sind fest angestellt, viele arbeiten aber nicht Vollzeit, sondern mit einer Begrenzung der Wochenstunden oder als Minijob. Etwa die Hälfte der Lieferando Mitarbeiter*innen nutzt laut Unternehmen das eigene Fahrrad. Zehn Euro Basisstundenlohn bekommen die Fahrer*innen, plus Boni für besonders viele Fahrten und Trinkgeld. "Das Trinkgeld ist das, was den Job irgendwo auch attraktiv macht", meint Betriebsrat Jonas Müller aus Hamburg.

Hohe Provision für Restaurants

Kritik an Lieferando kommt von Seiten der Restaurant-Besitzer, die jedoch teilweise abhängig von Lieferando sind. Besonders im Lockdown, während das eigentliche Geschäft ruht, sind viele auf Lieferando angewiesen. Restaurant-Betreiber Mathias Martens aus Kiel sagt: "Es gibt derzeit keine großartigen Alternativen. Lieferando ist bekannt beim Kunden, weil sie halt viele Unternehmen aufgekauft haben. Und wir wollten halt nichts verpassen. Wir wollten auch dabei sein, um Umsätze zu generieren."

Zum Mitnehmen  Foto: Sebastian Willnow
Restaurants müssen Lieferando eine Provision von 30 Prozent zahlen, wenn Lieferando-Fahrer*innen ihr Essen ausliefert.

Restaurants zahlen generell eine Provision von 13 Prozent auf die Gesamtbestellung, wenn nur die Vermittlung über Lieferando läuft, sie aber mit eigenen Fahrer*innen liefern. Wenn sie auf Rider*innen von Lieferando zurückgreifen, sind es üblicherweise 30 Prozent. "Wenn du 1000 Euro machst und du gibst 300 Euro ab, das tut natürlich weh. Und das heißt natürlich jetzt Zähne zusammenbeißen, mit allen Mitteln durchkommen und nachher ohne Lieferando klarzukommen." Gleichzeitig wurde im Februar die Liefergebühr für Kunden von 1,50 Euro auf 2,90 bis 3,90 Euro angehoben. "Man muss sich natürlich auch wundern, warum gerade jetzt zur stärksten Zeit erhöht wird", so Martens. Lieferando schreibt dazu, dass die Liefergebühren "eine nachhaltige Logistik, ohne Restaurants durch Mehrkosten zu belasten" ermöglichen.

"Kein leicht verdientes Geld"

Unsere Reporterin Andrea hat ihre genaue Endabrechnung noch nicht, am Ende hat sie in 30,5 Arbeitsstunden laut App gut 400 Euro verdient, inklusive Boni und Trinkgeld. Positiv in Erinnerung geblieben ist ihr der Zusammenhalt unter den Fahrer*innen "man grüßt sich, man hilft sich, das habe ich schon gespürt, aber es ist auf jeden Fall kein leicht verdientes Geld", sagt sie.

 

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