Stand: 14.01.2019 11:18 Uhr

Alkohol in der Schwangerschaft: lebenslanger Schaden

von Djamila Benkhelouf

Kevin und Rene A. sind Halbbrüder. Sie sind 24 und 26 Jahre alt, wirken jedoch deutlich jünger. Beide haben noch keine Lehre abgeschlossen. Rene hat mit viel Unterstützung den Realschulabschluss geschafft. Eine Ausbildung hat er abgebrochen. Beide sind in einer Pflegefamilie groß geworden. Und beide haben eine geistige Behinderung, einen irreparablen Hirnschaden, der vermeidbar gewesen wäre, denn die leibliche Mutter hat in der Schwangerschaft Alkohol getrunken.

Kevin und Rene © NDR Foto: Screenshot

Alkohol in der Schwangerschaft: lebenslanger Schaden

Panorama 3 -

Kevin und Rene werden ihr Leben lang auf Hilfe angewiesen sein. Der Grund: Ihre Mutter hat während der Schwangerschaft Alkohol getrunken, beide haben eine geistige Behinderung davongetragen.

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Die entstandenen Schäden fasst der Fachbegriff FAS zusammen: Fetales Alkoholsyndrom. Die Auswirkungen können ganz unterschiedlich sein. Es kommt darauf an, wie viel die Mutter getrunken hat und wann. Mitunter kann man die Schäden auch äußerlich sehen. Die Kinder sind zu klein, die so genannte Rotzrinne zwischen Mund und Nase ist bei vielen kaum erkennbar oder die Augen weisen eine besondere Stellung auf. Noch gravierender sind jedoch die neurologischen Schäden. Alkohol ist ein Zellgift und dies geht ungefiltert durch die Plazenta. "Das Baby im Mutterleib baut Alkohol viel langsamer ab, als die Mutter. Das heißt, wenn regelmäßig ein Glas getrunken wird, ist das Kind quasi dauerhaft betrunken im Bauch", sagt Heike Hoff-Emden, Chefärztin des Sozialpädiatrischen Zentrums in Leipzig. Sie ist Expertin auf dem Gebiet, diagnostiziert und therapiert betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Überforderung und Ablehnung in der Schulzeit

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Pflegemutter Katja Kiehn sagt heute: "Ich habe die Kinder auch schlicht überfordert."

Bei Kevin und Rene aus Wietze in Niedersachsen sind die Auswirkungen deutlich. Ihre Kindheit war geprägt von Ablehnung, vor allem in der Schule. Sie seien motorisch permanent überdreht gewesen, hätten keine Grenzen akzeptieren können, Regeln nicht befolgen und beim Lernstoff in der Schule seien sie häufig nicht mit gekommen, schildert Pflegemutter Katja Kiehn den Alltag.

Nur wusste damals noch keiner, dass die Jungs schlicht krank sind. Pflegemutter Kiehn beschreibt den Alltag damals so: "Egal, was ich versucht habe - Waldorfpädagogik, Montessori, Schwimmen, Tennis, Therapeutenbesuche - alles hat nicht funktioniert. Ich habe die Kinder auch schlicht überfordert, weil ich immer dachte, ich müsse nur genug tun und dann klappt das auch."

Diagnose im Erwachsenenalter

Es klappte nicht. Erst als die Jungs erwachsen waren, erfuhr Kiehn von der Hirnschädigung durch Alkohol. Sie suchte einen Spezialisten auf und der diagnostizierte rasch eine fetale Alkoholschädigung bei beiden Jungen. "Für uns war es eine Befreiung, weil wir endlich wussten, was mit uns los war. Wir wurden früher viel gemobbt in der Schule und immer haben wir uns gefragt: 'Was stimmt mit uns nicht?' Die Diagnose ist zwar nicht schön, aber wir können nichts dafür", sagen Rene und Kevin.

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Heike Hoff-Emden ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin.

"Es müssen alle Bereiche der Gesellschaft darüber informiert sein, dass es diese Problematik gibt, nur so kann man ein Unterstützungsnetz aufbauen, das diesen Menschen hilft und eine frühe Diagnose ist dabei sehr hilfreich", sagt Heike Hoff-Emden. Mit klassischer Förderung, vor allem in der Schule, Nachhilfe, Privatlehrer etc. sind die Kinder schlicht überfordert, weil sie es nicht leisten können. Dann werden sie häufig als faul abgestempelt - ein Teufelskreis, der sich durch das ganze Leben ziehen könne.

Offener Umgang mit Behinderung

Experten schätzen ein bis zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland als Betroffene ein, viele davon, ohne es überhaupt zu wissen. Es ist inzwischen weltweit die häufigste geistige Behinderung, die allerdings vermeidbar ist. Und ein Teil davon wird nicht in der Lage sein, das Leben selbständig zu führen.

Auch Kevin und Rene A. werden wohl ihr Leben lang auf Unterstützung angewiesen sein. Mit ihrer Behinderung gehen sie offen um, sie spüren aber Unbehagen in ihrer Umgebung, wenn sie erklären, warum sie keinen Job haben und ein gesetzlicher Betreuer über sie wacht. "Ich fühle mich ausgegrenzt, dabei versuche ich alles, um auf eigenen Beinen stehen zu können", sagt Kevin.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 15.01.2019 | 21:15 Uhr