Stand: 31.10.2019 19:41 Uhr

"Halle reiht sich in die Serie frauenfeindlicher Attentate ein"

von Katharina Schiele

Der Täter von Halle sagt, der Feminismus sei Schuld an der sinkenden Geburtenrate im Westen, die Ursache für eine angebliche Massenimmigration sei. Und die Wurzel dieser Probleme sei der Jude. Was meint er damit?

Anne Helm © NDR Foto: Screenshot
Anne Helm ist Netzpolitikern und beschäftigt sich seit Jahren mit rechter Radikalisierung im Internet.

Das klingt erstmal unverständlich, wenn man da so drauf gestoßen wird. Aber dahinter steckt eine Verschwörungstheorie, die tatsächlich relativ weit verbreitet ist, nämlich, dass eine sogenannte jüdische Finanzelite, die die Welt regiert, sich den Feminismus am Reißbrett ausgedacht hat, um Frauen - im besonderen weiße Frauen - dazu zu bringen, weniger Kinder zu bekommen. Das alles mit dem Ziel, die weiße Rasse - oder was man dafür hält - zu zerstören, oder einen Genozid an den Weißen zu verursachen.  

Also kann man nicht nur von rassistischem Terror, von antisemitischem Terror sprechen, sondern auch von frauenfeindlichem Terror?

Die explizite Frauenfeindlichkeit hat der Täter ja selber als Motiv auch mit angegeben. Die Eigenschaft von Terrorismus ist ja, dass die Täter damit eine Propaganda verbreiten wollen, das politisch aufgeladen gelesen wissen wollen. Und da spielt der Hass auf Frauen und Feminismus eine große Rolle. Auch das ist ein Tatmotiv, und zwar eines, was bisher nach meinem Empfinden wenig beleuchtet worden ist. Aber eines, das auch in Übereinstimmungen mit Tätern vorher ist.

Inwiefern hat er sich damit bei anderen Attentätern orientiert?

Man kann diese Tat selbstverständlich nicht isoliert betrachten, es drängen sich Muster auf. Er selber bezieht sich ganz bewusst auf Christchurch, aber auch Utoya muss man da nennen. Das sind natürlich Bezüge, die schon mehrere Nachahmer hatten. Halle reiht sich in diese Serie ein.

Welche Funktion kommt dem Antifeminismus bei rechter Radikalisierung zu?

Die Funktion von Frauenhass oder Antifeminismus hat nach meinem Empfinden oftmals einen Einstiegscharakter für rechte Ideologien. Oft sind dabei persönliche Frusterfahrungen mit Frauen Anknüpfungspunkte. Der Frust alleine erklärt das natürlich nicht, ist aber oftmals ein Element von Radikalisierung. Was dann natürlich dazukommt ist die Bereitschaft, sich Sündenböcke zu suchen. Und Frauen sind eine Form von Sündenbock, auf die sich wahnsinnig viele einigen können. Der persönliche Frust wird zur Wut auf alle Frauen und den Feminismus. Und dann kommen sie über bestimmte Gruppen in Berührung mit anderen Verschwörungen, etwa dass Juden verantwortlich für den Feminismus sind. So ist es jetzt auch bei dem Täter aus Halle gewesen.

Wo findet diese Radikalisierung statt?

Das sind findet in ganz unterschiedlichen Räumen statt, immer dort, wo es eine männliche Dominanz gibt. Das können Burschenschaften sein, das können Fußballvereine sein, aber es sind eben auch Netz-Communities und Gamer-Communities. Die sind besonders gut geeignet, da sie eigene Kanäle haben, die von außen schwer zugänglich sind und die eigentlich nicht wirklich wahrgenommen werden. Dort findet teilweise auch gezielte Rekrutierung von Rechts statt. Inzwischen haben wir glücklicherweise einen sehr diversen Gaming Markt. Insofern ist es auch eine sehr diverse Community. Aber sie bietet eben auch eine Plattform, auf der solche Gedanken anschlussfähig sind. Das Problem ist nach meinem Empfinden, dass die Community sich bisher noch zu wenig mit diesem Problem auseinandersetzen, weil sie sich immer sofort als Ganzes angegriffen fühlt, wenn solche Themen angesprochen werden,

Welche Rolle spielen sogenannte Imageboards?

Diese Online-Foren funktioniere so: Jemand stellt etwas ins Netz und alle anderen können darunter kommentieren. Und sie haben noch einmal die besondere Eigenheit, dass alle anonym posten. Alle wirken gleich, alle heißen "Anon". Das hat eine wahnsinnig enthemmende Wirkung, weil man sehr aus dem Affekt handeln kann. Es ist nicht mehr nachvollziehbar, wer was tatsächlich gesagt hat. Und wenn alle gleich sind, dann schafft das natürlich auch ein Gemeinschaftsgefühl. Und diese Mobilisierung funktioniert auch genau darüber. Über dieses sehr identitäre Momentum, das alle sich selber als Sprachrohr für diese Community empfinden.

Auch der Täter von Halle nennt sich "Anon"…

Das bedeutet, er hat das Gefühl, im Namen einer Community zu sprechen. Und er sieht sich als der gerechte Rächer einer amorphen internationalen Masse, die ihn zumindest gefühlt in seinem Handeln bestätigt.

Der Täter wählte für seine Terrorfahrt einen Song aus, der den Attentäter Alek Minassian feiert. Minassian hatte 2018 in Toronto zehn Menschen überfahren. Er verkündete vor seiner Tat, dies sei der Beginn der "Incel-Rebellion". Was sind Incels?

Incels sind Männer, die sich selbst darüber definieren, dass sie unfreiwillige Jungfrauen sind. Also Männer, die gerne Sex hätten, aber keinen haben. Das Besondere an Incels ist, dass man sich selbst darüber definiert und sich eine Community darum schafft. Zu dieser Selbstdefinition gehört, dass sie die Wahrnehmung haben, in dieser Gesellschaft nicht die Möglichkeit zu haben, an etwas zu kommen, was ihnen eigentlich zusteht, nämlich Sex. Daraus wird eine Erklärung konstruiert, dass Frauen ihnen Sex vorenthalten, obwohl es ihnen eigentlich zusteht. Das heißt, Frauen nehmen ihnen etwas weg. Und gerade auch das Empfinden, als Loser abgestempelt zu werden, gehört zu dieser Radikalisierung dazu. Zu dem Gefühl: Ich bin nicht der Aggressor, sondern ich wehre mich nur. Ich bin von der Gesellschaft ausgelacht worden und das ist mein Rachefeldzug.

Wenn man im Zusammenhang mit Halle von antifeministischem Terror spricht, verharmlost man dann nicht die antisemitischen und rassistische Motive des Täters?

Nein, man muss das zusammendenken. Ich glaube, man sollte über das eine reden können, ohne das andere zu verschweigen. Und zu begreifen, dass das miteinander zusammenhängt, halte ich für immens wichtig. Gerade bei der Frage: Wie kommt man überhaupt auf die Idee, Juden hätten den Feminismus erfunden, um die weiße Rasse zu zerstören? Da muss man verstehen, wie Menschen zu solchen Gedanken kommen. Deswegen ist es wichtig, auch das Tatmotiv Antifeminismus zu beleuchten. Das heißt natürlich nicht, dass das das alleinige Motiv war. Aber zur Radikalisierung spielt der Antifeminismus eben eine riesengroße Rolle. Erst wenn wir das verstehen, können wir darauf auch möglicherweise rechtzeitig und präventiv reagieren.

Das Interview führte Katharina Schiele

Anne Helm ist Netzpolitikern und beschäftigt sich seit Jahren mit rechter Radikalisierung im Internet. Von 2009 bis 2014 war sie Mitglied der Piratenpartei, seit 2016 ist sie für die Linkspartei im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie ist Sprecherin für Medien und Strategien gegen Rechts.

 

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 31.10.2019 | 21:45 Uhr

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