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Wie alles begann

von Norbert Eberlein
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Autor Norbert Eberlein, der Erfinder der Kultgeschichten Rund um Neues aus Büttenwarder

Im Frühling des Jahres 1997 wurde ich von einer sehr charmanten NDR Redakteurin gefragt, ob ich nicht eine Idee hätte für eine neue "Heimatgeschichte" mit Jan Fedder. Ich hatte schon zuvor für diese Reihe geschrieben, unter anderem auch zwei Episoden für Jan, die ihn einmal als Kiez-Robin Hood und ein anderes Mal als Kiez-Pastor zeigten. Ich fragte, wie es denn wäre mit Jan als Kiez-Kellner oder als Kiez-Klempner? Aber, nein. Kiez sollte es jetzt nicht mehr sein. Das verstand ich. Man muss ja auch mal was anderes machen.

Und wenn er Robin Hood wäre in Blankenese? Oder Pastor im Hafen? Zum Beispiel? Nein.

Ich hatte keine Ahnung, was ich schreiben sollte, erklärte der charmanten NDR Redakteurin aber mit treuem Augenaufschlag, dass ich … da … schon was … im Hinterstübchen hab'. Sie glaubte mir kein Wort. Aber immerhin hatte ich auf diese Weise Zeit gewonnen.  

Ich hatte keine Idee

Es gibt nur eine Sache, die noch schwieriger ist als schreiben - und das ist nicht schreiben. Ein Problem beim Schreiben ist: man braucht Ideen. Aber Ideen kann man nicht machen. Und man kann sie nicht finden. Man muss sie haben! Ich hatte keine.

Ich dachte über Jan nach. Es ist immer hilfreich für den Autor, wenn er den Schauspieler, für den er schreibt, gut kennt und ihn mag. Das stimuliert die Phantasie. Und tatsächlich ratterte schon bald diese unglaubliche innere Kreativ-Maschine, erzeugte kesse Assoziationen, abgefahrene Ideen, brillante Bilder und am Ende dieses Feuerwerks, sah ich ihn vor mir: Jan Fedder als Kiez-Pastor. Scheiße.

Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich hier erkläre, dass Autoren bisweilen zu Stimulanzien greifen, wenn der Druck zu groß wird. Anders geht es dann für viele einfach nicht. Und auch ich bin, zugegeben, anfällig dafür. Und meine Stimulanz war in jenen Jahren ein kleines Dorf im Kreis Storman.

Eine handvoll Einwohner

Und so fand ich mich eines Abends wieder in diesem Kleinod draußen am See. Nur eine handvoll Einwohner hat der Ort, den ich schon seit langer Zeit kannte. Wälder und Wiesen, ein paar Bauernhöfe, ein wunderschöner See mit versteckten Badebuchten - dieser Ort hatte mir schon oft weitergeholfen. Hier konnte man zur Ruhe kommen und plötzlich auf erlösende Gedanken kommen, mutige Pläne schmieden oder einfach nur Kraft tanken. Stundenlang ging ich durch den Wald, und als ich herauskam sah ich ihn ganz klar vor mir: Jan Fedder als Kiez-Pastor.

Der Dorfkrug

Ich wollte wieder nach Hause fahren. Aber dann fiel mir auf, dass ich seit Stunden nichts gegessen hatte. Im Zentrum des Dorfes lag eine Kneipe - der Dorfkrug. Ich beschloss, meinen Spaziergang dort enden zu lassen, etwas zu mir zu nehmen und dann dort in den Bus zu steigen, der mich zurück nach Hamburg bringen sollte. 

Als ich an der Dorfstraße entlangging, fuhr ein Trecker an mir vorbei. Das war mir völlig egal. Und das Ding war mir immer noch egal, als ich den Dorfkrug erreichte. Er war dort geparkt, gleich neben einem roten Mofa.

Der Dorfkrug war gut besucht wie immer, aber ich fand noch einen Platz am Tresen, bestellte mir Lütt un Lütt und Bauernfrühstück und dachte darüber nach, was ich sonst noch so beruflich machen könnte, jetzt, da doch meine Karriere als Drehbuchautor offenbar vorbei war. Noch standen mir alle Türen offen - sofern mich irgendein Arzt von der Zwangsvorstellung befreien könnte, ständig Jan Fedder als Kiez-Pastor zu sehen. 

Leutheuser-Schnarrenberger

Im Dorfkrug redeten die Bauern darüber, ob es einer schafft, den Namen Leutheuser-Schnarrenberger dreimal hintereinander zu sagen. Ich blickte aus dem Fenster und dachte, dass ich doch eigentlich über andere Sachen schreiben müsste als über Jan Fedder, der als Pastor oder meinetwegen auch als was anderes auf dem Kiez oder woanders Robin Hood ist. Es herrschte Krieg im Kosovo, riesige Finanzskandale erschütterten die Börse, Mord und Totschlag dominierten die Zeitungen. Darüber müsste man schreiben! Darüber, dass der Mensch in Tausenden von Jahren nichts gelernt hat, weiterhin ständig versucht, schlauer zu sein als er ist, immer wieder glaubt, das bessere Geschäft zu machen, als derjenige, der ihn zu diesem Geschäft eingeladen hat, Moral als Spielzeug betrachtet etc.

Am Tresen begann nun einer der Bauern Wetten anzunehmen. Man setzte gegen einen gewissen Adsche, der behauptete, er könne den Namen Leutheuser-Schnarrenberger sogar zwanzigmal sagen.

Ich nahm mir eine Zeitung und las einen Artikel über ein großes Geldinstitut und seinen Vorstandsvorsitzenden. Der Mann sah aus wie der Bauer, der gerade die Wetten organisierte und sich selbst, wie er meinte, reichlich Nennwert davon versprach. Der Banker in der Zeitung sprach von Renditezielen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, die beiden müssten Verwandte sein. Ich blickte zu dem Bauern und stellte zu meiner Überraschung fest, dass er nicht nur dem Banker ähnelte.  

Er sah aus wie Jan Fedder!