Stand: 07.04.2020 11:15 Uhr

Corona-Krise: Was macht die Isolation mit uns?

Wer seine Mitmenschen liebt, hält sich von ihnen fern. Auf diese Idee wären wir vor ein paar Wochen nie gekommen. Für viele ist die Einsamkeit in der aktuellen Isolation durch die Corona-Krise eine neue Erfahrung, für andere eine Zuspitzung ihrer Lebenslage. Manche sind ihr schutzlos ausgeliefert, andere können mit ihr leben. Wann ist man eigentlich einsam? Wann sind wir anfälliger und welche Chancen hat die Einsamkeit und die derzeitige Isolation?

"Für Soziologen ist Einsamkeit das kommunizierte Gefühl, dass es einem an positiven Beziehungen mangelt. Einsamkeit meint, dass wir nicht genügend Kontakt haben", sagt der Soziologe Janosch Schobin, der sich schon lange mit dem Thema Einsamkeit beschäftigt.

VIDEO: Einsamkeit: Was die Kontaktsperre mit uns macht (5 Min)

Fehlendes Vertrauen in sich selbst

Einsamkeit, sagt die Therapeutin Angelika Berghaus, habe mit einem fehlenden Vertrauen in die Beziehung zu anderen Menschen, aber vor allem in die Beziehung zu sich selbst zu tun. Gerade jetzt sei das jedoch wichtig. Wer nicht gut allein sein könne, der könne in der Pandemie, in der es auch um die Bedrohung von Leben gehe und um das Gefühl, einer vernichtenden Kraft ausgesetzt zu sein, schwere Einsamkeitsgefühle entwickeln, sagt Berghaus. "Das betrifft aber vor allem Persönlichkeiten, die sehr instabil sind."

Einsamkeit als kollektives Gefühl

Gerade Jüngere denken oft, dass es ihre eigene Schuld sei, wenn sie einsam sind. "Vielleicht kippt das jetzt wieder, da wir uns im Moment in einer Kollektivlage befinden", so Schobin. Die Menschen würden merken, dass sie ein Opfer für die Gesellschaft erbringen, wenn sie sich isolieren. "Das ist vielleicht eine Art, über Einsamkeit anders zu reden - nämlich als eine Form von kollektiver Erfahrung."

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Eine ältere Frau schaut aus einem Fenster. © fotolia.com Foto: pololia

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Zeit um zu reflektieren

"Es gibt auch eine Einsamkeit, in der wir uns damit beschäftigen, was wir jetzt gerade verloren haben", sagt Angelika Berghaus. "Wenn wir uns damit auseinandersetzen, welchen Verlust wir gerade erleiden, dann können wir uns auch innerlich damit auseinandersetzen, was wir brauchen, was uns gut tut und welche Menschen uns gut tun. Das lindert die Einsamkeit."

Isolation: Um Aufmerksamkeit wird konkurriert

Viele konzentrieren sich jetzt, online und offline, ganz auf ihre Liebsten. Für die anderen wächst damit das Risiko, sich einsam zu fühlen. "Stellen Sie sich ein Netz vor: Fünf Personen sind alle mit einer Person befreundet. Die hat fünf Freunde, alle anderen haben nur einen Freund, der bei ihnen an erster Stelle steht. Der entscheidet jetzt, mit wem er telefoniert, mit wem er stärkeren Kontakt pflegt. Das führt zu Enttäuschungen. Im Moment wird um Aufmerksamkeit konkurriert, und das führt zu Enttäuschungen und begünstigt Einsamkeitsgefühle", so Schobin. Was bleibt denen, die zurückbleiben?

Hier finden Sie Hilfe in Zeiten der Einsamkeit:

In Einsamkeit und Angst gibt es viele Menschen, die Ihnen aus dieser Lage heraushelfen können. Dafür finden Sie auf dieser Seite die entsprechenden Links und Telefonnummern. Sie können sich - auch anonym - per Telefon, Mail, Chat oder in einem persönlichen Gespräch mitteilen. 

Sie können sich zum Beispiel auch an eine geistliche Vertrauensperson wenden. Pfarrer unterliegen dem Beichtgeheimnis und dem Seelsorgegeheimnis.

Telefonseelsorge (auch im Chat und via Mail zu erreichen)
Bundeseinheitliche Nummer: (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222

"Silbertelefon" (Telefonseelsorge für Senioren ab 60 Jahre)
(0800) 470 80 90

Muslimisches Seelsorgetelefon
(030) 44 35 09 821

Bundesweite Beratungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche
(0800) 111 0 333 (Mo - Sa: 14 - 20 Uhr)

Freunde alter Menschen e.V.
Internationale Freiwilligen-Organisation, die sich um einsame, ältere Menschen kümmert. Weitere Informationen finden Sie hier.

Psychotherapie-Informationsdienst (PID)
Kompetente Beratung zur Wahl der geeigneten Therapeutin/ des geeigneten Therapeuten. Der Psychotherapie-Informationsdienst (PID) ist ein Dienstleistungsangebot der Deutschen Psychologen Akademie des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP). Weitere Informationen finden Sie hier.

Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
(030) 891 40 19 (Di., Mi., Fr. 10 - 14 Uhr; Do. 14 - 17 Uhr)

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 06.04.2020 | 23:00 Uhr

Buchcover: Kein Pausenbrot. Keine Kindheit. Keine Chance von Jeremias Thiel. © Piper Verlag

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