Wir Kinder der Mauer

Samstag, 02. Oktober 2021, 20:15 bis 21:45 Uhr

"Wir Kinder der Mauer" ist als mulitmediales Projekt angelegt. In der ARD-Mediathek ist es als serieller dokumentarischer Schwerpunkt vorhanden, zu dem auch die True-Crime-Story "Wir Kinder der Mauer - Tod in der Ostsee" gehört. Unter dem gleichen Label sind in der ARD-Audiothek eine Podcast-Reihe und ein Hörfunk-Feature vorhanden. Ein Format als attraktives Angebot aus dem Themenfeld Geschichte, gerade auch für eine jüngere Zielgruppe.

Die ehemalige FDJ-Jugendhochschule Bogensee in Berlin-Brandenburg. © NDR/ECO Media TV-Produktion GmbH/Sebastian Wagner
Die ehemalige FDJ-Jugendhochschule Bogensee in Berlin-Brandenburg.

Der Tag des Mauerbaus am 13. August 1961 bestimmt auf lange Zeit das Leben vieler Kinder und Jugendlicher. Mehr noch als die Erwachsenen sind sie dem Geschehen total ausgeliefert, sind ohnmächtig in Bezug auf Politik und familiäre Entscheidungen.

28 Jahre lang sind Mauer und Stacheldraht eine vorgefundene Realität in ihrem Leben. Manche lehnen sich gegen ihren vorgezeichneten Lebensweg auf, andere finden sich mit der Teilung ab, die Familien auseinandergerissen, Menschen entwurzelt und Liebende getrennt hat. Unzählige junge Ostdeutsche haben Verwandte im Westen, aber mehr als gelegentliche Westpakete und hin und wieder ein Besuch sind über Jahrzehnte nicht denkbar. Die Lebenswelten entwickeln sich auseinander.

Familiäre Entscheidungen beeinflussen das Leben der Kinder

Aber auch immerhin 1,25 Millionen Menschen verlassen die DDR, das Land zwischen Elbe und Oder, nach dem Mauerbau für immer. Manche sind kaum 18 Jahre alt und riskieren ihr Leben dabei. In ganz Westdeutschland von Sylt bis zum Starnberger See wachsen deshalb Kinder auf, deren Familien ostdeutsche Wurzeln haben. Und auch in umgekehrter Richtung beeinflussen familiäre Entscheidungen das Leben der Kinder: Pro Jahr gehen auch immerhin noch über 1000 Westdeutsche in die DDR, um dort dauerhaft zu leben, viele mit ihren Familien.

Der Film "Wir Kinder der Mauer" von Kristin Siebert und Christian von Brockhausen erzählt für Fernsehen und ARD-Mediathek sowie in einem Hörfunk-Feature und Podcast die Geschichte dieser Heranwachsenden zwischen 1961 und 1989. Das Besondere an dieser Produktion: Die Geschichte wird in ganz Deutschland verortet, denn heutzutage denken viele beim Thema "Mauer" reflexartig an Berlin. Doch die Geschichte der Teilung erstreckt sich über alle Landesteile in Ost und West. In der ganzen Bundesrepublik sind heute Menschen verstreut, die unmittelbar vom Mauerbau und der Teilung geprägt wurden und deren Leben ohne diesen Einschnitt anders verlaufen wäre. Die Teilung, das macht die Dokumentation deutlich, ist ein gesamtdeutsches Thema, nicht nur für die Anrainer der innerdeutschen Grenze.

Bis heute traumatisiert

Der Hamburger Peter Drauschke zum Beispiel geht zwei Jahre nach dem Mauerbau mit 18 Jahren zusammen mit seinem Freund Erwin freiwillig von der Bundesrepublik in die DDR. Beide glauben an den Sozialismus. Die Realität zerstört ihre Illusionen: Erwin begeht Selbstmord, Peter wird nach einem gescheiterten Fluchtversuch verhaftet. Noch heute ist der ehemalige FDJ-Funktionär, der wieder in Hamburg lebt, traumatisiert.

Antje Korte-Böger aus Siegburg in Nordrhein-Westfalen hat ihren Vater in jungen Jahren zur Leipziger Messe begleitet. Sie fühlt früh den Zwiespalt zwischen dem "reichen" Westen und dem "armen" Osten, besonders bei den Verwandtschaftsbesuchen aus Ostdeutschland.

Mit drei Monaten von den Eltern getrennt

Erzählt wird auch die aufwühlende Lebensgeschichte der Ostberlinerin Liane Weinstein, die im Alter von drei Monaten von ihren Eltern getrennt wird. Der Versuch, sie durch einen Tunnel nach Westberlin zu holen, scheitert. Sie wächst bei den Großeltern in Ostberlin auf. Als sie mit elf Jahren endlich ausreisen darf, sind ihre Eltern geschieden, das Verhältnis zu beiden belastet. Erst vor Kurzem wurde dieser Tunneleingang in Berlin entdeckt und freigelegt. Liane Weinstein wagt sich nach fast 60 Jahren zurück zur Stelle, um sich ihrer schmerzhaften Vergangenheit zu stellen.

Helgo Clute-Simon erlebte als Kind die Grenztürme. © NDR/ECO Media TV-Produktion GmbH/Sebastian Wagner
Helgo Clute-Simon erlebte als Kind die Grenztürme.

Die Münchnerin Katrin Eder bricht Mitte der 1970er-Jahre aus ihrem wohlhabenden Elternhaus aus und zieht über Westberlin in die DDR. Dort heiratet sie ein Mitglied des SED-Singeklubs Oktoberklub.

Jörg Reinicke aus Saarbrücken trifft sich bis heute mit seinen ehemaligen Klassenkameraden aus Brandenburg an der Havel, zu denen er trotz Übersiedlung in den Westen Kontakt gehalten hat. Als Russisch-Dolmetscher unter anderem für Michail Gorbatschow nutzte er jede Dienstreise in den Ostblock, um seine Heimat zu besuchen.

Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte

Die Filmemacher begegnen auch Mamo und Dorothee Adugna aus Rheinland-Pfalz, deren Liebesgeschichte 1985 in einem Ostberliner Krankenhaus ihren Anfang nimmt. Nach einem Minenunfall in seiner Heimat liegt der Äthiopier dort zur Behandlung. Die beiden verlieben sich und wollen in den Westen fliehen, als Mamo zurück nach Äthiopien geschickt werden soll.

Sie und ein gutes Dutzend weiterer Menschen erzählen ihre außergewöhnliche Geschichte, teilweise zum ersten Mal. Sie nehmen die Zuschauer*innen mit auf eine intensive Reise in die Vergangenheit, die in der Gegenwart nicht zu Ende ist.

Weitere Informationen
Ein Paar geht vor der Berliner Mauer entlang. © mdr/rbb/Sebastian Wagner

"Wir Kinder der Mauer": Doku über Kindheit und Jugend in der DDR

Die ARD-Doku "Wir Kinder der Mauer" erzählt die Geschichte von 20 Heranwachsenden zwischen 1961 und 1989. mehr

Autor/in
Christian von Brockhausen
Regie
Christian von Brockhausen
Redaktion
Marc Brasse
Produktionsleiter/in
Frederick Keunecke
Redaktion
Anais Roth
Autor/in
Kristin Siebert
Regie
Kristin Siebert
Redaktion
Jens Stubenrauch
Kamera
Sebastian Wagner
Thomas Mandl
Schnitt
Fabian Teichmann
Ton
Till Blanke
Dirk Ferber
Conni Grundmann
Producer
Thomas Schuhbauer
Stephan Lamby
Sprecher/in
Anne Moll
Bildmischung
Thomas Weichler