Fly Rocket fly

Mit Macheten zu den Sternen

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, 27. Oktober 2021, 00:00 bis 01:30 Uhr

Als Elon Musk noch mit Legosteinen spielte, hatte der schwäbische Ingenieur Lutz Kayser eine Vision: Er will auf privatwirtschaftlicher Basis eine Weltraumrakete entwickeln, die Satelliten ins All befördern soll. Mitte der 1970er-Jahre gründet er gemeinsam mit einer Gruppe eingeschworener Tüftler die OTRAG (Orbital Transport und Raketen Aktiengesellschaft), das weltweit erste private Raumfahrtunternehmen. Beraten werden sie von Wernher von Braun, einem Pionier der Raumfahrt, der sowohl für Hitler als auch für die NASA Raketen entwickelt hat.

Ein eigener Weltraumbahnhof

Das Kontrollzentrum der Raketenbasis auf dem Felsplateau des Kapani Tono in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. © NDR/SWR/Lunabeach TV& Media/Frank Wukasch
Das Kontrollzentrum der Raketenbasis auf dem Felsplateau des Kapani Tono in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo.

Doch 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg werden Raketentests in der BRD nicht gerne gesehen. Ein neuer Standort muss her! Die Lösung: ein 100.000 Quadratkilometer großes Testgelände mitten im Urwald von Zaire (der heutigen Demokratischen Republik Kongo), das der damalige Diktator Mobutu Sese Seko zur Verfügung stellt. Hier errichtet die OTRAG einen eigenen Weltraumbahnhof, ein "German Cape Canaveral" inklusive eigener Wurstmetzgerei und Marihuana-Plantage.

In Lampoldshausen bei Heilbronn wurden Anfang der 1970er Jahre 2.000 Triebwerktests durchgeführt. © NDR/SWR/Lunabeach TV & Media GmbH/Frank Wukasch Foto: Maria Engl
In Lampoldshausen bei Heilbronn wurden Anfang der 1970er Jahre 2.000 Triebwerktests durchgeführt.

Kritisch beäugt wird das Unterfangen zu Zeiten des Kalten Krieges nicht nur von russischen und US-amerikanischen Spionagesatelliten, sondern auch von europäischen Politikern, die mit dem Ariane-Projekt eigene Bestrebungen in Sachen Weltraumforschung anstellten. Im Zuge des wachsenden Drucks durch verschiedene Staaten wendet sich das Glück gegen Kayser und seine Mitstreiter: Mobutu nimmt den Fehlstart einer Rakete zum willkommenen Anlass, der OTRAG den Vertrag aufzukündigen. Was als erfolgreiches Start-up-Abenteuer begann, endet in einer politischen Krise.

Filmautor Oliver Schwehm (re.) mit Lutz Kayser (li.) auf Bikendrik Island. Kurz nach den Dreharbeiten starb Lutz Kayser. © NDR/SWR/Lunabeach TV & Media GmbH/Markus Hilß
Filmautor Oliver Schwehm (re.) mit Lutz Kayser (li.) auf Bikendrik Island. Kurz nach den Dreharbeiten starb Lutz Kayser.

Oliver Schwehm liefert mit seinem Dokumentarfilm eine Mischung aus Politthriller und Abenteuergeschichte, dennoch auf wahren Begebenheiten basierend. Irgendwo zwischen "Fitzcarraldo", "Lohn der Angst" und "Tim und Struppi auf dem Mond". Mithilfe von Archivaufnahmen und Interviews mit Zeitzeugen zeichnet er ein Porträt des Zaire der 1970er-Jahre und erzählt von einem vergessenen Teil der Geschichte der deutschen Raumfahrt.

Regie
Oliver Schwehm
Autor/in
Oliver Schwehm
Redaktion
Großpietsch, Timo
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