Ein Jahr am größten See Europas

Der Ladoga - ein russisches Märchen

Sonntag, 14. Februar 2021, 20:15 bis 21:45 Uhr
Montag, 15. Februar 2021, 00:55 bis 02:25 Uhr

Der Ladogasee hoch im Norden Russlands ist der größte See Europas, fast 40 Mal so groß wie der Bodensee. Im Rückzugsort reicher Russen, kleiner Datschenbesitzer und frommer Mönche liegt mitten im See die uralte Klosteranlage Walaam, Sehnsuchtsziel junger Pilgerinnen und Pilger.

"Straße des Lebens"

Der Ladoga ernährt Fischer und die Bewohnerinnen und Bewohner von St. Petersburg. Und er ist ein russischer Schicksalsort. Die Eroberung der Festung Schlüsselburg erlaubte Peter dem Großen, das Fenster zum Westen aufzustoßen und Sankt Petersburg zu gründen. Später wurde der Ladogasee zur Straße des Lebens für das belagerte Leningrad. Vera Rogowa erinnert sich, wie sie als junge Partisanin in Filzstiefeln und Wattejacke Lkws über den See leitete. Der einzige Ausweg während der 900-tägigen Belagerung im Zweiten Weltkrieg. Kinder wurden so aus der Stadt gerettet, Lebensmittel zu den ausgehungerten Menschen gebracht.

Der See friert nur unregelmäßig zu

Heute stapfen Eisfischer mit Bohrern über den zugefrorenen See und warten bei Eiseskälte geduldig darauf, dass die Fische beißen. Ganz ungefährlich ist das nicht, denn der See friert unregelmäßig zu. Die breiten Rinnen sind schwer zu entdecken. In ihnen können Schneemobile und Autos auf Nimmerwiedersehen verschwinden, denn an einigen Stellen ist der See bis zu 200 Meter tief.

Ein russischer Wintertraum

Eine Datscha steht am Ufer des Sees. © NDR
Eine Datscha steht am Ufer des Sees.

Viele Datschen stehen verlassen, eingeschneit am See, doch die edlen, schwer bewachten Villen reicher Russen sind auch im Winter erholsamer Rückzugsort. Die reichen Datschniki heizen sich ein: Sie schlagen sich mit Birkenzweigen, bis sie rot sind wie ein Krebs, und stürzen sich dann dampfend in den Schnee am Seeufer, um anschließend mit Schampanskoje nachzuspülen. Ein russischer Wintertraum.

Flucht aus der engen Wohnung im Sommer

Im Sommer, zwischen Mai und September, erwacht der See wieder zum Leben auch für normale Bürgerinnen und Bürger aus St. Petersburg. Viele Städter entfliehen ihrer engen Kommunalka, ihrer Kommunalwohnung, in der sich fünf Familien fünf Zimmer, Küche und Klo teilen. Sie verbringen den ganzen Sommer auf ihrer Datscha am Ladogasee, mit Brunnen im Garten und einer kleinen Banja, dem traditionellen russischen Badehaus.

In dieser Zeit ziehen auch die Ranger los und bewachen die Naturschutzgebiete rund um den See vor Wilderern.

Ein Dorf am See. © NDR
Ein am See.

Jetzt ist auch auf der Schiffswerft am See wieder viel zu tun: Es sind keine Frachter mehr, die "Sturmvogel des Kommunismus", heißen, sondern zum Leidwesen einiger Schiffsbauer schicke Jachten reicher Russen und Fischerboote privatisierter Kolchosen, die gebaut und repariert werden.

Und manchmal erklingen über den See Pianoklänge, denn das gibt es immer noch: Komponisten, die in staatseigenen Datschen, ausgestattet mit Flügel oder Klavier, den Sommer zum Komponieren am See verbringen und sich erinnern, dass sie einst beim berühmten Schostakowitsch studierten. Viel hat sich in Russland verändert. Das nicht! Der Ladoga ist eben auch ein Sommermärchen.

Redaktion
Ralf Quibeldey
Autor/in
Rita Knobel-Ulrich