Stand: 26.11.2019 14:47 Uhr

Bericht aus China - Konzerte in Langfang und Tianjin

von Friederike Westerhaus

Die NDR Radiophilharmonie hat ihre Sachen gepackt und ist nach China geflogen. Zusammen mit Chefdirigent Andrew Manze gab sie insgesamt sieben Konzerte, unter anderem in Lanzhou, Shanghai und Beijing. Im Gepäck hatte sie die 5. und die 6. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, außerdem Musik von Brahms und Mozart.

Die NDR Radiophilharmonie spielt vor Publikum beim Konzert im Silk Road International Culture Exchange Center in Langfang. © NDR
Publikum und Orchester auf einer Ebene beim Konzert der NDR Radiophilharmonie im Silk Road International Culture Exchange Center in Langfang.

"Die NDR Radiophilharmonie ist das erste ausländische Sinfonieorchester, das hier sein Debüt gibt. I am a German Fan", schwärmt Claudia Yang. Sie ist die künstlerische Direktorin des nagelneuen Kulturzentrums - dem Silk Road International Culture Exchange Center in Langfang: 95.000 Quadratmeter, fünf Säle für Oper, Theater, Konzerte und Kammermusik, dazu eine Galerie für zeitgenössische Kunst. Nach gut zwei Jahren Bauzeit ist der Große Saal doch noch nicht ganz fertig, die Eröffnung ist aufs kommende Frühjahr verschoben. Das Konzert mit der NDR Radiophilharmonie abzusagen, kam für die Veranstalter nicht in Frage. Kurzerhand wurde das Konzert in die Galerie verlegt, die bereits zugänglich ist. Inmitten von moderner chinesischer Kunst spielte das Orchester Beethovens Fünfte. Auch für Chefdirigent Andrew Manze eine besondere Erfahrung: "Das Konzert werde ich nie vergessen. Das Orchester hat auf derselben Ebene gesessen wie das Publikum - wir waren also in keiner Weise erhaben. Und das Publikum war nicht so groß - es war fast so, als säße es im Orchester. Ich glaube, das war für alle sehr intensiv."

Orchester als Ohrenöffner

Posaunist Emil Haderer in der Galerie des Silk Road International Culture Exchange Center in Langfang. © NDR
Posaunist Emil Haderer in der Galerie des Silk Road International Culture Exchange Center in Langfang.

Claudia Yang und ihr Team wollen in Langfang Aufbauarbeit leisten: "In Langfang gibt es im Grunde bislang kein kulturelles Leben. Das ist wie eine Wüste. Ich glaube, wir sind jetzt in der Erprobungsphase. Niemand wird mit einem Verständnis für klassische Musik geboren. Jeder muss erstmal etwas darüber lernen. Und ein Orchester wie die Radiophilharmonie hier zu haben, die den authentischen Klang der klassischen Musik zu uns bringt, das öffnet die Ohren für uns."

Unvoreingenommenes Publikum

Die NDR Radiophilharmonie konzertiert in Langfang inmitten moderner chinesischer Kunst. © NDR
Die NDR Radiophilharmonie konzertiert in Langfang inmitten moderner chinesischer Kunst.

Solist dieser Tournee ist Martin Fröst. Der international gefeierte Klarinettist ist zum ersten Mal zu Gast in China: "Man spürt, dass das Publikum wirklich neugierig und glücklich ist, uns zuzuhören. Sie sind hier nicht durch irgendwelche Codes verdorben, wie man sich in einem klassischen Konzert zu verhalten hat. Ich bin selbst ein sehr freier Musiker und ich liebe das!"

Erfahrungen auf beiden Seiten

Chefdirigent Andrew Manze und Solist Martin Fröst tauschen sich mit dem chinesischen Publikum aus. © NDR
Chefdirigent Andrew Manze und Solist Martin Fröst tauschen sich mit dem chinesischen Publikum aus.

Die Erstbegegnung mit China hält für Martin Fröst allerdings auch einige Überraschungen bereit: "Wenn die Frau, die mir die Blumen auf der Bühne überreicht, nervös aussieht, sage ich ihr vorher, wie oft ich sie auf die Wange küssen werde. Das habe ich hier im ersten Konzert auch so gemacht. Und das Mädchen sah geschockt aus und ist einen Schritt zurückgegangen. Hier sollte man sie natürlich gar nicht küssen. Aber ich lerne schnell und habe das nicht wieder gemacht."

Begeisterung über Konzertsäle

Die NDR Radiophilharmonie bei ihrem Konzert im Tianjin Grand Theatre. © NDR
Die NDR Radiophilharmonie bei ihrem Konzert im Tianjin Grand Theatre.

Neben Shanghai und Beijing waren es gerade die etwas ungewöhnlicheren Stationen, die die Musiker beeindruckt haben: Langzhou, Harbin, zuletzt Tianjin. Den dortigen holzverkleideten Saal, der an einem künstlichen See liegt, hätten die Musiker am liebsten direkt an den Maschsee mitgenommen - so wunderbar war die Akustik, die auch Andrew Manze beeindruckte: "Man wird etwas demütig. Wir denken, wir kommen aus dem Westen und haben unsere lange Tradition mit der klassischen Musik. Aber hier spielen wir in Sälen, die besser sind als die meisten Säle in Europa."

Zukunftsmusik

Hornist Johannes Otter spielt im Silk Road International Culture Exchange Center in Langfang © NDR

AUDIO: Bericht aus Langfang und Tianjin (4 Min)

Obwohl sich tagsüber noch die Müdigkeit nach den intensiven Tourneetagen bemerkbar machte, lief das Orchester abends in Tianjin zu großer Form auf. Das Publikum war begeistert. Und Manze vom Publikum: "Von diesem Publikum, das ganz frisch und sehr jung ist, bekommt man wirklich ehrliche Reaktionen. Das zeigt uns die Kraft der Musik, die Menschen zu berühren. Ich finde es sehr wichtig, auch gerade an die ungewöhnlicheren Orte zu gehen. Man sieht wirklich eine Zukunft für die westliche klassische Musik in China."

Übersicht
Beijing National Centre for the Performing Arts © Creative Commons Foto: Francisco Diez

Die NDR Radiophilharmonie auf Chinatournee

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Orchester und Chor