Historische Gipfeltreffen und unerhörte Begegnungen

Die Saison 2010/2011

Der Große Saal der Hamburger Laeiszhalle © dpa/Bildfunk
Laeiszhalle Hamburg

Strenggenommen müsste man gar nicht mehr verreisen, wenn sich die ganze Welt in Hamburg einfindet. Italienische Maestri und Madrigalisten, spanische Spezialisten, ein katalanischer Entdecker und Eroberer, ein englischer Nationalkomponist, ein bekennender Jazzer aus New Orleans mit ausgeprägter Liebe zu Renaissance-Tänzen, ein anderer Amerikaner mit einer 300 Jahre alten Stimme - sie alle kommen nach Hamburg und durchschreiten das Tor zur Welt in der Gegenrichtung, stadteinwärts. Wer in der neuen Spielzeit die Konzerte der Reihe NDR Das Alte Werk besucht, kann folglich mit Fug und Recht behaupten, er habe die Welt gesehen. Oder jedenfalls doch: gehört.

Abo-Konzerte in der Laeiszhalle

Den Anfang bestreitet - zum ersten Mal in dieser Konzert-Reihe - der Römer Rinaldo Alessandrini mit seinem Concerto Italiano (27.09.10). Vor einem Vierteljahrhundert gründete er dieses Ensemble, das für seine atemberaubenden Interpretationen der Musik von Frescobaldi bis Bach und von Gesualdo bis Rossini wiederholt ausgezeichnet wurde. Im September 2010 findet endlich das langersehnte Debüt beim Alten Werk statt.

Und italienisch geht es weiter, venezianisch, um genau zu sein, mit den hochvirtuosen Violoncellokonzerten des "prete rosso" Antonio Vivaldi. Die Akademie für Alte Musik aus Berlin musiziert diese herrlich unberechenbaren Phantasiestücke gemeinsam mit dem französischen Cellisten Jean-Guihen Queyras, einem Musiker, der in den alten wie in den allerneuesten Werken gleichermaßen zu Hause ist (27.10.10).

Nacht der Countertenöre

 

Als aparte Konzertidee zur Adventszeit geben sich in einer Gala nicht bloß drei Tenöre, sondern gleich vier Countertenöre die Ehre: Max Emanuel Cencic, Matthias Rexroth, Xavier Sabata und Yuri Minenko.

Barockmusik als gesamteuropäisches Großereignis

Das neue Jahr 2011 wird mit Georg Friedrich Händel begrüßt, dem englischen Nationalkomponisten aus Deutschland, dessen italienisch inspirierte Concerti grossi von dem spanischen Ensemble Al Ayre Español ins rechte Licht gerückt werden: Barockmusik als gesamteuropäisches Großereignis (31.01.11).

Das Orchester Al Ayre Español © Marco Borggreve Foto: Marco Borggreve
Das Orchester Al Ayre Español

Einen historischen Schritt zurück, einen Zeitsprung in die Renaissance wagt der in Kalifornien geborene, in New Orleans aufgewachsene Cembalist Skip Sempé, der mit dem Capriccio Stravagante die auserlesenen Tänze und höheren musikalischen Lebensfreuden von John Dowland, Samuel Scheidt, Michael Praetorius und dem Hamburger Ratsmusiker William Brade aus glorreicher Vergangenheit heraufbeschwört (21.03.11).

Um Ruhm und Ehre, Macht und Pracht drehte sich die ganze Welt im Zeitalter des französischen Sonnenkönigs, im Grand Siècle der Feste und Zeremonien, der Architektur und Musik. Die Sopranistin Véronique Gens und das Freiburger Barockorchester widmen sich exklusiv dieser Glanzzeit aristokratischer Kunst und Herrlichkeit (02.05.11).

Begegnung von Musik und Malerei: Sonderkonzerte im Bucerius Kunst Forum

Wem bei diesen spektakulären Programmen nicht längst schon Hören und Sehen vergangen ist, der darf sich gleich doppelt freuen: über künftige Ausstellungen des Bucerius Kunst Forums und über die Sonderkonzerte der Reihe NDR Das Alte Werk, die der Malerei mit Musik begegnen.

Für die bis zum 19. September 2010 geöffnete Schau "Rubens, van Dyck, Jordaens - Barock aus Antwerpen" stehen gleich zwei musikalisch exquisite Veranstaltungen im Konzertkalender. Los Otros (zu Deutsch: die Anderen), das Trio von Hille Perl, Steve Player und Lee Santana, haben sich mit der Musik und Kultur im diplomatischen Umfeld von Peter Paul Rubens auseinandergesetzt und zusammen mit der Sängerin Nele Gramß eine singende, klingende Rundreise durch das Europa des 17. Jahrhunderts konzipiert. Der Abend steht unter dem Leitgedanken "Est-ce Mars? -S Liebe und Leiden zu Kriegszeiten" (01.09.10).

Wenige Tage später bereits wird das italienische Vokalensemble La Venexiana ein epochales Gipfeltreffen rekonstruieren, eine historisch einzigartige Konstellation: Rubens und Monteverdi, die zur selben Zeit am Hofe der Gonzaga in Mantua wirkten, der eine als "maestro della musica", der andere als Hofmaler des Herzogs Vincenzo (17.09.10).

Aus Anlass der Ausstellung "William Turner - Maler der Elemente" wollen der Gambist Jordi Savall, der Harfenist Andrew Lawrence-King und der Schlagzeuger Pedro Estevan zum Ende der Saison 2010/11 englische, schottische und irische Musik aus der Zeit des visionären Landschaftsmalers vorstellen (07.06.11). Und dieses Sonderkonzert dient zugleich als Gratulation und Geburtstagsfeier: Denn Jordi Savall, der 1941 in Katalonien geborene Pionier, Entdecker und Anwalt der (vergessenen) Alten Musik, begeht im kommenden Jahr seinen 70. Geburtstag.

Klangexperimente und improvisierte Musik

David Orlowsky © Uwe Arens Foto: Uwe Arens
David Orlowsky

Auf unerhörte, ja scheinbar unmögliche Begegnungen setzt Das Alte Werk in schöpferischen Wechselwirkungen mit neuer, experimenteller und improvisierter Musik. Das Vokalensemble Singer Pur vertieft sich in die Klagelieder des Propheten Jeremia und die Motetten des Fürsten Carlo Gesualdo von Venosa. Doch wird diese erlesene A-cappella-Kunst von dem Klarinettisten David Orlowsky, einem Grenzgänger zwischen Jazz, Klezmer, Volksmusik und Klassik, frei umspielt, reflektiert, fortgesponnen und bereichert (10.11.10).

Christina Pluhar und ihr Ensemble L’Arpeggiata, das spätestens seit dem Sensationserfolg der CD "Teatro d’Amore" Kultstatus genießt, entdecken im Zusammenspiel mit Musikern der NDR Bigband die zeit- und grenzenlose Kreativität der Improvisation: die flüchtigste, impulsivste, elementarste Gestalt des Musizierens. Dialog oder Konfrontation? (11/12.02.11)

Mit Rüdiger Lotter, dem Gründer des Ensembles Lyriarte und künstlerischen Leiter der Hofkapelle München, und Irvine Arditti, dem Pionier der Avantgarde und legendären Quartett-Primarius, wagen sich zwei Geiger an ein aufregendes Experiment: Sie tauschen die Rollen und die Fächer, wechseln die Zeiten und betreten die Domäne des jeweils anderen. Biber und Bach stehen auf dem Programm, aber auch Berio, Takemitsu und Ferneyhough. Was klingt alt, was scheint neu? Was bleibt, vergeht oder kehrt wieder? Dieses Konzert provoziert ein Nachdenken über die Geschichte der Musik und über die Idee des Fortschritts - mit durchaus offenem Ausgang (05.04.11).

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