Stand: 08.05.2015 22:00 Uhr

Neu entdecken: NDR Das Alte Werk

In Vivaldis Venedig, in das Rom der kunstsinnigen Kardinäle und an den Hof des vor 300 Jahren verstorbenen Sonnenkönigs führen die Wege der Reihe NDR Das Alte Werk in der Spielzeit 2015/16. Aber auch ins heimatliche Hamburg - und nicht zuletzt nach England, das vermeintliche "Land ohne Musik". Große Namen der Alte Musik-Szene gastieren im Norden, mit spannenden Programmen bei insgesamt neun Konzerten.

Sechs Abo-Konzerte: Gekrönte Häupter und wahrhaft Englisches

In sechs Abonnementkonzerten in der Laeiszhalle (die auch einzeln gebucht werden können) entführt das Alte Werk sein Publikum in ferne Welten und längst vergangene Zeiten:

Der Geiger und Dirigent Jean-Christophe Spinosi im Porträt. © Julian Laidig
Bringt sein Ensemble Matheus mit: der Geiger Jean-Christophe Spinosi.

Das 1991 gegründete Ensemble Matheus hat sich längst ein Repertoire von Monteverdi bis Schostakowitsch erobert; dennoch wird der Name seines Gründers, des französischen Geigers Jean-Christophe Spinosi, in erster Linie mit der Musik Antonio Vivaldis assoziiert. Bei den Konzerten des venezianischen Exzentrikers - wie etwa "La Notte" mit seinen nächtlichen Gespenstern und dissonanten Träumen oder "Il Gardellino" mit dem stilisierten Gesang des Distelfinken - leben Spinosi und seine Solisten ganz in ihrem Element.

Französische Kammermusik und englische Oper

Porträt von Christophe Rousset © Eric Larrayadieu
Legende am Cembalo: Christophe Rousset.

Am 1. September 1715 starb in Versailles der französische König Louis XIV, der "Roi-Soleil". Christophe Rousset und Les Talens Lyriques widmen ihr Konzert den "Musiciens de la Chambre du Roi", den Kammermusikern seiner königlichen Majestät: von François Couperin "le Grand" über Marin Marais, den epochalen Meister des Gambenspiels, bis zu dem als Wunderkind in Versailles protegierten Jean-Féry Rebel, einem Geiger der "Vingt-quatre Violons du Roi". Und von Jacques-Martin Hotteterre, dem legendären Flötisten, über die vom König "entdeckte" Komponistin Élisabeth Jacquet de La Guerre bis zu dem für seine "Cantates françoises" gepriesenen Nicolas Clérambault.

Porträt der Sopranistin Anna Prohaska © Harald Hoffmann /DG
Mit von der Partie: Anna Prohaska mit ihrem gefeierten Koloratursopran.

Henry Purcell wird in England als "the greatest English opera composer" gerühmt, obgleich er streng genommen mit "Dido and Aeneas" von 1689 bloß eine einzige Oper geschrieben hat. Anna Prohaska singt den Anfang und das Ende der Tragödie: Sie ist die Königin des Abends - als Dido und als Kleopatra. Im Wechselspiel mit Il Giardino Armonico wird sie im dritten Abo-Konzert neben Purcells Oper auch andere Dido-Dramen in Erinnerung bringen, etwa Christoph Graupners 1707 für die Oper am Gänsemarkt komponiertes Singspiel "Dido, Königin von Carthago". Und mit "Giulio Cesare in Egitto", einmal von Sartorio, einmal von Händel, ruft Anna Prohaska auch die Pharaonin Kleopatra aus der sagenumwobenen Vergangenheit herauf.

Kantaten-Donner und Shakespeare-Musik

Václav Luks © MAFRA David Turecký
Tschechischer Alte-Musik-Profi: Václav Luks.

In jungen Jahren schrieb Georg Friedrich Händel die Kantate "Donna, che in ciel", mit der 1708 der Jahrestag der Befreiung Roms vom Erdbeben an Mariae Lichtmess begangen wurde. Fünf Jahre später feierte Händel in England das Ende des Spanischen Erbfolgekrieges mit einem spektakulären "Te Deum". Nach dem verheerenden Erdbeben von Lissabon wiederum verhängte der Rat der Freien Reichs- und Hansestadt Hamburg für den 11. März 1756 einen Buß-, Fast- und Bettag, zu dem der städtische Musikdirektor Georg Philipp Telemann auftragsgemäß ein geistliches Oratorium schuf: die "Donner-Ode". Mit diesen Werken gastieren der tschechische Dirigent Václav Luks und sein Collegium 1704 beim NDR: unter Donner und Blitz.

Akademie für Alte Musik Berlin sitzt im Boot  Foto: Matthias Heyde
Nimmt uns mit über den Kanal: die Akademie für Alte Musik Berlin.

Ein Vorurteil muss im fünften Abo-Konzert endlich fallen: die üble Nachrede gegen England, das als "Land ohne Musik" verschrien ist, sehr zu Unrecht. Obgleich zwischen Purcell und Elgar tatsächlich eine auffallende Traditionslücke klafft, war und ist die Insel zuvor und seither reich gesegnet mit musikalischen Begabungen. Nachdem Anna Prohaska bereits mit Purcell und Locke eine Lanze für England brach, kommt sie wenige Wochen später mit ihrem Programm "Shakespeare & Music" und der Akademie für Alte Musik aus Berlin nach Hamburg zurück.

Händel-Kantaten zum Saisonabschluss

Cembalist und Ensembleleiter Eduardo López Banzo im Porträt © Eduardo López Banzo
Mittlerweile fast Stammgäste beim Alten Werk: Eduardo López Banzo und sein Ensemble Al Ayre Español.

"Zwischen den Flammen spielst du, mein Herz, aus Vergnügen": Diese Verse von Kardinal Benedetto Pamphilj vertonte der junge Händel als Solokantate für Sopran - nach dem Muster und Ideal des italienischen Zeitgenossen Alessandro Scarlatti. Der freilich war fleißig und komponierte an die achthundert Kantaten: ein reich bestelltes Feld für Entdecker wie den spanischen Cembalisten und Dirigenten Eduardo López Banzo, der seit mehr als 25 Jahren mit seinem Ensemble Al Ayre Español das Repertoire der Barockmusik um die reizvollsten Raritäten bereichert. Noch in Italien begann Händel mit der Komposition seiner Kantate "Apollo e Dafne", die er allerdings erst in Hannover vollendete, mittlerweile im Amt eines kurfürstlichen Hofkapellmeisters.

Orchester und Chor