Stand: 10.12.2007 11:00 Uhr

Al Jarreau und die NDR Bigband

von Johann Lankenau

Anlässlich der Proben zu der gemeinsamen Europatournee Ende 2007 lobt der US-amerikanische Sänger Al Jarreau die NDR Bigband überschwänglich als eine der besten Bigbands der Welt (siehe Kasten rechte Seite). Mit Standing Ovations und zwei Zugaben ging im Konserthus in Oslo dann die dreiwöchige Europa-Tournee von Al Jarreau und der NDR Bigband am 8. Dezember zu Ende. Die 17 Konzerte in den europäischen und deutschen Metropolen waren frühzeitig ausverkauft. Er sei von der musikalischen Reife und Ausstrahlung des 67 Jahre alten Sängers beeindruckt und immer wieder aufs Neue fasziniert gewesen, sagte Axel Dürr, Leiter der NDR Jazzredaktion, der die Tour über weite Strecken begleitet hatte. Jarreau sei im Programmteil "Porgy und Bess" regelrecht in die Rollen eingetaucht. Jarreau und NDR hätten schon auf der Heimreise Gespräche über weitere Auftritte mit dem Programm geführt, so Axel Dürr gegenüber NDR Online.

Ausverkaufte Konzerte und gute Presse

Die Presseresonanz auf die Europa-Tournee war erwartungsgemäß sehr stark und positiv. Unter der Überschrift "Ganz der Al" schreibt das Hamburger Abendblatt am 6. Dezember: "Heimspiel ist, wenn man spüren kann, dass einem kleinere Fehler jederzeit gern verziehen werden. Seit Jahrzehnten ist jedes Hamburger Konzert für Al Jarreau ein solches Heimspiel. Hier, im Onkel Pö, vollzog sich 1976 der Senkrechtstart in die Europakarriere. Hier, in der Laeiszhalle, gönnte sich der Sänger nun im Rahmen seiner Europa−Tournee mit der NDR Bigband einen Comeback−Abend, der mit einer Euphorie gefeiert wurde, die den 67-Jährigen selbst überraschte. Eine deutlich jüngere Bewunderin hielt es nicht mehr in ihrem Sitz, sie herzte Jarreau, als ginge es um Justin Timberlake." Das Abendblatt kritisiert dann allerdings Jarreau's Evergreen "Take Five" als zu routiniert, um dann fortzufahren: "Mit dem von Steve Gray maßgeschneiderten "Porgy and Bess"-Medley sah es anders, ganz anders aus. Der Akrobat wurde zum Feinzeichner, widmete sich diesen Klassikern des American Songbook mit einer Hingabe, die an jeder Phrase hing und die Charaktere lebendig und glaubwürdig werden ließ."

Geschmack, Stil und Takt

Al Jarreau und die NDR Bigband © www.stevenhaberland.com Foto: Steven Haberland
Bals stehen sie wieder an: Proben der NDR Bigband mit dem Sänger Al Jarreau.

Al Jarreau bezeichnet die NDR Bigband als ein Orchester, wie es in dieser Qualität weltweit nur wenige gebe. Diese Einschätzung spiegeln auch die Pressekommentare wider. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 28. November: "Geschmack, Stil und Takt sind nicht unbedingt Kategorien, die in der populären Musik heute gefragt sind. Umso schöner, wenn ein Konzert auch diesen Kriterien folgt. Al Jarreau hatte die Bühne der Alten Oper in Frankfurt noch nicht betreten, da erwiesen die NDR Bigband aus Hamburg und ihr Chef Dieter Glawischnig schon dem Genius loci ihre diskrete Reverenz. Stefan Lottermann spielte ein wunderschön melancholisches Solo über "You get the picture" von Michael Gibbs und ließ gleich zu Beginn ein paar Multiphonics auf der Posaune einfließen, jene mehrstimmigen Passagen, die das charakteristische Stilmerkmal des vor zwei Jahren verstorbenen Albert Mangelsdorff gewesen sind."

Porgy und Bess

Auch wenn einzelne Zeitungen den Programmteil mit Al Jarreaus Hits und Evergreens kritisieren, wird seine Leistung bei den Gershwin-Songs aus "Porgy und Bess" fast ausnahmslos hoch gewürdigt. So schreibt die Wiener Zeitung am 20. November: "Zu den unbestrittenen Höhepunkten des Abends wurde dennoch die zweite Hälfte des Konzerts - mit den neu arrangierten "Evergreens" aus Porgy & Bess. Al Jarreau und dem Ensemble gelang ein über weite Teile harmonisches Wechselspiel zwischen raumfüllenden Orchesterklang und gefühlvollen funkigen oder jazzigen Gesangspassagen von Jarreau." Die Klänge, die der gern als "Stimmakrobat" bezeichnete Sänger hervorbringt, inspirieren gar "Die Welt" am 5. Dezember zur Poesie: "Wer sich seinen einzigartigen Klang zu einer Bigband nicht vorstellen kann, möge an ein Bild von Caspar David Friedrich denken, in das ein außerirdischer, bunt schillernder Kristall hineinwuchert, der sich wie durch ein Wunder grandios einfügt. Und das dann in Klang übertragen."

Letzte große Tournee für Bigband-Leiter

Dieter Glawischnig und Steve Gray bei der Probe mit der NDR Bigband © www.stevenhaberland.com Foto: Steven Haberland
Dieter Glawischnig und Steve Gray

Der Dirigent der NDR Bigband, Dieter Glawischnig, verlässt sein Orchester im Sommer kurz nach seinem 70. Geburtstag. In 27 Jahren hat der Österreicher die Bigband zu dem gemacht, was die Kritiker inzwischen immer häufiger in Begeisterung ausbrechen lässt. Die Frankfurter Rundschau schreibt am 28. November über das Konzert mit Jarreau in der Alten Oper: "Die NDR Bigband unter der Leitung von Dieter Glawischnig, das ist auch eine klassische Konstellation, in der diese famose Formation das geworden ist, was sie heute ist, nämlich die in fast allen Parametern führende Bigband des Planeten."
Wenn die Presse schreibt, Bigband und Sänger begegneten sich musikalisch auf Augenhöhe, kann Axel Dürr das auf das Tour-Leben ergänzen. Al Jarreau habe seine Mitmusiker sehr respektvoll behandelt, sich gegeben wie ein Musiker unter Gleichen.

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