Stand: 17.04.2019 15:00 Uhr

"Ein Sechser im Lotto"

Der Trompeter und Flügelhornspieler Ingolf Burkhardt gehört seit rund 30 Jahren fest zur NDR Bigband.

Sie spielen seit 1990 in der NDR Bigband - die damit nun seit rund drei Jahrzehnten ein fester Bestandteil Ihres Lebens ist. Was bedeutet Ihnen das?

Ingolf Burkhardt: Über mein Dienstalter denke ich natürlich nicht jeden Tag nach, aber klar: In so einer Band sitzen zu dürfen und das zu machen, was ich am besten kann und am liebsten mag - das ist ein Sechser im Lotto! Das ist mir immer bewusst! Und ich habe in der Zeit natürlich eine Menge Erfahrung gesammelt. Ich war ja so jung, als ich angefangen habe, in der NDR Bigband zu spielen!

Alle meine anderen eigenen Projekte haben sich im Grunde aus Bekanntschaften ergeben, die irgendwie mit dem NDR und meiner Arbeit hier verknüpft sind. Auch die Entwicklung als Solist, die ich in den letzten knapp 30 Jahren hier durchgemacht habe, wäre natürlich ohne den NDR so nicht passiert. Denn, wenn man hier jeden Tag mit so wahnsinnig guten Leuten spielt - das hat mich damals einfach unglaublich gekickt.

Wie hat sich denn aus Ihrer Sicht die Band und Ihre Arbeit in den letzten 30 Jahren verändert?

Burkhardt: Da hat sich viel verändert! Als ich angefangen habe hier zu spielen, waren wir im Grunde ein reines Radio-Orchester. Das heißt, es wurden Aufnahmen gemacht - für Sendungen oder für's Archiv - und im Jahr vielleicht zehn bis zwölf Konzerte gespielt, wenn überhaupt. Mittlerweile spielen wir zusätzlich zu den Produktionen 50 bis 70 Konzerte! Alleine das sagt schon viel.

CD-Tipp

Back To The Roots

Seit 25 Jahren gehört Ingolf Burkhardt zur NDR Bigband. Mit der Musik der Crusaders und seiner Band Jazul kehrt der Jazztrompeter zu seinen musikalischen Wurzeln zurück. mehr

Natürlich hat sich auch die Band verändert: Früher war sie mehr oder weniger ein reines Unterhaltungsorchester, heute sind wir ein hochprofiliertes Jazz-Orchester. Wer heute neu in die Band kommt, muss ein entsprechendes musikalisches Profil mitbringen. Alleine die Vielfalt der Programme, die auch immer anspruchsvoller und komplexer geworden sind, müssen ja von den Musikern auch gespielt werden können. Das macht den Job hier natürlich auch so reizvoll!

Um als Trompeter in den hohen Registern besser spielen zu können, haben Sie sich eine Yoga-Atemtechnik angeeignet. Was zeichnet diese aus?

Burkhardt: Diese Atmung ist super, weil man damit die Kraft dort fokussiert, wo man sie wirklich braucht. Das hilft mir auch, die immer komplexer werdende Musik technisch und körperlich unbeschadet zu überstehen (lacht). Die Technik zielt darauf ab, das gesamte Volumen der Lunge zu benutzen, durch die sogenannte "Yoga-Vollatmung".

Mit der herkömmlichen Trompetenatmung, der "Bauch-Atmung", wie man sie seit Jahrhunderten kennt, nutzt man nur ein Drittel. Mein Lehrer Bobby Shew hat das als Lehrsystem auf den Punkt gebracht und an mich weitergegeben. Ich vermittle das auch in meinen Workshops. Deswegen kommen die Leute auch zu mir und wollen wissen, wie das geht.

Biografisches in Kürze

Jahrgang 1963, aufgewachsen in Unterschefflenz in der Nähe von Heidelberg. Ingolf Burkhardt lebt heute im ostholsteinischen Hammoor bei Bargteheide.

Instrumente: Trompete, Flügelhorn

Studium an der Hochschule für Musik in Köln. Privatunterricht bei Bobby Shew, der ihn musikalisch sehr prägte. Seine ersten professionellen Auftritte hatte er mit der WDR Big Band sowie der Band von Peter Herbolzheimer. Zahlreiche Solo-Auftritte mit namhaften Musikern wie Al Jarreau, Dave Holland, Lionel Hampton und Wayne Shorter. Zusätzlich ist er aktiver Studiomusiker und hat CDs mit seiner Band Jazul veröffentlicht. Daneben unterrichtet er und leitet Workshops und Masterclasses in ganz Europa.

Seit 1990 ist er festes Mitglied der NDR Bigband.

Seit vielen Jahren liegt Ihnen die Nachwuchsarbeit besonders am Herzen. Dafür engagieren sie sich zum Beispiel in verschiedenen Jugendorchestern. Für den Hamburger Landeswettbewerb "Jugend Jazzt" stiften Sie außerdem seit einigen Jahren den mit 500 Euro dotierten Sonderpreis "Ingolf Burkhardt Award". Wie kam es dazu?

Burkhardt: Ich saß bei "Jugend Jazzt" oft in der Jury - und dabei ist mir aufgefallen, dass bei den größeren Ensembles, die am Wettbewerb teilgenommen haben, die Noten zu den einzelnen Soli oft komplett aufgeschrieben waren - obwohl an diesen Stellen im Jazz ja normalerweise improvisiert wird. Das sind dann eben ambitionierte Lehrerinnen und Lehrer, die sich die Mühe machen, ein Solo zu notieren und mit den Schülern einzuüben. Vielleicht auch, weil sie nicht vom Jazz kommen, sondern einen klassischen Hintergrund haben, wo das Improvisieren nicht so üblich ist. Und es ist ja toll, dass sie sich diese Mühe machen!

Aber dann war es eben oft so: Da steht ein Mädchen am Tenor-Saxofon auf und spielt ein vorgegebenes Solo. Und ich dachte immer: Mensch, ich würde aber gerne hören, was sie selbst sich ausdenken würde - wenn es denn dazu käme. Das wollte ich mit dem Preis motivieren - denn darum geht's ja im Jazz ganz wesentlich: die Improvisation!

Auch die NDR Bigband kümmert sich auf verschiedenen Wegen um den Nachwuchs: Es gibt unter anderem Familienkonzerte, Kooperationen mit "Jugend Jazzt" - und einmal im Jahr die Schultour, bei der die NDR Bigband Konzerte mit norddeutschen Schulbands spielt ...

Burkhardt: Erst waren es nur die Konzerte, dann waren es Konzerte mit einem Gespräch im Anschluss - und seit 2017 fahren immer zwei Leute von uns schon als Vorhut an die Schule und studieren zwei Stunden lang mit den Bands ein Stück ein. In jeder Schulband sind immer so vier, fünf Leute, bei denen man merkt: Die brennen schon, die wollen damit später auch was machen. Das wird sehr gut angenommen. Ich finde, neben den ganzen tollen Konzerten natürlich, ist das eigentlich das Wichtigste, was wir als NDR Bigband tun!

Das Interview führte Jessica Schlage. (2019)