Stand: 13.01.2015 17:51 Uhr  | Archiv

"Gebärmaschine, Terrorist, Sozialschmarotzer"

von Mareike Fuchs, Lena Gürtler & Philipp Hennig

Eigentlich wollten sie an diesem Abend den Geburtstag ihres Propheten Mohammed feiern: Auf den Ornamentteppichen knien sich dutzende Männer nieder, verbeugen sich gen Mekka. Frauen mit Kopftüchern nehmen im Gebetsraum hinter den Männern Platz.

Der Hamburger Muslim Ehsan Safarzadeh. © NDR

"Gebärmaschine, Terrorist, Sozialschmarotzer"

Panorama 3 -

Für viele Muslime gehören Anfeindungen zum Alltag: Sie haben das Gefühl, sich für das rechtfertigen zu müssen, was die Attentäter in Paris angerichtet haben.

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Gedanken in Paris

Doch neben der Freude macht sich hier heute auch Betroffenheit breit. In der schiitischen Belal-Moschee in Hamburg drehen sich die Gespräche immer wieder um die Anschläge in Paris. „Meine Gedanken sind bei den Familien der Opfer“, sagt Ehsan Safarzadeh. Mit ihrem Glauben habe das nichts zu tun, sagen viele Gläubige.

Sie haben das Gefühl, sich für das rechtfertigen zu müssen, was die Attentäter in Paris angerichtet haben. Die Muslime fürchten, dass sie dies in Zukunft noch viel häufiger tun müssen. "Sobald irgendwo etwas passiert, wird man am nächsten Tag gefragt: Wie stehst du dazu, das waren doch auch deine Leute, bist du etwa auch so?", sagt Nadiah Ruhani. "Das stimmt aber nicht", sagt Jalda Haschimi. "Die Leute, die so etwas machen, sind psychisch krank, das sind keine echten Muslime. Terrorismus kennt keine Religion", sagt die 16-jährige Muslima.

Ablehnung gegenüber Muslimen wächst

Durch die Anschläge in Paris hat sich die ohnehin schon angespannte Stimmung gegen Muslime weiter verschärft. In den letzten Tagen gab es in Frankreich mehrere Anschläge auf Moscheen und Geschäfte von Muslimen. In Deutschland befürchten Muslime, dass sich so etwas hier wiederholen könnte.

Die Ressentiments gegen den Islam sind groß und in den letzten Jahren weiter gestiegen. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung finden 61 Prozent der Bundesbürger, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Das sind fast zehn Prozent mehr als im Jahr 2012.

Vorurteile und Ablehnung im Alltag

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Jalda Haschimi (re.) hat keine Lust mit Terroristen in einen Topf geworfen zu werden.

Viele Muslime erleben diese Ablehnung täglich. Nadia Ruhani spricht perfekt Deutsch und ist hier zur Schule gegangen. Die angehende Krankenschwester stößt immer wieder auf beleidigende Reaktionen. "Manchmal möchten Patienten nicht von mir behandelt werden aufgrund meines Kopftuches", sagt sie.

Auch die Auszubildende in einem Reisebüro, Nuray Sütcü, kennt solche Situationen. "Wenn ich am Telefon Reservierungen mache, denken einige Kunden, dass ich Deutsche bin. Dann kommen sie her, sehen eine Kopftuchträgerin und gehen wieder raus", sagt sie.

Anfeindungen gehören zum Alltag

Auch in einer Stadt wie Hamburg, die sich für ihre Weltoffenheit rühmt, sind Beleidigungen für viele Muslime zur Normalität geworden. Panorama 3 hat mit Dutzenden Muslimen gesprochen, fast jeder berichtet von Anfeindungen im Alltag. Frauen, die ein Kopftuch tragen und mit Kindern unterwegs sind, werden als Gebärmaschinen beleidigt. „Die Leute gehen davon aus, dass ich sowieso kein Deutsch spreche und sagen dann Dinge wie: Typisch Ausländer, nur Kinder kriegen und von Hartz IV“ leben, sagt Aysel Özkan. Die 22-Jährige hat Abitur gemacht und möchte einmal Lehrerin werden.

"Den Glauben an das Gute nicht verloren"

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Bleibt optimistisch: Ehsan Safarzadeh.

Doch es gebe auch positive Erfahrungen. Nach der Stimmungsmache von Pegida in den letzten Monaten berichten Muslime auch von aufmunternden Reaktionen und Zustimmung. Sie freuen sich über die Gegenkundgebungen und fühlen sich nach wie vor in Hamburg wohl. Ihre Hoffnung ist, dass trotz Pegida und Paris die Mehrheit der Deutschen zu differenzieren weiß zwischen Islam und Islamismus. "Ich bin trotz allem guter Dinge", sagt Ehsan Safarzadeh, "ich habe den Glauben an das Gute hier bei den Deutschen nicht verloren.“

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 13.01.2015 | 21:15 Uhr

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