Stand: 25.01.2018 09:36 Uhr  | Archiv

"Miss Tagesschau" wird 75

von Gaby Büchelmaier

Frauen können keine Nachrichten sprechen, weil sie nichts von Politik verstehen und bei Unglücksmeldungen in Tränen ausbrechen. Die Erste, die dieses männliche Vorurteil bei der Tagesschau widerlegte, war Dagmar Berghoff. 23 Jahre lang, von 1976 bis 1999, las sie die Meldungen in Deutschlands meistgesehener Nachrichtensendung.

Politik sei "unweiblich", so die feste Überzeugung, die viele damalige Kollegen um Dagmar Berghoff herum vertraten. Dass sie keineswegs dazu neigte, bei ernsten Themen zu weinen, bewies sie jedoch schnell und überzeugend. Eine kleine Emotion dagegen, ein kurzes Lächeln vielleicht beim Thema Adelshochzeit sei erlaubt, so die ehemalige Chefsprecherin in späteren Interviews.

Das war jedoch damals noch Zukunftsmusik. Denn zunächst war es tatsächlich eine kleine Revolution, als Dagmar Berghoff am 16. Juni 1976 als erste Frau in der Geschichte der Tagesschau die Nachmittagsausgabe las. Bis es dazu kam, musste sie in der männerdominierten Medienwelt eine Reihe von Hürden überspringen. So hatte sich unter anderem der damalige Chefsprecher der Nachrichtensendung, Karl-Heinz Köpcke, gegen eine Frau bei der Tagesschau ausgesprochen. Schlussendlich musste er jedoch nachgeben, weil die Direktive, sie einzustellen, "von oben“ gekommen war, wie sich Berghoff erinnert.

Adelsprädikat "Miss Tagesschau"

Lange Zeit war sie, die eigentlich Schauspielerin werden wollte, die einzige Frau bei der Tagesschau. An der Hamburger Hochschule für Musik und darstellende Kunst absolvierte Dagmar Berghoff in den 60er-Jahren eine Schauspiel-Ausbildung und übernahm danach kleinere Rollen am Theater und im Film. Nach Stationen als Fernsehansagerin, Hörfunksprecherin und Moderatorin beim damaligen Südwestfunk (SWF) kehrte die gebürtige Berlinerin 1975 nach Hamburg zurück und arbeitete für den NDR Hörfunk.

Mit absoluter Professionalität überzeugte Berghoff dann, als es darum ging, das Sprecher-Quartett Jo Brauner, Wilhelm Wieben, Karl-Heinz Köpcke und Werner Veigel zu ergänzen. Veigel, dessen Nachfolgerin auf der Position des Chefsprechers sie 1995 wurde, war an ihrem ersten Arbeitstag bei der Tagesschau eigens ins Studio gekommen, um zu sehen, ob sie "umkippe oder ihr die Sprache wegbliebe vor Schreck“, wie Dagmar Berghoff 2014 in einem Interview mit dem SWR amüsiert berichtete.  

Wer kennt es nicht, das "WC-Turnier"? 

Dagmar Berghoff © NDR
Konnte sich das Lachen nicht verkneifen, und die Nation lachte mit: Dagmar Berghoff beim Verlesen der Nachricht über das WCT-Turnier (1988).

Obwohl sie als sehr zuverlässig galt, vergaß Dagmar Berghoff im Laufe der 23 Tagesschau-Jahre dreimal ihren Dienst. Einmal schaffte sie es im Schlussspurt noch vor die Kamera, zweimal mussten Kollegen für sie einspringen.

Und unvergessen natürlich ihr Lachkrampf, als sie am 2. April 1988 bei der Meldung über Tennisspieler Boris Becker statt vom WTC-Turnier vom "WC-Turnier" sprach - inzwischen ein Klassiker, wenn es um Pannen im Fernsehen geht.

Dagmar Berghoff während ihrer letzten Sendung als Sprecherin der Tagesschau am 31. Dezember 1999 © dpa - Fotoreport
Dagmar Berghoff am 31. Dezember 1999 in der Tagesschau - es war ihre letzte Sendung als Sprecherin.

Am 31. Dezember 1999 las Dagmar Berghoff zum letzten Mal die Tagesschau. Sie hatte sich dieses Datum fest vorgenommen, und auch die inständige Bitte der Senderverantwortlichen an sie, weiterzumachen, änderte nichts an ihrem Entschluss.

Einmal, am 19. April 2014, ist sie dann aber doch noch zu den Kolleginnen und Kollegen der Nachrichtenredaktion zurückgekehrt - als "Glückbringer der Redaktion" für die erste Tagesschau-Ausgabe aus dem neuen Studio. Vor Beginn der Sendung hat sie sich an den geschwungenen Moderationstisch gestellt - und mit ihrer warmen, leicht rauchigen Stimme "Guten Abend, meine Damen und Herren" gesagt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 25.01.2018 | 07:40 Uhr

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